Ausgabe 08/2005 - Das geht

Das geht - Das Pasta-Prinzip

Ein Werber, der sich das Credo der kalabrischen Mafia auf die Fahnen schreibt, hat entweder eine eigenwillige Vorstellung von seinem Job oder eine besondere Beziehung zu Italien. Auf Marc Fiedler trifft beides zu. " Omertà, Onuri e Sangu" (Verschwiegenheit, Ehre und Blut) sei doch heutzutage einfach nur ein alter Mythos, sagt er und lächelt unschuldig. "Und ein wenig sollten wir Kreative uns schon noch gegen die Großgrundbesitzer auflehnen." Dabei realisiert der Grafikdesigner nun mit genau dieser Klientel das wohl größte Projekt seiner Karriere. Die HVB Immobilien lud Fiedlers Ein-Mann-Agentur Ende vergangenen Jahres ein, gegen zwei Große aus der Werbebranche anzutreten. Die Aufgabe bestand darin, ein leer stehendes Bürohaus am Potsdamer Platz in Berlin zu bewerben, um Mieter anzulocken - kein leichtes Unterfangen auf einem übersättigten Markt.

Marc Fiedler, der mit seinen 34 Jahren immer noch wie ein großer Junge wirkt - schmale Figur, verwuschelte Haare, blitzende blaue Augen - nimmt die Herausforderung an und fährt nach München zum "Pitch", werbisch für Präsentation. Dort wartet ein gutes Dutzend Immobilien-Manager auf den überzeugten Einzelkämpfer, der seit zwei Jahren unter dem Namen Café Palermo Pubblicità firmiert ("Da haben sich meine Ur-Großeltern am Lago Maggiore kennen gelernt."). Ein wenig mulmig ist ihm schon, aber so richtig bringt den erfahrenen Werber nichts mehr aus der Ruhe.

Fiedler, der erst nach vielen Italien-Urlauben herausfand, dass sein verschollener Vater diesem Land entstammt, ist der Meinung, dass ein Werber auch über einen kulturellen Background verfügen sollte. Aus dieser Leidenschaft heraus ist er beim Kunsthaus Graz auf eine computergesteuerte Lichtinstallation im gewölbten Glasdach gestoßen. Dieses Konzept variiert er nun gemeinsam mit den Architekten des Grazer Projektes und präsentiert dem Immobilien-Multi eine doppelt so große Konzeption für die Hochhausfassade in Berlin. Fiedlers Argument: "Mit ein paar Flyern und Plakaten erreicht man heutzutage nichts mehr." Stattdessen soll die verglaste Fassade auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern mit 1800 kreisförmigen und geraden Leuchtstoffröhren bestückt werden. Eine " Medienkunstfassade" (Fiedler), die sich aus einiger Entfernung und in der Abenddämmerung wie eine Art Riesenbildschirm darstellen und die Immobilie zu einem der berühmtesten Gebäude der Welt machen soll.

Der kleine Haken: Das vorgegebene sechsstellige Werbebudget wäre für so ein Projekt deutlich zu niedrig. Erstaunlicherweise folgt aber kein lauter Aufschrei, als Fiedler seinen Auftritt in aller Seelenruhe mit dem Satz beendet: "Leider müsste ich den vorgegebenen Etat um mehr als das Zehnfache überziehen." Volle drei Monate vergehen, bis im Frühjahr tatsächlich der Zuschlag kommt. Nach viel Bürokratie und noch ein wenig Entwicklungsarbeit an der Software, die die dimmbaren Lichter steuern soll, geht das Projekt im November an den Start.

Trotz gewonnenem Millionen-Etat setzt Fiedler auf eine schlagkräftige Truppe aus Freiberuflern, statt seine Agentur zu vergrößern. Nach einem kollegialen GAU möchte er sich nicht mehr einschränken lassen. Der Frühstarter hatte schon mit 19 Jahren eine Werbeagentur in Hamburg gegründet, nach und nach Leute eingestellt und schon damals eine Menge Geld umgesetzt. Ein paar Jahre später reichte es für zwei weitere Geschäftsführer: "Ich wollte einfach etwas Verantwortung abgeben." Da aber " Dreierbeziehungen selten gut gehen", wie Fiedler inzwischen weiß, geriet sich das Führungstrio in die Haare. Man stritt um alles und jeden; vielleicht war auch Neid auf den jüngeren Agenturgründer im Spiel, der ab und an in der Branchenpresse auftauchte und medienträchtige Events veranstaltete. Leider hatte der sonst so smarte Fiedler 80 Prozent der Anteile an die beiden anderen überschrieben. "Da gehen einem schnell die Argumente aus, wenn es ernst wird." Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig, als seinen Schreibtisch zu räumen.

Bei einem Glas sizilianischem Chardonnay kann er das zwei Jahre später ganz lässig erzählen, so wie man sich launig Anekdötchen aus dem Toskana-Urlaub erzählt. Sauer auf die beiden Ex-Partner? "Nö. Kein Stück. Für mich war es sozusagen ein Aufstieg in eine neue Unabhängigkeit." Pause. "Na ja, natürlich verliert man da schon ein Baby nach so vielen Jahren." Durch den Quasi-Rauswurf aus seiner eigenen Agentur, habe er erst herausgefunden, "wo meine wahren Stärken und Talente liegen". Die Tatsache, dass viele Leute ihn auch ohne Geschäftsführer-Status schätzen, bestärkt ihn ebenfalls in der Erkenntnis, auf dem richtigen Weg zu sein.

Statt auf endlose Meetings setzt er heute auf einen unterhaltsameren Austausch, um Projekte zu entwickeln: "Viele Ideen von Cafe Palermo entstehen bei einem Teller guter Pasta - ich lade alle paar Wochen zehn, zwölf Kreative ein, und dann wird die ganze Nacht lang geschlemmt. Irgendwas wird an so einem Abend immer erfunden." Kontakt: Marc Fiedler, Café Palermo Pubblicità, www.cafe-palermo.de, Telefon: 030/26 10 17 22

Mehr aus diesem Heft

Die Mitte

Bewegliche Ziele

Die Mitte, heißt es, gibt es nicht mehr. Dabei sieht sie nur anders aus. Eine Orientierungshilfe für eine Kraft, ohne die nichts geht.

Lesen

Die Mitte

Hier ist noch Platz

Die Provinz. Deutschlands unbekannte Heimat der Mehrheit. Bekannt aus Funk und Fernsehen als Ort von Katastrophen und bösen Geheimnissen. WO ES ALLES GIBT, WAS MAN WILL.

Lesen

Idea
Read