Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

WASCHPROGRAMM

Es gibt so gut wie keine Romantik mehr, nirgends. Ihr Marktanteil wird immer kleiner. Woher wir das wissen? Aus Pullach, vom Bundesnachrichtendienst (BND).

Denn dort, wo Agenten und Fahnder schmierige Netzwerke observieren, winken Profis müde ab, wenn irgendwo der alte Spruch vom Verbrechen aus Leidenschaft fällt. Alte Hüte. Raritäten. Nischengeschäfte. "Die meisten Verbrechen werden aus Gewinnstreben begangen", weiß man beim BND. Und das zunehmend organisiert. Nicht der kleine Raub, ein Zwischendurch-Überfall da, ein Diebstahl dort, prägen die Branche, sondern organisierte Kriminalität. Deren herausragendes Charakteristikum ist es, dass in der Regel Erlöse in beachtlicher Größenordnung anfallen. Durch Einschleusung in den Wirtschafts- und Finanzkreislauf unter Beanspruchung von Geldwäsche-Instrumenten sollen diese illegal erwirtschafteten Vermögenswerte für die kriminellen Organisationen erhalten und dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden entzogen werden. Die Erlöse aus kriminellen Aktivitäten werden dabei so transformiert, transportiert, überwiesen und gewechselt, dass tatsächliche Herkunft und rechtliche Verhältnisse nicht nachvollzogen bzw. festgestellt werden können. Das ist die Definition von Geldwäsche, wie sie beim BND im Buche steht. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds werden zwischen 590 und 1500 Milliarden US-Dollar pro Jahr auf diese Weise gesäubert - die Bandbreite ergibt sich aus der kriminellen Natur der Sache.

Gewaschenes Geld finanziert auch den Terrorismus - folgerichtig wird seit dem 11. September mit hohem Aufwand danach gefahndet. Doch die Erfolge sind bescheiden. Von den bisher weltweit blockierten 112 Millionen Dollar stammen weniger als die Hälfte aus dem Umfeld Bin Ladens. Und genau genommen handelt es sich auch bei den Bin-Laden-Geldern nicht um Mittel aus kriminellen Geschäften. Bin Laden hat sein Vermögen geerbt und im Straßenbau vermehrt.

Michael Kilchling, Geschäftsführender Referent Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Strafrecht in Freiburg, hält die Idee, Terroristen via Geldwäsche-Fahndung trockenzulegen, für einen Irrweg: "Schwer vorstellbar ist, dass Terroristen wegen Geldwäsche verurteilt würden." Den Ermittlern geht es ohnehin vielmehr darum, die Wege der Finanzströme nachzuvollziehen, um an die Drahtzieher heranzukommen.

Ob es Bin Laden jemals so gehen wird, wie dem Mafiosi AI Capone vor mehr als 70 Jahren, ist zweifelhaft. AI Capone verrieten die Spuren, die sein Geld hinterließ. Der legendäre Boss der Unterwelt aus Chicago wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt, weil er die Herkunft seiner Gewinne nicht nachweisen konnte. Er investierte die Profite aus Glücksspiel, Prostitution und Spirituosenhandel in Laundromats, jene Waschsalons, die wohl den Begriff Money Laundering, Geldwäsche, prägten. Doch heute ist es weit schwieriger, die Wege illegaler Gelder zu verfolgen. Terrorgruppen nutzen für ihre Finanztransfers selten das offizielle Bankensystem. Sie bevorzugen Schattenbankensysteme. Zahlungen werden telefonisch an Agenten im Ausland angewiesen. Forderungen werden durch Warenlieferungen ausgeglichen. Für Außenstehende ist dieses auf jahrhundertealten Strukturen beruhende "Hawala-Banking" völlig intransparent.

In Europa und den USA sollen nun Softwareprogramme dem schmutzigem Geld auf seinem Weg in den Finanzkreislauf auf die Spur kommen. Doch die Fehlerquote ist hoch. So führen bereits unregelmäßige Bareinzahlungen, beispielsweise aus dem Verkauf eines gebrauchten Fahrzeuges dazu, dass ein Kunde auf die Liste der Verdächtigen gesetzt wird. "Im Prinzip schlummert in uns allen ein Geldwäscher", sagt der Direktor des Geschäftsbereiches Recht des Bundesverbandes Deutscher Banken, Torsten Höcher.

