Ausgabe 08/2005 - Schwerpunkt Die Mitte

Hier ist noch Platz

Wir sitzen in Auerstedt im "Reinhardt's im Schloss", einem Edel-Restaurant, das in Berlin nicht auffiele, außer vielleicht wegen des Thüringer-Bratwurst-Carpaccios, aber hey!, schließlich befinden wir uns im Hinterland von Thüringen, das Stichwort "exotisch provinziell" ist auch schon gefallen, und nun sagt Micky Remann: "Es gibt hier auf dem Land so eine wurschtige, aber kollegiale Neutralität, die mir sehr geholfen hat. Wenn wir wissen wollen, wie es in den Städten ist, müssen wir doch nur bis Weimar sehen. Natürlich haben die da ihre Institutionen und ihre Etats, aber es ist für aktive Menschen trotzdem enorm schwierig, dort irgendetwas zu tun. Die Strukturen sind festgezurrt, alle Claims abgesteckt, und jetzt ist es wie beim Mikado-Spielen: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Hier dagegen haben wir die Freiheiten der Provinz, und natürlich tun wir eine Menge, um diese Freiheiten zu nutzen, aber ich kann auch sagen: Die Projekte, die wir hier gemacht haben, wurden immer gut angenommen." Remann, ein smarter 54-Jähriger, der deutlich jünger aussieht, lebt seit vier Jahren in dem 500-Einwohner-Dorf Auerstedt nahe Bad Sulza bei Weimar. Eine erstaunliche Wahl für einen, der sich früher als "Globaltrottel" bezeichnete und in der ersten Hälfte der Achtziger als Reporter um die Welt reiste, seine Berichte erschienen damals unter anderem in "Transatlantik". Über seinen Umzug aufs Dorf sagt er: "Es hat sicherlich geholfen, dass ich viel gesehen habe. Das hat dazu geführt, dass ich das Leben in Sydney, Frankfurt oder Auerstedt nicht gegeneinander abwäge, nach dem Motto: Hier ist es hip und da blöd. Ich bin mit derselben Offenheit und Neutralität nach Thüringen gekommen, mit der ich durch das australische Hinterland gefahren bin. Ich habe mich nie mehr in der Provinz gefühlt als damals, als ich von meiner Weltreise in das verhärmte Frankfurt zurückkam. Und nun finde ich mich im äußersten Thüringen wieder und stelle fest: Mehr Weltpräsenz als in diesem Dorf gibt es woanders auch nicht. Ich bin davon überzeugt, dass man an jedem beliebigen Ort mit der ganzen Welt in Verbindung bleiben kann. Hier kommt natürlich hinzu, dass alle nach Bad Sulza kommen, um Liquid Sound zu erleben." Liquid Sound, Musik unter Wasser, war die Idee, die Remanns Leben veränderte. Er kam darauf, als er einen Gitarristen traf, der Unterwasserlautsprecher benutzte, um Musik mit Walen zu machen. 1986 organisierte er das erste Liquid-Sound-Konzert in Frankfurt, im November 1993 wurden erste Testbecken in der Kurklinik Bad Sulza eröffnet, 1999 entstand die große Anlage in der neu gebauten Toskana Therme, 2002 folgte eine Anlage in der zurzeit geschlossenen Liquidrom Therme in Berlin, 2004 eine in Bad Schandau, die nächste soll in Schleswig entstehen. Tatsächlich ist es eine sehr angenehme Erfahrung, in körperwarmem Salzwasser zu treiben und dabei Musik zu hören, aber das ist nicht der einzige Grund für den enormen Erfolg: Remann ist auch ein ungeheuer souveräner Verkäufer, der als künstlerischer Direktor der Therme mit Aktionen wie Vollmondbaden bis zum Morgengrauen oder der Live-Übertragung eines Konzerts aus Weimar nicht nur für die Unterhaltung seiner Gäste sorgt, sondern auch dafür, dass die Anlage in den Medien und so im Gespräch bleibt.

