Ausgabe 08/2005 - Schwerpunkt Die Mitte

China: Der Motor der Gesellschaft

Eines Abends - im Fernsehen lief gerade eine Musikparade - fiel Su Huas Mutter ins Koma. Plötzlich und unvermittelt, wie es bei älteren Menschen mitunter vorkommen kann, sackte sie in sich zusammen. Panisch schleppten Su Hua und ihr Vater die 62-Jährige zum Fahrstuhl, ins nächste Taxi und rasten zum Krankenhaus, wo sie an lebenserhaltende Kabel, Schläuche und Kanülen angeschlossen wurde. Vor zwei Stunden hatte sie noch in der Küche Gemüsepuffer frittiert, jetzt war sie irgendwo in einer fernen Welt. Keine Ahnung, was wird, sagten die Ärzte. Tod, jahrelanges Koma, vollständige Genesung, alles war möglich.

Alles ist möglich - wenn man es sich leisten kann. 400 Yuan kostet ein Tag auf der Intensivstation, umgerechnet 40 Euro. Wer nicht zahlt, wird nicht behandelt. Wie die meisten Chinesen hat Su Huas Mutter keine Krankenversicherung. Die Rechnung war schnell aufgestellt: Die Ersparnisse der Eltern würden für zwei Monate reichen, ihre kommenden beiden Rentenüberweisungen für weitere sechs Tage. Dann müsste Su Hua ran. Sie ist 26 und arbeitet als Lehrerin in einer Pekinger Schule. Zusammen mit ihrem Mann, der einen Bürojob bei einer Handelsfirma hat, verdient sie 250 Euro im Monat. Davon gehen 100 Euro für die Ratenzahlung ihrer kleinen Zweizimmerwohnung drauf, doch dank ihrer sehr disziplinierten Sparsamkeit hat sie am Monatsende rund 70 Euro übrig. Macht inklusive ihrer Ersparnisse aus den vergangenen Jahren: drei Monate Intensivstation. Und dann? Geld leihen? Die Wohnung verkaufen und zu den Eltern ziehen? Die Mutter sterben lassen?

"In den ersten Tagen habe ich stundenlang an ihrem Bett gesessen, geheult und mit unserem Schicksal gehadert", erzählt Su Hua. "Aber dann habe ich die Familien an den anderen Betten gesehen und gemerkt: Denen geht es noch viel dreckiger als uns, die können sich zum Teil nur ein paar Tage leisten. Und wir haben immerhin drei Monate." Zeit, um die Su Hua von mehr als einer Milliarde Chinesen beneidet wird. Ihre Familie gehört zu den "xiao kang", den "kleinen Gesunden". So heißen im Chinesischen die Glücklichen, die aus den Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte als Gewinner hervorgegangen sind. Sie haben eine Wohnung mit eigener Küche und Bad, Zugang zu guter Ausbildung, aussichtsreiche Karrieren und ein finanzielles Polster, mit dem sich plötzliche Schicksalsschläge abfedern lassen. Sie sind nicht reich, aber auch nicht arm, machen keine großen Sprünge, schauen aber zuversichtlich in die Zukunft. Es ist die Schicht, deren größte Alltagssorge nicht mehr ihr Überleben ist, sondern ihre Lebensqualität.

Wie groß diese Wohlstandsklasse ist, wie schnell sie wächst, was sie tut und wovon sie träumt, wird von Soziologen, Politikern und Marktforschem heiß diskutiert. Denn es hängt viel von ihr ab: Auf Chinas neuer Mitte lastet nicht nur der Druck der eigenen Erwartungen, sondern auch der aller Chinesen. Die Mitte ist der Motor des chinesischen Booms. Ihr Wissen, Ehrgeiz, Geschäftssinn, Heiß und Konsum sind der Stoff, aus dem Chinas Zukunftseuphorie gemacht ist. Sie soll den Armen aus der Armut helfen und Chinas alten Glanz wiederherstellen. Mehr noch: Sogar die Mittelschicht in den Industrienationen setzt Hoffnungen in Chinas Sozialaufsteiger. Denn auch der Lebensstandard vieler Europäer, Amerikaner und Japaner hängt zunehmend davon ab, dass westliche Unternehmen ihre Produkte in China billig produzieren und Gewinn bringend verkaufen können.

100 bis 200 Millionen potenzielle Kunden ist die magische Zahl, die China-Strategen in ihren Powerpoint-Präsentationen prognostizieren. Woher die Zahl stammt, lässt sich längst nicht mehr sagen. Nach Berechnungen der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften gehören heute knapp 250 Millionen Menschen oder 19 Prozent Bevölkerung zur Mittelklasse. Als Maßstab nimmt das staatliche Forschungsinstitut ein Vermögen von 15000 bis 30000 Euro pro Familie. Bis 2020 rechnet es damit, dass doppelt so viele Menschen in relativem Wohlstand leben.