Zudem sind die Banken personell kaum in der Lage, das von der EU-Geldwäscherrichtlinie geforderte "Know your customer"-Prinzip umzusetzen. Erwischt werden vor allem kleine Steuersünder.

Geld waschen vom Notebook aus

Erschwerend kommt hinzu, dass der moderne Gangster bestens vertraut ist mit den neuen Informationstechnologien. Die Deregulierung der Finanzmärkte macht ihm sein dunkles Schaffen ebenfalls erheblich leichter: Devisenkontrollen sind in den meisten Ländern abgeschafft worden. Via Modem und Notebook kann sich jeder, der über 200 000 Dollar oder Euro verfügt, als Geldwäscher betätigen. Und das ganz ohne Bargeld. Es dauert nur ein paar Minuten, um von überall in der Welt ein Schweizer Nummernkonto zu eröffnen. Fünf bis sechs Tage später sind die Kontounterlagen da. Fällige Gebühren: 950 Dollar, zahlbar per Kreditkarte.

Das Placement - Einschleusen - schmutziger Gelder ist die riskanteste Phase der Geldwäsche. Mit Reisescheck, Postanweisung, Kreditkarte oder mit Fax-Money in Tranchen unterhalb der identifizierungspflichtigen Grenze von 2500 Euro bei Fremdwährungszahlungen und Finanztransfers und 12 500 Euro bei Auslandszahlungen lässt sich schmutziges Geld von Deutschland aus transferieren, ohne dass Bankmitarbeiter Fragen stellen.

Ist das Geld platziert, folgt Phase zwei der Geldwäsche. Sie dient der Verschleierung: Dazu eröffnet ein Mittelsmann für 150 Dollar einen für einheimische Steuerbehörden unsichtbaren Asset Protection Offshore Trust (A.P.O.T.) über eine Firma wie The Harris Organization in Panama. Das Geld wird dort nur verbucht und bleibt auf dem zuerst eröffneten Schweizer Nummemkonto. Um die Steuervorteile und die Anonymität der Briefkastenfirma zu nutzen, braucht man nicht einmal hinzufahren, um seinen Pass vorzuzeigen. Für alle Fälle bietet Firmenchef Marc Harris sogar die Bestellung eines zweiten oder dritten Passes übers Internet an. Marc Harris sitzt seit Juni 2003 in Miami im Knast.

Der Trick: Der Trust ist keine juristische Person, er bezeichnet lediglich ein Vertragsverhältnis zwischen dem Treuhänder und dem Treugeber. Weil der Trust auch nicht in ein öffentliches Register eingetragen wird, kann der Treugeber vollkommen anonym bleiben.

Der Treuhänder oder ein Agent in Panama wickelt dann Finanztransfers auf Anweisung seines Kunden ab. Und deponiert weitere Gelder, die auf den Namen des Offshore-Trusts lauten, ohne dass er seine Identität offen legen muss. Treuhänder sind meist Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Vermögensverwalter. Sie sind die idealen Geldwäscher, denn für sie entfällt die Pflicht für Verdachtsanzeigen bei Geldwäsche. Und sie schützen die Identität ihrer Kunden.

Nachdem der Vorwaschgang abgeschlossen ist, folgt die Hauptwäsche: Anonyme Börsengeschäfte sind dafür gut geeignet. Der Verwalter des Offshore-Kontos, das kann einer der 250 Mitarbeiter der Investmentfirma von Marc Harris sein, transferiert Gelder via Korrespondenzbanken nach New York, London oder Frankfurt, wo es an der Börse investiert wird.

Kommen Ermittler dem Geld dennoch auf die Spur, kann der Treuhänder den Trust auf ein anderes Offshore-Gebiet übertragen. Trust-Vermögen zu konfiszieren ist also fast unmöglich.

Der mühsame Hürdenlauf der Justiz

Im Jahr 2002 sind nach Auskunft des Straftechts-Experten Michael Kilchling in Deutschland 294 Millionen Euro aus organisierter Kriminalität, Korruption und Terrorfinanzierung sichergestellt worden. Sabine Vogt, Expertin für Geldwäschedelikte des BKA, sagt: "Die so genannte Weiße-Kragen-Kriminalität ist um ein Vielfaches schwieriger aufzuklären als das normale Verbrechen." Die Rückverfolgung der Geldkreisläufe ist ein juristischer Hürdenlauf: "Drei Jahre haben wir im Fall eines deutschen Unternehmers ermittelt, der mit Hilfe überhöhter Rechnungen Subventionsgelder in Höhe von fünf Millionen Mark abzweigte, die für den Aufbau einer Bäckerei in Russland bestimmt waren. Das Geld lief über Russland, Litauen, Kanada und Luxemburg", berichtet Vogt.