Wirklich nötig ist das inzwischen kaum noch: Das Hotel an der Therme hat eine Auslastung von unglaublichen 80 Prozent, jährlich kommen mehr als 160 000 Besucher in den 3000-Einwohner-Ort, inzwischen kann man Reisen dorthin auch bei Neckermann oder Tui buchen. Deren Kunden stellen neben Tagesgästen aus der Umgebung den Großteil des Publikums. Ich werde sie später sehen, im Park der Kurklinik, in der sich zu DDR-Zeiten Uran-Bergwerker erholten, und sie werden sagen, dass es hier viel schöner sei als in den schicken Kurorten im Westen. Sie sind die Zielgruppe, die Bad Sulza und seine Umgebung zu einem ungeahnten Aufschwung verholfen hat, vermutlich, weil sich sonst kaum jemand für sie interessiert: die Provinz.

In der vernetzten Welt ist die Provinz weniger ein Ort als eine persönliche Eigenschaft Das Wort Provinz kommt aus dem Lateinischen, also aus einer Zeit, als Rom der Mittelpunkt der Welt war. Es war ein Begriff für einzelne Gebiete im Hinterland, aber für Deutschland, wo es auf 357000 Quadratkilometer Fläche 231000 Kilometer Straße gibt, inklusive 11500 Kilometer Autobahn, taugt es wenig: Bad Sulza ist nur 30 Kilometer von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt - und das ist hier zu Lande weit. Abgesehen davon, ist die Verbindung zu den Zentren bekanntlich zunehmend weniger von der physischen Präsenz als von den eigenen Kommunikationsmöglichkeiten und -fähigkeiten abhängig, und so ist es vielleicht angemessener, die Provinz als persönlichen Abstand zur Welt und dem, was in ihr vorgeht, zu betrachten. Die, wie Remann sie nennt, "urban versnobte Oppositions-Kulturszene" in den Metropolen kann dann ebenso provinziell sein wie ein Bauer in Thüringen - wobei gut möglich ist, dass der Bauer dem Neuen interessierter gegenübersteht.

Remann hat in Auerstedt jedenfalls gute Erfahrungen mit seinen Nachbarn gemacht. Er hat den Förderverein Auerstedt e. V. gegründet, betreibt die Website www.auerworld.de und feiert im Dorf jährlich das Auerworld-Festival, eine große Party, die im und um den Auerworldpalast stattfindet, einem Kuppelbau aus lebenden Weidenbäumen. Dieses Jahr hat er außerdem ein Fest der offenen Höfe organisiert, zu dem 3000 Besucher kamen, und eine Maloca errichtet, einen großen kathedralen-ähnlichen Holzbau, dessen Grundriss auf den Versammlungshäusern der Surui-Indianer aus dem brasilianischen Regenwald basiert. Remann meint, es sei kaum möglich, in einer größeren Stadt für so ein Gebäude eine Genehmigung zu bekommen, aber hier, in seinem Weltdorf, sei das kein Problem. Überhaupt sei vieles einfach, das liege auch an dem rührigen Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung und Kulturpflege des Kreises Weimarer Land, Hans-Jürgen Giese. Der hat unter anderem in dem nahe gelegenen ehemaligen Textil-Großstandort Apolda einen der wichtigsten Designpreise, den European Design Award, initiiert und so dafür gesorgt, dass sich einmal im Jahr alle großen Designer in einer ostdeutschen Kleinstadt treffen.

Nun kann man einwenden, dass die Therme der wichtigste Wachstumsmotor der Region ist und die Behörden deshalb wohl gern auch bei anderen Projekten behilflich sind. Aber das erklärt nicht die Aufgeschlossenheit der Landbewohner. Im Gegensatz zu dem Vorurteil "Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht" sind die Alteingesessenen an allem interessiert und machen alles mit. Auch das Edel-Restaurant "Reinhardt's" ist an diesem trüben Nachmittag mitten in der Woche relativ gut besucht. An den Tischen sitzen normale Leute, kein Gast sieht aus wie Teil einer Provinzschickeria. Scheinbar gibt es hier, fern der zentralen Event-Kultur, etwas, das in den Metropolen inzwischen völlig fehlt: einen echten Bedarf.

