Ausgabe 08/2005 - Schwerpunkt Die Mitte

Die schweigende Mitte

• Noch mehr in der Mitte geht nicht: Nach der Praca da República richten sich alle in Sao Paulo. Von dort ist es nur ein Katzensprung in die Oper, zur Kathedrale oder hoch in den 42. Stock des Edificio Itália mit einem Panoramablick über die Zehn-Millionen-Metropole.

An der Praca da República hätte die Bankangestellte Marlene Alves de Santana mit ihrer Familie gleich einziehen können: 240 Quadratmeter im achten Stock mit Blick auf den schütteren Park, die Miete halb so hoch, die Fläche doppelt so groß wie die ihrer Wohnung in Brooklyn am Südrand der City. Marlene ist dort aber nicht eingezogen. Denn sie fürchtete sich, nach Einbruch der Dunkelheit vors Haus zu treten. Sie wäre über Obdachlose gestolpert, die auf dem Bürgersteig kampieren oder unter den Bäumen auf dem Platz, und spätestens nach einer Woche hätte man ihr die Handtasche entrissen, das wäre aber noch harmlos gewesen. Es war merkwürdig genug, dass die Miete so niedrig war und das Angebot an freien Wohnungen in diesem Altbau aus den dreißiger Jahren so groß. Und hatte nicht das Hilton Hotel, einst die erste Adresse im Stadtzentrum und wegen des Sonntags-Brunch beliebt, gerade erst dichtgemacht?

Die Mitte wohnt am Rand, und die am Rand der Gesellschaft strömen in die Mitte, besetzen die Bürgersteige, schlagen ihre Buden in der Gosse auf. Die guten Kunden bleiben weg, Geschäftsleute schließen ihre Läden oder stellen um auf Billigware. Der Zersetzungsprozess der alten Mitte kann in jeder brasilianischen Großstadt beobachtet werden. Man fährt nicht mehr in die Mitte zum Einkaufen, Essen oder Spazierengehen. Man geht dort auch nicht mehr ins Theater oder Kino – viel zu umständlich, viel zu gefährlich. Man bleibt zu Hause, hinter Gittern, oder fährt in die Shopping-Mall. 5000 betuchte Bürger auf der Praca da República zu versammeln wäre ein Kunststück, im Morumbi Shopping Center ist es ein Klacks.

Die Flucht aus der Mitte führt zum Verfall der Stadt und der Gesellschaft. Die Bürger distanzieren sich buchstäblich immer mehr voneinander. Wer es sich leisten kann, zieht in einen scharf bewachten Wohnpark – was sich außerhalb abspielt, sieht man nur im Fernsehen. In Rio de Janeiro führen Pädagogen hin und wieder Jugendliche aus den Reichen-Ghettos durch die Stadt, damit sie lernen, Bus und Metro zu fahren, und sehen, wo das Rathaus steht.

„Die Favelas auf den Bergen gehörten früher zur Postkarte von Rio de Janeiro, man war beinahe stolz auf sie. Entsinnen Sie sich noch an ,Orfeu Negro', den Kult-Film aus den fünfziger Jahren? Alles vorbei“, sagt Hans Stern, der Juwelenhändler und wohl reichste Mann in Rio. In seiner Jugend war er im Cabrio über die Avenida Atlantica geschwebt – das wagt er heute schon wegen der fehlenden Tarnung, also der Sicherheit, nicht. „Ob die Armut zugenommen hat und ob deshalb die Gewalt gestiegen ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber finden Sie mal Bürger und Mäzene, die sich um das Stadttheater kümmern, um das Symphonie-Orchester, das Klassik-Radio, die Stadtbibliothek. Bringen Sie mir Bürger, die sich mit ihrer Stadt identifizieren!“ Drei Monate lang, von Mitte Mai bis Mitte August waren die städtischen Museen in Rio de Janeiro geschlossen – und niemand hat es gemerkt! Der Streik der Kulturbürokraten war eine Marginalie. Monatliche Massaker der Polizei oder der Drogenbosse – wo ist der Unterschied? Kliniken, in denen Kranke verrecken, Gesetze, die nichts gelten – wo regiert wird, wird geschmiert. Und die Bürger gehen nicht auf die Barrikaden.