An jedes der betreffenden Länder musste ein Rechtshilfegesuch gestellt werden. Bis zur rechtskräftigen Verurteilung vergingen weitere zwei Jahre. Oft stellt sich die Frage, so Vogt, wo die Straftat überhaupt begangen worden ist. Geldwäsche in großem Stil "lässt sich nicht national bekämpfen, es müssen internationale Standards gesetzt werden" .

In Deutschland ist der Straftatbestand der Geldwäsche erst Anfang der neunziger Jahre eingerührt worden. Seither ist nicht mehr nur die Straftat, sondern auch der Umgang mit dem durch sie erzielten Gewinn strafbar. Wer Gewinne aus schweren Straftaten verschleiert, verstößt gegen das Geldwäschegesetz. Paragraf 261 des Strafgesetzbuches sieht dafür eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vor. Geldwäsche wird also härter bestraft als manche ihrer Vortaten. Doch was nützt das, wenn keine Beweise erbracht werden können? In der Praxis gibt es deshalb kaum Verurteilungen wegen Verschleierns illegaler Geldströme. Verdachtsanzeigen dienen der in Deutschland neu geschaffenen Financial Intelligence Unit (FIU), Gewinne aus kriminellen Geschäften an der Schnittstelle zwischen illegalem und legalem Geldkreislauf abzuschöpfen. Experten schätzen, dass hier zu Lande weniger als 20 Prozent der Gewinne aus organisierter Kriminalität sichergestellt werden.

"Es ist schwierig, die verdächtigen Vermögenswerte jeweils konkreten Straftaten und Personen zuzuordnen" , beschreibt Kilchling das Problem: "Sind Gelder erst einmal im Geldkreislauf untergebracht, erscheint die Nachvollziehbarkeit von verwirrenden Kreuz- und Querüberweisungen im Zeitalter des weltweiten Electronic Banking zunehmend unmöglich."

Wirre Überweisungen sind ein Indiz

Gelungen ist das den Genfer Staatsanwälten im Privatisierungsskandal um die ostdeutschen Leuna-Minol-Raffinerien. Die Lobbyisten Dieter Holzer und der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Ludwig-Holger Pfahls inszenierten regelrechte Transaktionskaskaden. Zwischen 1987 und 1997 bewegten sie 130 Millionen Euro zwischen Liechtensteiner Trusts, Schweizer und Luxemburger Banken, Offshore-Firmen auf Antigua und in Panama.

Der Genfer Untersuchungsrichter Paul Perraudin sieht darin eine "unsinnige wirtschaftliche Struktur, die einen konkreten Verdacht der Geldwäscherei begründet". Unzählige Devisen- und Kassageschäfte zwischen den gleichen Banken über Konten eines anderen wirtschaftlich Berechtigten sind klassische Geldwaschtransaktionen. Das Verwirrspiel dieser Kick-back-Überweisungen dient dazu, den Fluss des Geldes und die Identität des Empfängers zu verschleiern.

40 Millionen Euro wurden an Politiker, Mittelsmänner und an leitende Elf-Manager als Gegenleistung dafür weitergereicht, dass der französische Konzern für die Übernahme der Leuna-Raffinerien Subventionen in Höhe von einer Milliarde Euro kassieren konnte. Grundlage für die Zuwendung waren eine fiktive Investitionskostenstudie, ein vordatierter Provisionsertrag und künstliche Zinskosten. Drehkreuze im Elf-Leuna-Finanzkomplex waren die DSL Bank Luxembourg, die SBV St. Gallen, die Liechtensteiner Landesbank sowie die Verwaltungs- und Privatbank AG, Vaduz.

Vertreten von 80 Spitzenanwälten, sitzen 37 ehemalige Manager, Mittelsmänner und Politiker im laufenden Pariser Verfahren auf der Anklagebank. Die Vorwurfe: Betrug, Veruntreuung von Gesellschaftsvermögen, Hehlerei und Geldwäsche. Ob Sinn und Zweck der Geldflüsse in dem Mamutprozess transparent werden, ist fraglich.

