Ausgabe 08/2005 - Was Menschen bewegt

Der Tag danach

Mitleid ist nicht angebracht. So etwas erwartet er auch nicht, und außerdem hätte er kein Mitleid verdient. Was am 8. Dezember 2003 Tim Renner geschah, damals bereits fünf Jahre Chef des Musikkonzern Universal Music Deutschland, war vielen Mitarbeiten der Firma zuvor geschehen, angekündigt vielleicht mit "Sorry, we don't need you anymore", wir brauchen dich nicht mehr, denn in diesem Business duzen sich alle und sprechen englisch. Beim Universal-Umzug von Hamburg nach Berlin entließ Renner hundert Mitarbeiter. Später schreibt er in seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!", er habe als Ziel stets einen Konzern gehabt, der "menschlich ist, eine Plattenfirma, die sich gegenüber Mitarbeitern und Künstlern verantwortlich zeigt, die große Emotionen produziert und verkauft". Die Entlassenen hätten sich damals wohl nur verhöhnt gefühlt.

Aber er hat es erst formuliert, als er verarbeitete, was zum 8. Dezember 2003 geführt hatte. Der Tag hatte für ihn eigentlich in einer furchtbaren Nacht davor begonnen. "Weil ich schon ahnte, was am nächsten Tag auf mich zukommen wurde, ging es mir beschissen." Er musste sich erbrechen, und es lag nicht an irgendeiner verdorbenen Speise, sondern an unverdauten seelischen Problemen. Existenzängste waren ihm auf Magen und Darm geschlagen, was einigermaßen befremdlich scheint, denn sein Vertrag mit Universal hatte eine seiner Position angemessen lange Laufzeit und würde ausbezahlt werden müssen, außerdem war er seit siebzehneinhalb Jahren in der Firma und galt in seiner Branche als German Wunderkind, um das sich im Falle einer Kündigung sofort alle reißen würden.

Wenn Renner rückblickend nach einer Erklärung für seinen Zustand sucht, findet er die in seiner Kindheit. Sein Vater habe einige Firmen "an die Wand gefahren", was eine lakonische Umschreibung für diverse Pleiten ist. So wechselte die Umgebung für den kleinen Tim von einer 20-Zimmer-Villa in Berlin Schritt für Schritt über ein Reihenhaus bis zu einer Drei-Zimmer-Wohnung in einem Hamburger Vorort. So was sollte ihm nie passieren, womit Renner auch begründet, weshalb er in seiner Berufslaufbahn "von Anfang an eine feste Anstellung anstrebte. Sicherheit statt Freiheit". Renner fing 1986 bei Polydor an, so hieß die Firma, bevor sie in Universal aufging. Weil er dank seines Gespürs schnelle Erfolge vorweisen konnte, durfte er bald von ihm entdeckte Künstler wie Element of Crime, Rammstein oder Westbam auf dem eigenen Label Motor Music unter dem Dach der Firma veröffentlichen. Er hatte keine Vorgesetzten im üblichen Sinne, denn "mein Wissen war nicht teilbar, und deshalb redete mir keiner ins Geschäft, solange ich es erfolgreich betrieb". Das tat er, und so stieg Renner zum jüngsten deutschen Plattenboss auf.

Wer ganz oben angekommen ist, hat das in der Regel nicht geschafft, ohne sich in bestimmten Situationen der Position angemessen verhalten zu haben: kalt und hart. Das gilt trotz lockerer Kleidung auch für den Universal-Deutschland-Chef, der in seinem Büro ab und zu den Discjockey gab, aber nichtsdestotrotz die Gesetze akzeptierte, die in seiner Gehaltsklasse gelten. Von wegen der Mensch als Mittelpunkt. In Wirklichkeit der Mensch als Mittel. Punkt. Auch deshalb: kein Mitleid.

Am Morgen nach jener durchwachten Nacht schlich er in sein Büro, doch es ging "mir augenscheinlich und für alle deutlich sichtbar so elend, dass mir meine Sekretärin nahe legte, wieder nach Hause zu fahren und mich hinzulegen. Was aber nicht machbar war, denn der zum Gespräch an diesem Montagnachmittag avisierte Europa-Chef von Universal befand sich bereits im Flugzeug auf dem Weg von London nach Berlin". Außerdem wollte sich Renner vor dem Treffen nicht drücken, obwohl er seit den kontroversen Budgetgesprächen einige Wochen zuvor ahnte, was auf ihn zukommen würde. Er wusste, dass der im Anflug befindliche Boss für diesen Tag weitere Termine mit zwei seiner leitenden Untergebenen verabredet hatte - wahrscheinlich, um sie in die neue internationale Strategie einzubinden, falls Renner einen Aufstand inszenieren würde. Das hatte er sich in der Nacht bereits in allen Einzelheiten ausgemalt.

Also blieb er und wartete, bis sein Henker eintraf, den er so selbstverständlich duzte wie der ihn. Das Gespräch dauerte eine dreiviertel Stunde, und beiden war schnell bewusst, dass es keine gemeinsame Basis gab, dass es vorbei war, weil beide von ihren Positionen nicht abrückten. Der eine dachte national, der andere global, der eine wich von seiner Linie nicht ab, der andere wollte seine nicht überschreiten. Beide aber beherrschten ihr Mienenspiel und taten so, als sei es nur ein nettes Geplauder unter Freunden, denn sie wussten, dass sie durch die gläsernen Wände des Chefbüros beobachtet wurden. Einig waren sie sich nur in einem: so lange Stillschweigen zu bewahren, bis alles geregelt sein würde, was in solchen Fällen zu regeln war. Vertragsauflösung. Gemeinsames Kommunique. Abfindung.

