Ausgabe 08/2005 - Markenkolumne

Ein Klumpen Freiheit

"Das Interessante am Zufallsgenerator im I-Pod ist, dass man die Reihenfolge der Songs nicht kontrollieren kann. Damit kehrt plötzlich das Überraschende in der Musik zurück. Es ist das erste kommerzielle Produkt, das den Zufall nutzt, und das ist eine sehr interessante Reaktion auf das Übermaß an Wahlmöglichkeiten. Wir hatten eine ganze Generation, die gesagt hat, du hast mehr und mehr Wahlmöglichkeiten, du kannst alles haben, was du willst. Aber es hat sich niemand darum gekümmert, was eigentlich passiert, wenn du all diese Möglichkeiten hast. Was tust du? Und der kleine I-Pod sagt: Du tust nichts. Du lässt dich einfach überraschen." (Brian Eno in "Word" 30. August 2005) Kürzlich traf ich an einem Tag kurz nacheinander zwei Millionäre. Den einen kenne ich schon einige Zeit, er ist ein netter Kerl, aber immer etwas blass, wie schlecht durchblutet, und wirkt bei jedem unserer etwa jährlichen Treffen etwas weniger gesund als zuvor. Seit ich ihn kenne, sucht er einen Job. Ich habe ihm mehrfach vorgeschlagen, er solle etwas Ehrenamtliches machen, doch er wollte unbedingt Geld verdienen, auch wenn er daran nie interessiert genug war, um sich tatsächlich eine Arbeit zu suchen. Inzwischen wirkt er völlig hoffnungslos, und natürlich hat er noch immer keinen Job.

Den anderen traf ich zum ersten Mal. Er war dabei, als gerade eine Touristenattraktion aufgebaut wurde, die er für die Stadt Hamburg finanziert hat. Er packte mit an, gemeinsam mit vielen weiteren Helfern, während ich mich wunderte, dass der Mann dafür Zeit hat, denn ich hatte von ihm gehört, dass er permanent unterwegs ist, weil er sich um seine vielen Firmen kümmern muss, seine Familie und dann auch noch um diverse gemeinnützige Initiativen. Es war ein sonniger Tag, und der schwer ackernde Millionär war gut gelaunt.

Nicht jeder, der viel Geld hat, hat zu viel Geld, aber wer zu viel Geld hat, hat ein echtes Problem - nicht zuletzt deshalb, weil niemand sein Problem ernst nehmen wird. Und ich spreche nicht von Villenbesitzern, es reicht, wenn du in der Altbauwohnung oder im Einfamilienhaus blicklos am üppig gedeckten Abendbrottisch sitzt, im Mittelklassewagen oder mit Vierradantrieb die Kleinen in den homöopathischen Kindergarten oder zum Reiten fährst, danach erschöpft ins wohl temperierte Einkaufszentrum oder in eine Boutique mit eigener Schneiderei fällst und dabei die ganze Zeit auf das Leben wartest, denn das kann doch nicht alles sein, dieses Dasein, gegen das es nichts einzuwenden gibt. Ich kenne solche Menschen, und ich glaube, sie ertrinken im Meer der Möglichkeiten: Während Armut zur Fokussierung auf das Überleben zwingt, gibt es im Wohlstand keine Sachzwänge, man muss sich seinen Lebensrahmen selbst schaffen, und angesichts der unüberschaubaren Mengen potenzieller Lebensentwürfe verlegen sich einige darauf, ihren Wohlstand angemessen darzustellen und sonst darauf zu hoffen, dass irgendwann irgendetwas passiert - auch wenn sie viel Geld investieren, damit nichts passieren kann. Klar, eine Erbschaftssteuer von 90 Prozent wäre hilfreich - aber vielleicht reicht es auch schon, das Navigationssystem auszuschalten.

Let's get lost. Frank Loesser schrieb 1943 ein Lied mit diesem Titel für die Komödie "Happy Go Lucky", in dem es heißt: "Let's get lost, lost in each others arms / Let's get lost, let them send out alarms (...) Let's defrost, in a romantic mist / Let's get crossed, off everybody's list / To celebrate this night we found each other / Darling, let's get lost." Okay, das erwähnte Paar will in dem Film auf Trinidad verloren gehen, einem Karibikparadies, das vermutlich der beste Ort der Welt dafür ist, aber das zeigt nur die notwendige Basis der Grundidee: Wo es schön ist und sicher, verschwindet man, um Zeit für sich und sein Leben zu haben - ich meine allerdings nicht ritualisierte Wochenendtrips inklusive romantischem Landhotel!

Nur scheint niemand mehr etwas anderes zu wollen. Denn während die Welt dank Airbags und Metalldetektoren angeblich immer sicherer wird, wird die Unsicherheit immer größer: Was kann alles passieren! Also muss alles genau geplant werden, nichts darf dem Zufall überlassen werden. Denn Dr. Zufall hat einen ganz schlechten Ruf: Wenn ihm etwas gelingt, liegt es bloß am Glück - und Dr. Glück, das kann ich euch sagen, hat einen noch viel schlechteren Ruf.

Der Musiker Brian Eno scheint mehr Vertrauen in den Zufall zu haben als die meisten Menschen - vermutlich, weil er viel mit dem Zufall zu tun hat. Eno entwickelte bereits in den siebziger Jahren das Prinzip der Oblique Strategies (schräge Strategien), anfangs eine Sammlung von Karten, auf denen Anweisungen standen wie " Tauscht die Instrumente" und die willkürlich gezogen wurden. Er setzte das System erstmals für die Produktion seines Albums "Before and After Science" ein und blieb dabei, als er in den folgenden Jahren ein gefragter Produzent wurde, der unter anderem die Karriere von David Bowie, U2 und den Talking Heads erheblich voranbrachte. Heute, sagt Eno, habe er die Oblique Strategies verinnerlicht, und ich ahne seine Gründe. Natürlich sorgt der Zufall nicht dafür, dass alles kommt, wie man es sich vorstellt, aber er kann zu Lösungen führen, an die man nie gedacht hätte, denn: Was sinnvoll ist, ist nicht zwangsläufig vernünftig. Außerdem kann er eine Offenheit erzeugen, die es ermöglicht, Dinge vorurteilsfrei zu betrachten - Überraschungen klären den Blick. Aber vor allem kann er uns daran erinnern, wozu wir fähig sind.

Menschen leben in Gewohnheiten. Trägheit ist eine Gewohnheit wie Aktivität, Angst wie Mut. Das Vermögen der beiden Millionäre hat unterschiedliche Quellen: Der eine hat es geerbt, der andere hat es erarbeitet. Und ich glaube, wer ein paar Millionen aus eigener Kraft angehäuft hat, weiß, dass er alles schaffen kann - mal abgesehen davon, dass er auch weiß, wie ein Leben ohne Geld funktioniert, dass das notfalls auch geht. Manchmal denke ich, einige Menschen kann nur eine Katastrophe retten, der Bankrott, das Zerbrechen der Familie, der Tod. Das ist kein schöner Gedanke, und so freue ich mich wie Brian Eno über den I-Pod: Wer sich an den Shuffle-Modus gewöhnt, gewöhnt sich vielleicht auch daran, dass das Leben nicht so ist, wie man es erwartet - und schaltet irgendwann sein Navigationssystem ab. Und danach das Handy.

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