Onshore - Offshore - Finanzrecycling

Denn Geldwäscher waren schon immer erfinderisch. Das klassische Geldwäschegeschäft, mit dem auch die modernen Saubermänner heute noch arbeiten, den Parallelkredit (Back-to-back Loan), erfand der Buchhalter des Chicagoer Mobs, der legendäre Meyer Lansky. Meyer Lansky wandte sich in den dreißiger Jahren an eine Schweizer Bank. Das kriminelle Geld wurde über Schuldverschreibungen, Schecks, Wechsel und Bargeld auf ein Nummernkonto eingezahlt. Ein darauf aufgenommenes Bankdarlehen diente dazu, das gewaschene Geld in die USA zu retransferieren. Mit neuem schmutzigem Geld wurde das Darlehen zurückgezahlt. Das moderne Finanzrecycling war geboren.

Heutzutage nutzen Geldwäscher Kredittransfergeschäfte zur Steuervermeidung. So hinterzog die KBLux für belgische Kunden Steuern in Milliardenhöhe. Dazu brachte die KBLux beispielsweise eine Anleihe in Höhe von 47 Millionen belgischen Franc heraus. Auf diese nahm das belgische Finanzkonglomerat KBC, an der die KBLux Großaktionär ist, einen Kredit in gleicher Höhe auf. Das Geld wurde auf eine panamesische Gesellschaft übertragen, von wo es an die KBLux zurückfloss. Kreditgeber und Kreditnehmer sind also identisch gewesen: Die KBLux zahlte sich selbst Zinsen auf die fiktive Anleihe. Da das Geschäft über eine Offshore-Gesellschaft gelaufen ist, handelt es sich juristisch gesehen um voneinander getrennte Geschäfte.

Das schwarze Loch der Weltwirtschaft

Auf den Caymans in der Karibik sind 60 000 International Business Corporations (IBC) registriert. Die meisten von diesen Unternehmen betreiben ihre Geschäfte offshore. Der Inhaber ist also nicht auf den Caymans ansässig. Er nimmt die Inhaberaktie seines IBC einfach mit. Auf ihr ist nur das Emissionsdatum, nicht der Name des Gründers vermerkt. Vor Nachforschungen sind die Gesellschaften durch ein strenges Bankgeheimnis geschützt. Wer es verletzt, dem drohen hohe Geld- und Freiheitsstrafen. Geldwäscherei ist auf den Caymans erst seit 2 000 ein kriminelles Vergehen.

Statistisch gesehen, ist hier jeder Einwohner mehrfacher Millionär. Unternehmen brauchen keine Gewinn- und Kapitalsteuer abzurühren, solange sie ihre Geschäfte offshore betreiben. Steuerflüchtlinge, afrikanische Potentaten, Waffenhändler, Börsenhaie und Anlagebetrüger haben mehr als 800 Milliarden Dollar auf die drei britischen Inseln in der Karibik übertragen. Das entspricht einem Fünftel der gesamten Bankeneinlagen der USA. Und jedes Jahr kommen 120 Milliarden Dollar hinzu. Jährlich verschwinden hunderte von Milliarden Dollar aus den Zahlungsbilanzen der Hochsteuerländer. Niemand weiß genau wohin. Das schwarze Loch der Weltwirtschaft stellt Zentralbanken vor Erklärungsnöte. Offshore-Gebiete erstellen keine Zahlungsbilanzen. Wozu auch. Die Gelder zirkulieren im globalen Finanzsystem, entgrenzt von Zeit und Ort.

Die Caymans sind der fünftgrößte Finanzplatz der Welt. 600 Geschäftsbanken sind hier registriert, die meisten ohne physische Präsenz. 47 der rührenden Großbanken der Welt sind hier vertreten. Davon allein 20 der größten amerikanischen Banken. Eine Untersuchungskommission des US-Senats kommt zu dem Ergebnis, dass rührende amerikanische Banken, wie die Bank of America, Chase Manhattan, die Citigroup und die Bank of New York, nur unzureichende Vorsichtsmaßnahmen gegen Geldwäsche über Offshore-Finanzplätze ergriffen haben. "Fast jede US-Bank, die wir untersuchten unterhält Konten bei verdächtigen Banken oder hat Konten für Offshore-Banken eröffnet", führte der demokratische Senator Carl Levin aus.