Renner begleitete seinen Gegenspieler zu den weiteren Terminen, damit die Wartenden keinen Verdacht schöpften. Er fragte den anderen sogar, wie es ihm ergangen war, als er einst in ähnlicher Position wie Renner bei Sony gefeuert wurde. Früher als normal kam Renner nach Hause, was seine ältere Tochter Viktoria freute, weil er ihr noch bei den Matheaufgaben helfen konnte. "Erst als die im Bett war, erzählte ich alles meiner Frau Petra." Am nächsten Morgen wieder der Weg ins Büro. Wieder die Pflicht, sich nichts anmerken zu lassen. Wieder den Blicken ausgesetzt. Dass er keine Termine wahrnahm, konnte er seiner Assistentin leicht vermitteln, denn ihr Boss sah noch ziemlich elend aus, was sie auf die Magenverstimmung zurückführte. Renner lud zunächst seine persönlichen Dateien vom Firmencomputer auf den eigenen PC. Dann begann er, um sich zu beschäftigen, denn wichtige Entscheidungen wollte er nicht mehr treffen, Abschiedsbriefe an Wegbegleiter zu entwerfen und zu speichern, die er verschicken wollte, sobald sein Sturz in einer Pressekonferenz offiziell werden würde. Per E-Mail und auf jeden Fall schneller im Netz als die Erklärungen der anderen. Unter den Adressaten, die Renner persönlich anschrieb, waren mehr Musiker als Manager, mehr leidenschaftliche Visionäre, zu denen er immer noch gehörte, als leidenschaftslose Wertschöpfer.

Bis kurz vor Weihnachten ging er täglich ins Büro und tat so, als sei alles wie immer. Er schlief schlecht, weil er sich täglich verstellen musste, aber keiner merkte etwas. Weihnachten sagte er es seiner Mutter, vorsichtig die Worte wägend, um sie nicht zu erschrecken, stellte aber fest, dass sie das gar nicht so schlimm fand. Sie hatte sich viel mehr vor dem Moment gefürchtet, da ihr Sohn und mit ihm Familie und Enkel beim nächsten Karriereschritt nach Los Angeles ziehen würden oder nach New York, also weit weg von ihr. Danach wurde Viktoria eingeweiht. Sie war das erste Familienmitglied, das weinte. Nicht etwa aus Angst vor einer ungewissen Zukunft, sondern weil sie an einen ganz eigenen Verlust dachte: Bald würde es vorbei sein mit den neuen CDs ihrer liebsten Stars, die Papa aus der Firma mitbrachte. Doch der beruhigte sie, dafür würde immer Geld da sein. Aber würde ihr Idol Jeanette Biedermann weiter anrufen? Aber ja doch, Kind. Sie rief in der Tat an, als sein Rausschmiss öffentlich wurde, und auch andere Künstler meldeten sich. Dabei ist Renner klar, dass die meisten sich keineswegs aus Solidarität meldeten, sondern weil sie davon ausgingen, er würde bald erneut an entscheidender Stelle irgendwo ganz oben sitzen, also ein für sie wichtiger Mann bleiben.

Schließlich hatte Renner, dessen letzter Tag der 31. Januar 2004 sein sollte, vom Vortäuschen der Normalität die Schnauze voll. Man einigte sich, die Trennung in einer Pressekonferenz am 15. Januar öffentlich zu machen. Mit seinen Mitarbeitern, die er mittags von der Entlassung unterrichtet hatte, feierte er am 14. abends eine Abschiedsparty im Universal-Gebäude. Anschließend ging er mit seinen engsten Vertrauten in einen angesagten Club, wo er als Discjockey die richtige Musik zum traurigen Fest auflegte. Die Party dauerte bis zum Morgen, seine Verfassung war ihm egal, die anberaumte Pressekonferenz ließ ihn kalt, denn seine Version der Trennung lief bereits über "Spiegel Online", ein paar Tage später würde sie ausführlich im " Spiegel" nachzulesen sein.

Geweint hat er allerdings auch, bei seinem letzten Auftritt. Er stand am Rednerpult, das Manuskript für seine Abschiedsworte lag vor ihm, und blickte tapfer in 400,500 Gesichter. In der ersten Reihe saßen schluchzend seine Sekretärin und seine Assistentin. "Da versagte mir die Stimme, die selbst verordnete coole Haltung hielt nicht mehr. Ich kämpfte gegen Tränen, konnte mich nicht konzentrieren auf das, was vor mir lag, und sprach deshalb frei." Während er davon erzählt, werden seine Augen feucht. Seine wahren Gefühle ruhen dicht unter der gelassenen Oberfläche. Bei Gelegenheit brechen sie auf.

Plötzlich war Renner beruflich heimatlos, er hatte sein gesamtes Berufsleben in einer Firma verbracht. Erst fuhr er zu einem Freund nach Husum, danach gönnte er sich eine Weltreise, allein, ohne Familie. Jeden Tag legte er sich Rechenschaft ab über seine Gefühle und schickte sie abends per E-Mail nach Hause. Auf dem Rückflug wurde ihm wieder schlecht, so wie in jener Nacht vor dem Tag danach. Er war frei, aber das hatte er nie sein wollen.

Am Ende entschied sich Tim Renner doch für die Freiheit. Seit dem 1. Februar 2005 ist sein privater Radiosender Motor FM in Berlin zu hören. Von dem System, das ihn ausgespuckt hat, will er nichts mehr wissen. "Mein Tag danach beginnt jeden Tag neu." Der Text ist ein Auszug aus Michael Jürgs' neuestem Buch "Der Tag danach - vom Verlust der Macht und dem Ende einer Liebe, vom schnellen Tod und von einem neuen Leben". 30 deutsche Biografien, C. Bertelsmann Verlag, 2005; 368 Seiten; 19,90 Euro

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