Das staatliche Statistikbüro verbreitet andere Zahlen: Demnach zählen nur fünf Prozent, also etwa 65 Millionen Menschen, zur Mittelschicht. Maßstab ist ein Jahreseinkommen von 6000 bis 50 000 Euro. "Unsere Zahlen beruhen auf den Kriterien der Weltbank, wonach ein internationales Durchschnittseinkommen zugrunde gelegt wird, angepasst an lokale Währung und Kaufkraft", sagt Cheng Xuebing, der im Januar für das Statistikbüro eine Umfrage mit mehr als 300 000 Befragten ausgewertet hat. Cheng geht davon aus, dass die Mittelschicht bis 2020 auf 45 Prozent der Bevölkerung steigen wird.

"Das ist alles zu einfach", meint dagegen Lu Dale, Professor an der Chinesischen Universität Hongkong. "Es geht noch um ganz andere Faktoren: In was für einem Haus leben die Menschen? Was konsumieren sie? Wie ist ihr Umfeld? Welche Ausbildung haben sie?" Statistisches Material, um diese Fragen zu beantworten, fehlt weitgehend. Soll man die Wohnungsbesitzer zur Mitte zählen - in den Städten 84 Prozent, also 420 Millionen Menschen? Oder die Handybesitzer, rund 350 Millionen, in zwei Jahren aber vielleicht schon 500 Millionen? Oder die Autofahrer - gerade mal knapp ein Prozent der Bevölkerung?

Klar ist nur, der Wohlstand ist ungleich verteilt: Der Aufschwung findet fast ausschließlich in den Städten statt; das Hinterland ist weit abgeschlagen. Zwar hat Chinas wirtschaftlicher Aufschwung überall zu steigendem Wohlstand geführt - Hungersnöte und bittere Armut gibt es heute fast nur noch als traumatische Erinnerung. Aber das Einkommen der gut 800 Millionen Landbewohner ist im vergangenen Jahrzehnt viel langsamer gestiegen als in den Städten. Knapp 800 Euro pro Jahr beträgt der Durchschnittslohn in China, aber auf dem Land sind es erst 280 Euro, eine Mittelschicht existiert dort so gut wie nicht. 100 bis 200 Millionen Wanderarbeiter ziehen deswegen in die Industriezonen. Laut Umfragen zählen sie sich ebenfalls zum Mittelstand, denn auch wenn sie in den Städten am unteren Ende der sozialen Leiter sind, stehen sie in ihren Heimatdörfern gut da.

Mehr als alle Statistiken verbindet Chinas neue Mittelschicht ihre Geschichte. Alle, die es heute zu etwas gebracht haben, sind in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen: im China der gleichmäßig verteilten Armut und dem System sozialistischer Einheitslöhne, wo materieller Wohlstand in der staatlich propagierten Dreifaltigkeit aus Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine gipfelte. Das war kein Umfeld für bunte Lebensentwürfe. Nur eines zählte: die Armut abschütteln und auf eigenen Füßen stehen. Auf die Hilfe des Staates zählte dabei niemand.

Die Ersten, die nach oben schwammen, waren diejenigen, die es ohnehin nicht weit hatten: die alten Kader. Sie hatten Zugang zu Kapital und nützlichen Kontakten, und sie verstanden es, beides schnell zu vermehren. Den meisten mangelte es zwar an guter Ausbildung und Fremdsprachenkenntnissen, doch sie wussten, dass es künftig darauf ankommen würde und verschafften ihren Kindern gute Studienplätze oder Auslandsstipendien.

Für die Folgenden wurde es schwerer, aber auch ein bisschen fairer. In den achtziger Jahren begann die Regierung ein rigides Elitensystem einzuführen. Seitdem beginnt schon in der Grundschule die Auslese zwischen Spitze und Durchschnitt. Gute Schüler dürfen an bessere Schulen wechseln, während die schlechtesten absteigen. Am Ende der Schulzeit filtert eine dreitägige, landesweit einheitliche Abschlussprüfung aus jährlich 20 Millionen Schülern die Intelligentesten, Fleißigsten und Belastbarsten heraus - nicht einmal jeder Siebte schafft dabei den Sprung auf den Weg zur höheren Bildung.