Den sieht auch Holger Rabe in Hameln: "In den Metropolen ist der Freizeitmarkt abgefischt, da müssen Sie mit Mega-Events kommen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn es uns dagegen hier gelingt, die Leute zu interessieren, haben wir es leichter als in der Großstadt, denn hier gibt es nicht so viel zu tun, und so haben die Leute Zeit, sich auf Erfahrungen einzulassen." Rabe ist der wissenschaftliche Leiter der Erlebniswelt Renaissance, einem virtuellen historischen Freizeitpark, der am 1. September im Weserbergland eröffnet wurde. Als wir ihn in Hameln treffen, ist der Historiker enthusiastisch, aber auch etwas hektisch: Die Eröffnung steht kurz bevor, es gibt noch viel zu tun, und alles ist neu - für das Projekt gibt es keine Vorbilder.

Die Erlebniswelt Renaissance basiert auf einer Studie, die vor fünf Jahren auf der Suche nach brachliegenden, vermarktbaren Tourismuspotenzialen rund um Hameln einige Orte entdeckte, die eine historische Klammer verbindet: Höxter, Rinteln, Stadthagen, Schloss Bückeburg und Schloss Bevern sind wie Hameln Stätten der Weser-Renaissance. Vor 70 Jahren war die ein großes Thema im Tourismus, der Slogan lautete damals "der deutscheste Baustil im deutschesten Land", die Weser wurde als "der einzige komplett deutsche Strom" vermarktet. Seitdem hatte sich allerdings wenig getan. Einige Bildungsbürger tröpfelten noch durch die historischen Ortskerne, aber jenseits der wackeren Rentner interessierte sich kaum jemand für Sehenswürdigkeiten, deren Reiz Rabe mit "schön alt" eloquent zusammenfasst. Also suchte man ein neues Konzept, mit dem man vor allem Besucher mit wenig Vorwissen erreicht.

Die Grundlage dafür ist nun eine eigene Weiterentwicklung konventioneller Museumsführer, die auf Knopfdruck Informationen zu einzelnen Objekten liefern: der E-Guider. Das Gerät erfasst jeden Besucher über ein Satelliten-Ortungssystem, ähnlich einem Navigationssystem im Auto, und schickt ihm über Kopfhörer Informationen zu dem Ort, an dem er sich gerade befindet. Damit sollen Museen oder Schlösser individuell zu entdecken sein, aber auch ganze Ortscharten. Das ist die spektakulärste Idee in dem Projekt, auch wenn sie eigentlich simpel ist: Die Besucher sollen ihre Rundgänge durch Höxter und Rinteln innerhalb von Szenarien machen, die ähnlich wie Historien-Romane funktionieren. In Höxter darf der Gast einen authentischen Mordfall aufklären und erfährt nebenbei, wie früher Märkte organisiert waren, in Rinteln geht es um eine tragische Liebesgeschichte, aber auch darum, wie eine Universität funktionierte. Grundsätzlich ist so etwas selbstverständlich überall machbar, und so ist die Erweiterung inklusive Marke und Technik schon geplant: Kandidaten sind Görlitz und die böhmischen Renaissance-Schlösser in Tschechien sowie Regionen in Spanien, den Niederlanden und Belgien. Doch erst mal warten alle ab, wie das Projekt rund um Hameln läuft.