In den Strukturen der "unknown territories" lösen sich die Grenzen zwischen legalen und illegalen Geldquellen auf. Gemeinsam ist den Geldern, dass sie vor dem Zugriff nationaler Steuerbehörden fliehen. Dazu zählen auch nicht deklarierte Zinserträge legaler Vermögen, die über Offshore-Zentren wie Luxemburg gewaschen werden. Legales Geld mutiert zu illegalem. Und wird mit der Steueramnestie für Steuer-hinterzieher von Zinseinkünften wieder zu legalem Geld. Wolfgang Hetzer, vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung, sieht darin eine Belohnung "jahrelanger krimineller Energie".

Schädlinge der Marktwirtschaft

Hunderte von Billionen schmutziger US-Dollar sind seit Entstehen der Offshore-Finanzplätze in den sechziger Jahren ins internationale Finanzsystem geschleust worden. Offshore-Zentren sind die Freihandelszonen der weltweiten Finanzspekulation. Unter ihren Kunden finden sich Drogenbarone, Waffenhändler und Anlagebetrüger.

In den hoch entwickelten Ländern stammen 60 Prozent des kriminellen Geldes aus Wirtschaftsverbrechen. Das Waschmittel der modernen Geldwäsche ist die Effizienz der globalen Finanzarchitektur. Im Clearing-System der Börsen wechseln Geld und Wertpapiere den Eigentümer simultan. Allein über die Deutsche Börse liefen im vergangenen Jahr fast 950 Millionen Transaktionen. Davon fast 90 Prozent über den Terminmarkt Eurex. Über die Abrechnungsstelle für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr (Swift) werden im Jahr eine Milliarde Finanztransaktionen zwischen 198 Ländern abgewickelt. Das Problem: Legales Geld lässt sich nicht von illegalem unterscheiden. Der Auftraggeber einer grenzüberschreitenden Zahlungsanweisung ist nur zu identifizieren, wenn die Überweisung bei der Bank registriert worden ist oder bereits eine Verdachtsanzeige wegen Geldwäsche vorliegt.

Banken wissen, dass schmutziges Geld in ihrem System ist. Nur offenbar nicht wo. Karl-Heinz Symann, Leiter der Abteilung Corporate Security bei der Dresdner Bank, formuliert es so: "Fast jedes legale Finanzgebaren kann von Kriminellen zur Verschleierung von Geldwäsche missbraucht werden. Den Geldern sieht man den kriminellen Ursprung nicht an." Die Banken sind das wichtigste Bindeglied im Geldwäschezyklus. Und die Kreditinstitute unterschätzen das Reputationsrisiko durch die Integration schmutziger Gelder für ihre eigene Integrität und die des Finanzsystems. So prangerte die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) sechs Schweizer Banken wegen grober Verletzung ihrer Sorgfaltspflichten an. Darunter drei Institute der Credit Suisse Group und die Großbank UBS, welche Kundenvermögen in Höhe von mehr als zwei Billionen Schweizer Franken verwaltet. Die Bank, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, fand erst beim vierten Suchanlauf 60 Millionen Dollar aus dem Umfeld des verstorbenen nigerianischen Diktators Sani Abacha. Insgesamt liegen auf Schweizer Konten noch 600 Millionen Dollar des Abacha-Clans.

Geldwäsche ist für die Banken ein lukratives Geschäft. Kreditinstitute, die vorsätzlich Geldwäschegeschäfte durchführten, haben bis zu zehn Prozent des schmutzigen Geldes als Provisionen einbehalten. Auch liegt es nicht im Interesse der Banken, besonders hart gegen Geldwäsche vorzugehen, denn damit werden ebenfalls die halb legalen Geschäftemacher und Steuerhinterzieher abgeschreckt.