Was man braucht, lehrt Konfuzius: Leidensfähigkeit, Lernbereitschaft und Selbstständigkeit Theoretisch sollte mit den Prüfungen zwar Chancengleichheit hergestellt werden, doch in der Realität haben die Stadtkinder noch immer einen haushohen Vorsprung. Auf dem Land können viele Eltern nicht einmal die 30 Euro Schulgeld aufbringen, die von jedem Kind verlangt werden. Dennoch führte das neue System dazu, dass der soziale Aufstieg seit Mitte der Neunziger nicht mehr nur von guten Beziehungen, sondern in erster Linie von der eigenen Leistung abhängt. Diejenigen, die es durch die Universität geschafft haben, machen heute das Gros der neuen Mittelschicht aus und verdienen als Techniker, Naturwissenschaftler, Ingenieure oder Manager überdurchschnittliche Gehälter.

Zhang Meng ist einer von ihnen. Er ist Anfang 30, studierte Biochemie und wurde 1998 als Doktorand von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ausgewählt, an Chinas Beitrag zum Human-Genom-Projekt mitzuarbeiten. Drei Jahre arbeitete er mit anderen Genforschern daran, ein Sechstel von Chromosom 3 zu entschlüsseln, rund ein Prozent der gesamten Sequenzierungsmasse. "Wir haben 14 Stunden am Tag geschuftet", erinnert er sich, "das war unser persönlicher Preis, um mit zur Weltspitze zu gehören." Nach dem Ruhm will er jetzt auch Geld verdienen. Zunächst arbeitete er bei einer amerikanischen Pharmafirma, dann gründete er vor zwei Jahren mit einigen Kollegen ein kleines Institut, das Auftragsforschung für chinesische und internationale Biotechfirmen macht. "Für Biotechnik gibt es keinen besseren Standort als China", sagt er optimistisch. "Wir haben Wissenschaftler, wir haben einen großen Markt, und es ist viel Geld im Spiel. Das ginge doch mit dem Teufel zu, wenn wir nichts davon abbekämen." In der Leidensfähigkeit, Lernbereitschaft und Selbstständigkeit, die Zhang an den Tag legt, liegt ein Hauptgrund für den Erfolg der chinesischen Mittelschicht. Ihre Wurzeln stecken im Konfuzianismus, seit Generationen die Leitideologie der chinesischen Welt. Kindliche Pietät, Respekt vor Älteren, Gehorsam gegenüber dem Herrscher und lebenslanges Lernen sind seine Eckpfeiler. Für Politologen wie Francis Fukuyama oder Chalmers Johnson ist der autoritäre Mix aus Hierarchie, Disziplin und Lerneifer sogar ein Hauptgrund für den wirtschaftlichen Erfolg der chinesischen Kultur im Allgemeinen.

Manche Soziologen fürchten allerdings, dass die Kinder der jungen chinesischen Mittelschicht, die bereits in relativem Wohlstand aufwachsen, nicht mehr die gleiche Leidens- und Lernfähigkeit an den Tag legen werden, mit denen ihre Eltern ihr Glück gemacht haben. Es ist die berühmte Generation der "kleinen Kaiser", jener verwöhnten Einzelkinder, die die Aufmerksamkeit von Eltern und Großeltern auf sich vereinten. "Ein Mund, sechs Geldbeutel" nennt eine chinesische Redensart die Konstellation. Eine Studie der Gesamtchinesischen Studentenvereinigung ergab, dass Studenten deutlich mehr Geld zur Verfügung haben als andere Stadtbewohner. 1000 Euro verbrauche ein Durchschnittsstudent im Jahr, davon ein Viertel für Essen, Trinken und Rauchen. 60 Prozent von ihnen haben Mobiltelefone und 80 Prozent Kreditkarten.

Was folgt daraus? Dass Chinas junge Generation verweichlicht und den Wohlstand, den ihre Eltern erarbeitet haben, verjuxt? Oder ist das Geld aus den sechs Geldbeuteln nur eine geringe Entschädigung für den gewaltigen Leistungsdruck, den Eltern und Großeltern an ihren einzigen Sprössling richten?

Wir werden es sehen.

Und falls noch jemand wissen will, wie es mit Su Huas Mutter weiterging: Nach vier Wochen im Koma begann sie, ihre Finger und Augenlider zu bewegen; nach acht Wochen konnte sie wieder selbstständig atmen und wurde von der Intensivstation entlassen. Nach dreieinhalb Monaten konnte sie mühsam sprechen und kam nach Hause. Su Huas Familie engagierte eine Frau vom Land, die sich rund um die Uhr um die Mutter und den Haushalt kümmert. Dafür bekommt sie jeden Monat 40 Euro plus Kost und Logis - und die Hoffnung, in der Stadt einmal ein besseres Leben zu haben.

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