Ursprünglich sollte die Erlebniswelt im Juli starten, also pünktlich zur Hauptsaison, aber der Termin war wegen technischer Probleme nicht zu halten, und vielleicht war das gut so: Das System ist neu und wird sicherlich Startschwierigkeiten haben. Im Hochzeitshaus in der Altstadt von Hameln, das als interaktives Museum das Zentrum des Projektes ist, kämpfen bei unserem Besuch noch die Handwerker mit der Installation der fragil wirkenden Multimedia-Technik. Trotzdem durchströmt die schönen Räume auch schon ein leises Versprechen von Wissen und Abenteuer. Thomas Gersmeier, Geschäftsführer der Erlebniswelt Renaissance Projektentwicklung GmbH, erzählt, dass in einer Kleinstadt viele Postenträger Zeit haben und gern ein wenig mitbestimmen, weshalb man sich etwas einfallen lassen muss. "Man kann hier nicht einfach ein Museum eröffnen, denn im Museum war jeder mal und ist deshalb dafür ein Fachmann. Aber wenn man etwas tut, was es vorher noch nicht gegeben hat, lassen sie einen machen und warten erst mal ab." Ein wenig Kompetenzgerangel lässt auch Holger Rabe durchblicken. "Die Provinz kann sehr konservativ sein. Wenn Sie zum Beispiel ein Netzwerk über die Ortschaften legen wollen, gibt es das Problem, dass sich alle als etwas Eigenständiges begreifen, es gibt ganz viele Grenzen und Claims. Wir haben es hier mit drei Kreisen, vielen Gemeinden und sogar einer Landesgrenze zu tun." Aber gegen ehe Fördersumme von 14 Millionen Euro und einer Projektförderzeit von 15 Jahren lässt sich schlecht argumentieren. Besonders wenn man aussieht wie die meisten Kleinstädte in Westdeutschland: versaut von zu viel Geld und zu wenig Verstand.

Einige Kleinstädte wurden vom Krieg zerstört, für die anderen übernahm das die Stadtsparkasse Das ist das, was Besuchern aus der Großstadt als Erstes auffällt und was sicherlich zum schlechten Ruf des Hinterlandes erheblich beiträgt: die Bausünden. Während Dörfer und Kleinstädte im Osten zwischen pittoresk verfallen und dekorativ erneuert schillern, weil dank der einstigen Mangelwirtschaft die alte Bausubstanz fast vollständig erhalten blieb, leiden kleine Orte im Westen bis heute unter dem Wohlstandsschub der sechziger und siebziger Jahre. Damals war die Provinz noch Provinz, und so ließ sich jeder Sparkassendirektor eine neue Zentrale erbauen, gern zentral am alten Marktplatz und ganz modern, mit Sichtbeton oder opulenter Metallverschalung. Ein extrem abwegiges Stück Architektur steht auch am Ortseingang von Rinteln, wo es groß, unförmig und hässlich versucht, von der hübschen Altstadt abzulenken - gegen so ein Monstrum anzuspielen ist auch für das ausgefuchsteste historische Szenario eine Herausforderung.

Doch solche Verirrungen der Provinz gehören der Vergangenheit an, folgt man dem Leiter Produktentwicklung und Innovation des Fußboden- und Paneel-Herstellers Parador, Udo Tünte: "Ich glaube nicht, dass man heute zwischen Stadt und Land grundsätzlich unterscheiden kann. Auf dem Land wird häufig modern gelebt und in der Stadt manchmal provinziell gedacht." Parador sitzt in Coesfeld, einer Kleinstadt nahe Münster, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, was die Einwohner scheinbar dazu bewog, auch die übrigen historischen Gebäude abzureißen oder modern zu verkleiden. Heute wirkt die gleichförmige Backsteinarchitektur, als hätte Gott der Hoffnungslosigkeit ein Gesicht geben wollen. Besichtigt man die Kleinstadt nach einem Besuch bei Parador, wirkt das besonders absurd, denn das mittelständische Unternehmen ist in jeder Hinsicht das Gegenteil.