„Das ist bei uns an der Bundesuniversität genauso“, sagt Walter Oelemann, Hochschulprofessor für Mikrobiologie und Wahlbrasilianer, „jedes zweite Jahr gibt es ein Semester mit wochenlangen Arbeitskämpfen. Die Professoren gehen nicht zur Vollversammmlung, aber die ,Tecnicos', die Verwaltungsangestellten, Archivare und Laborgehilfen, gehen hin. Und wollen Generalstreik! Wieder einmal. Wir machen unsere Vorlesungen trotzdem weiter. Aber viele Kollegen haben das Chaos satt, sie fahren lieber nach Hause. Man kann doch nichts machen. Jeder mogelt sich durch. Das ist diese verdammte Inércia. Oder wie nennt man das, wenn eine Kugel im Tal zum Stillstand kommt?“ Trägheit? Fatalismus? „Genau, Trägheit und Fatalismus! Dabei ist die Universität der einzige sichere Hafen für Naturwissenschaftler – die Industrie forscht nicht, die Multis produzieren nur, und der Staat hat kein Geld.“ Aber der Staat finanziert doch die Uni, oder? „Klar, der Staat zahlt, aber immer weniger. Als ich hier vor 17 Jahren ankam, lag meine Gehalt bei 3000 Mark, heute sind es umgerechnet 1500 Euro – doch in derselben Zeit sind die Lebenshaltungskosten auf das Doppelte gestiegen. Vor 20 Jahren gehörten rund 15 Prozent der Brasilianer zur Mittelklasse, heute sind es vielleicht zwei Prozent.“ Zur Mittelklasse zählen nach der handfesten Definition des Biologen Oelemann alle Familien, die ein Auto besitzen, in der Südzone von Rio de Janeiro wohnen, eine „Empregada“ (Hausangestellte) beschäftigen und ihre Kinder auf eine teure Privatschule schicken. Das Auto ist meistens ein gebrauchtes, die Wohnung gemietet, das Dienstmädchen bekommt einen Hungerlohn, und für die Privatschule macht man nicht selten Schulden, genau wie mit den Kreditkarten. Wer unter den Kollegen überhaupt eine Wohnung sein Eigentum nenne, habe die geerbt – oder sich auf 20 Jahre Abzahlung verpflichtet.

Dass die brasilianische Mittelklasse, gleich wie man sie definiert, prozentual zur Gesamtbevölkerung (derzeit 186 Millionen) geschrumpft sei, ist statistisch nicht zu belegen. Die Schichtung der Einkommens- und Besitzverhältnisse hat sich in Brasilien laut statistischem Bundesamt relativ konstant gehalten. Von den 80 Millionen Erwerbstätigen müssen derzeit zwei Drittel mit weniger als zwei Mindestlöhnen auskommen. Der gesetzlich festgelegte nationale Mindestlohn von 300 Real monatlich, rund 100 Euro, ist der wichtigste sozioökonomische Indikator im Land. Mit umgerechnet 200 Euro kommt man auch in Brasilien nicht weit, auch wenn die Lebenshaltungskosten dort nicht einmal halb so hoch sind wie in Deutschland.

Die kleine Oberschicht ist auf ein Arbeitseinkommen nicht angewiesen. Die brasilianische Mittelschicht beginnt bei einem Einkommen von fünf Mindestlöhnen – zehn Prozent aller Erwerbstätigen verdienen das monatlich. Damit verrügen die Besser- und Bestverdienenden über die Hälfte des gesamten Volkseinkommens – die weniger privilegierte Hälfte der Bevölkerung muss sich zehn Prozent des Kuchens teilen. Trotz der deutlich gestiegenen Lebensqualität und der verbesserten Bildung sind in Brasilien Einkommen und Besitz also weiterhin sehr ungleich verteilt.

Schlimmer als die ökonomische Ungleichheit sind Politiker, die vor allem sich selbst helfen Aber darum geht es letztlich gar nicht. Das Gefühl der Mitte, an den Rand gedrängt zu sein, teilen nicht nur Ladeninhaber und Professoren, Ingenieure und Zahnärzte. Das Gefühl hat die gesamte bürgerliche Klasse in Brasilien. „Früher war es selbstverständlich, die Kinder in öffentliche Schulen zu schicken“, erinnert sich die Familientherapeutin Cyntia Falcao. „Aber wer wagt das heute noch? Die öffentliche Schule ist zu einem Bermudadreieck der Bildung verkommen. Wer es irgendwie kann und etwas auf sich hält, meidet sie.“ So wie man das Öffentliche überhaupt meide. Früher hätten zur Sippschaft, auch der ihren, immer Politiker gehört. Doch diese Zeit ist vorbei: in den Gemeinderäten, Provinzparlamenten und im Nationalkongress agieren Berufspolitiker, die sich nicht als Repräsentanten einer Nation, Gesellschaff oder Klasse verstehen, sondern als Geschäftemacher in eigener Sache.

„Bildung ist von der Politik abgekoppelt“, meint auch Oelemann. „Wer heute hochkommt, das sind die Autoverkäufer, die Immobilienmakler, die Marketingheinis der Massenkultur. Und die Apparatschiks: Die haben Lula das Grab gegraben.“ Ob nun Inacio Lula da Silva, der erste „Arbeiter-Präsident“ Brasiliens von den schwarzen Kassen seiner Partei und den Schmiergeldzahlungen an korrupte Abgeordnete im Einzelnen gewusst hat oder nicht, es bleibt, den Umfragen nach, ein Eindruck bei den Wählern: Politik ist ein schmutziges Geschäft – und für ehrliche Bürger ist es besser, sich von dieser Subkultur fern zu halten.

Der Staat hat keinen Anwalt mehr, die bürgerliche Gesellschaft kapselt sich ein. Die Zivilgesellschaft ist nur eine Schimäre, von der die Intellektuellen träumen. Brasilien wird von einer Nomenklatur populistischer Politiker regiert, die wie Sektenprediger den Zehnten in ihre eigene Tasche stecken. Die neue Mitte, das sind die Fußballvereine, die Samba-Schulen, die Telenovelas, die Garagenkirchen, die Ein-Dollar-Shops, die Video-Läden. Und der Traum, einen Job bei der Müllabfuhr zu kriegen. ---

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