Echt wahr: In neun Tagen kamen 2000 Besucher nach Coesfeld, um sich Wandpaneele anzusehen Parador wurde 1977 gegründet, stellte ursprünglich Paneele und Leisten her und produziert heute mit knapp 700 Mitarbeitern an drei Standorten in Deutschland und Österreich Dekorpaneele, Parkett und Laminat. Auf die Auslagerung der Produktion ins billige Ausland wurde bisher verzichtet, was sich die Firma auch leisten kann, weil sie kein Massenanbieter ist, sondern ein " Bauchladen für den höheren Anspruch". Der Geschäftsführer Volkmar Halbe will für die Zukunft eine Verlagerung nicht völlig ausschließen, doch er sagt auch: "Wozu? Es läuft hier doch sehr gut." Er leitet Parador seit 1997, als das Unternehmen begann, seine Produkte zu exportieren - heute werden aus Coesfeld 65 Länder beliefert. Parallel wurde die Marke aufgebaut. Seit 2002 gibt es unter dem Slogan "Ein Traum von Raum" auch TV-Spots, etwa zu selben Zeit begann man, einige Produkte nicht nur im traditionellen Fachhandel, sondern auch in Baumärkten zu verkaufen. Das alles war revolutionär für eine Branche, in der lange nach Handwerkerart behäbig vor sich hin gekruschelt wurde, aber der Umsatz ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, und so hat die Konkurrenz an vielen Punkten brav nachgezogen.

Der letzte Coup von Parador war der Verzicht auf die Teilnahme an Messen in Deutschland. Stattdessen baute sich das Unternehmen ein eigenes Ausstellungszentrum in Coesfeld und lud zur Hausmesse - in diesem Jahr kamen in neun Tagen mehr als 2000 Besucher. Halbe erzählt, dass jeder Gast einen Gutschein für eine Übernachtung bekommt, aber nur 30 Prozent das Angebot nutzen: Die Leute seien froh, wenn sie abends wieder zu Hause sind, viele hätten auch keine Zeit. Und nein, das sonst übliche Großstadtflair rund um eine Messe scheint niemand zu vermissen. Abgesehen davon, kommen jährlich auch noch etwa 3000 Besucher aus Handwerk und Handel für Schulungen nach Coesfeld. Ja, so sieht es aus: Parador ist ebenfalls mit der ganzen Welt verbunden, und das beschreiben Volkmar Halbe und seine Kollegen Hans-Jürgen Würfel, Leiter der Technik, und Entwicklungschef Udo Tunte mit einer Selbstverständlichkeit, als sei etwas anderes auch nicht zu erwarten.

Und der abgelegene Standort? Ist der kein Problem? Hans-Jürgen Würfel, ein gelernter Schreiner, sieht eher einen Vorteil: "Ich bin auf die Bodenständigkeit meiner Mitarbeiter angewiesen, denn ich brauche Leute, die unsere Geschichte kennen und ein Wissen haben, das für uns wichtig ist. Eine hohe Fluktuation wäre für uns schädlich - und in der Stadt ist alles hektischer und beliebiger." Volkmar Halbe teilt die Sichtweise, hält aber sonst den Standort für neutral: "Eine Zeit lang war es schwer, Leute aus einigen Bereichen hierher zu bekommen, früher galt das für IT-Spezialisten, beim Marketing ist es immer noch nicht einfach. Aber wenn Sie sich mal die heimlichen Sieger ansehen, stellen Sie schnell fest: Die sitzen alle in kleineren Orten." Und dann sind da noch die unbebauten Flächen, auf denen die Natur wuchert, und der freie Blick Später besichtigen wir die Produktion mit ihren lauten, schweren Maschinen und das so genannte Trendcenter, in dem Parador-Produkte innerhalb von Wohnlandschaffen gezeigt werden. Hier versteht man auch, was Entwicklungschef Udo Tünte meinte, als er sagte: "Es ist klar, dass jeder früher oder später die neueste Technologie hat und man sich deshalb durch Content unterscheiden muss." Volkmar Halbe hatte schon vorher angemerkt: "Man kann nicht alles selber machen, man braucht unterschiedliche Charaktere an unterschiedlichen Stellen, die Mischung macht's." Und das ist es letztlich, was an Parador am meisten beeindruckt: das entspannte Miteinander seiner Chefs. Eigentlich kann so ein Team gar nicht funktionieren, bestehend aus einem kühlen Manager, einem kernigen Handwerker und einem Innenarchitekten, der erzählt, dass er früher ein "bunter Vogel" mit schulterlangem Haar war. Aber es klappt trotzdem, und vielleicht ist das ein echter Vorteil des Hinterlandes: Weil die Ablenkung fehlt, ist die Arbeit wichtiger, man beschäftigt sich mehr mit ihr. Hans-Jürgen Würfel sagte: "Wir sind hier bei Parador traditionell eine sehr ausgeprägte Gemeinschaft. Das ist doch auch kein Wunder. Das ist hier unser Leben." Und vielleicht kommt noch etwas dazu, etwas, das man erst mit der Zeit begreift, wenn man sich bereits an den weiten Blick über die stillen Felder und das beruhigende Grün am Rand der Straße gewöhnt hat. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, in einer Großstadt zu leben, hatte Tünte geantwortet, eventuell zwei Monate im Jahr in Mailand, aber er liebe die Ruhe. Und Würfel sagte: " Ich würde nicht in eine Großstadt gehen, das ist mir zu hektisch. Ich habe auf dem Land meine Ruhe, und ich habe den Geruch, wenn Heu geerntet oder ein Feld gepflügt wird." Das klingt für Großstädter erst mal hinterwäldlerisch, aber der Eindruck legt sich, wenn man selbst in einem Wald steht. Und merkt, dass man etwas zu lange vermisst hat. Wenn man nach zwei Stunden zwischen Bäumen plötzlich seltsam ruhig ist. Angenehm schwer. Warm und satt.

Der Wald ist gut, der Mensch fühlt sich in ihm besser, und so werden die Worte weicher Das ist exakt das Gefühl, das der Gast aus dem Wildwald Vosswinkel mitnehmen soll, und so kann hier festgehalten werden: Es funktioniert. Der Wildwald liegt in der Nähe von Arnsberg, südöstlich von Dortmund, und der Name ist ein bisschen übertrieben: Es gibt auf dem 900 Hektar großen Gelände auch ein verwildertes Gebiet, aber der weitaus größte Teil des Waldes wird wirtschaftlich genutzt - das war auch die Grundidee.

Seit 1969 entwickelte der Großgrundbesitzer und Forstwirtschaftler Wolfhard von Boeselager das Gelände als ein Gebiet, das einerseits ganz klassisch Großstädtern ein Naturerlebnis ermöglichen, andererseits aber auch Einblick in die Forstwirtschaft geben soll. Bis heute ist das Konzept geblieben: Zwar gibt es auch einige Tiere, vor allem Hirsche und Wildschweine, aber im Gegensatz zu den üblichen Wildparks geht es in erster Linie um den Wald. Mit Fühlungen, Lehrgängen und Übernachtungen im Wald sollen die Menschen und die Natur zusammengerührt werden. Und wenn Bäume gefällt werden, wird das ebenfalls angekündigt, damit sich die Leute das ansehen können, denn der Mensch und seine Nutzung der Natur gehören auch zum Wald.

Susanne Preiß, die seit 1998 im Wildwald Vosswinkel arbeitet und ihn inzwischen leitet, ist es besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Wald nicht auf Idealismus basiert, sondern auf dem Streben nach Profit. Und das funktioniert: Zu von Boeselagers Unternehmen gehören Wälder in Deutschland und den USA, ein landwirtschaftlicher Betrieb und Immobilien, aber ihr Wald hat seinen Anteil am Gesamtergebnis der Unternehmensgruppe in den vergangenen Jahren beständig gesteigert.

Preiß hat Geografie und BWL mit dem Schwerpunkt Tourismus studiert, sie sagt "Produkte" und "Zielgruppen", so wie jeder, mit dem ich spreche und nicht nur beruflich, seit Jahren schon, alle haben das Vokabular der Betriebswirtschaft gelernt und wollen wirtschaftlich sein. Und ich, der ich gerade aus dem Wald gekommen bin, denke, nee klar, Gewinn machen, logisch, und finde die Frau etwas ungemütlich. Dann gehen wir noch einmal in den Wald, und plötzlich blüht sie auf, hier gehört sie hin, die Sätze werden runder und die Worte weicher, wie der Boden unter unseren Füßen, sie liebt ihren Wald. Ich frage mich, ob es hier vielleicht besser für uns alle wäre. Ob wir alle hierhin gehören. Dann geht es weiter, zum nächsten Termin.

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