Virtuelle Wettgeschäfte

"Die besten organisierten Verbrechen sind die, die wir nicht kennen, die Verbrechen, die nicht in der Statistik zu finden sind", steht im Global Report "On Crime And Justice" der Vereinten Nationen. Geldwäscher suchen Intransparenz und Anonymität. Genau das bieten Terminmarktgeschäfte. Optionen und Futures sind von der zukünftigen Preisentwicklung eines Basiswertes abgeleitete Wetten. Dies können Aktien, Zinsen, Währungen, Rohstoffe, Edelmetalle oder Kreditrisiken sein. Grundsätzlich entspricht bei diesen Kunstprodukten der Verlust der einen Kontraktpartei dem Gewinn der anderen. In einem zweijährigen Forschungsprojekt kommen Wolfgang Hafner und der Autor von "Swiss Connection", Gian Trepp, zu dem Ergebnis, dass "derivative Finanzinstrumente aufgrund ihres Nullsummenspielcharakters dafür prädestiniert sind, um bereits vorgewaschene Gelder vollständig zu legalisieren". Wolfgang Hafner beschreibt in seinem Buch "Im Schatten der Derivate" eine Geldwaschtransaktion der seinerzeit auf Panama registrierten Vermögensverwaltung Ambros Holding S. A. Ambros ging als einer der größten Anlagebetrugsfälle in die deutsche Wirtschaftsgeschichte ein.

Im Januar 1989 verkaufte Ambros 100 Future-Kontrakte für Zucker mit Verfallstermin März über die Warenterminbörse in Chicago, um von fallenden Preisen zu profitieren. Zeitgleich wurden 100 Kontrakte gekauft, um an steigenden Zuckerpreisen zu verdienen. Aus diesem Geschäft wurde ein Gewinn von 5,3 Millionen Dollar verbucht. Doch die Preisschwankungen zwischen Januar und März erklärten die ausgewiesene Millionendifferenz nicht.

Höchstwahrscheinlich stammt das Geld von der Capcom Financial Services London, dem Brokerhaus der in Geschäfte mit Drogenkartellen verstrickten Bank of Commerce and Credit International (BCCI) in Luxemburg. Gewinne und Verluste aus Derivatshandel wurden zwischen den Gesellschaften hin- und hergeschoben.

Mit Derivatgeschäften lassen sich bei geringem Kapitaleinsatz beliebig hohe Verluste auf der einen und Gewinne auf der anderen Seite erzeugen. Der Broker bucht den Verlust auf das Konto mit dem schmutzigen Geld. Der Gewinn aus dem marktkonformen Gegengeschäft wird auf ein separates Konto überwiesen. Diese Crossing- und Karussellgeschäfte, in denen Handelsteilnehmer gleichzeitig als Käufer und Verkäufer desselben Wertes auftreten, deuten auf Geldwäscheaktivitäten oder Marktpreismanipulationen hin.

Laufen abgesprochene Geschäfte jedoch über verschiedene Finanzplätze, haben die Marktüberwachungssysteme nationaler Börsenplätze keine Chance. Einer der Ambros-Analysten ist mit einem Internetbroker in Bad Homburg wieder gut im Geschäft. Kundengelder werden bei Bedarf auch in Tranchen knapp unterhalb der meldepflichtigen Grenze auf einer der beiden Offshore-Töchter in der Schweiz oder New York transferiert. Renommierte Brokerhäuser platzieren die Aufträge der Homburger Händler an den großen Terminbörsen der Welt.

Für Termingeschäfte selbst besteht keine Meldepflicht bei dem Verdacht von Geldwäsche. Ohnehin finden 90 Prozent des gesamten Terminmarktgeschäftes über weitgehend unregulierte Over-the-counter-Markets statt. Der außerbörsliche Handel unterliegt nicht der Börsenaufsicht, Geld wird legal über die Ladentheke gewaschen. "Geldwäscher wollen ein Vehikel", sagt der Vorsitzende der Anti Money Laundering Network Group und Geschäftsführer von Silkscreen Consulting, Nigel Morris-Cotterill. "Der Geldwäscher möchte nicht derjenige sein, dem ein Öltanker gehört, für den er einen Käufer suchen muss -aber Future-Kontrakte, die immer einen Markt zu einem Preis haben, sind dafür ideal. Und sie repräsentieren ein anonymes Investment. Die Öl-Firmen haben keine Ahnung und können daher nicht offen legen, wer die Ladung tatsächlich besitzt."

Schmutziges Geld verdrängt das saubere

Hedge-Funds sind ein Beispiel dafür, wie sich die Grenzen zwischen halb legalen und illegalen Geldströmen auflösen. Ab 2004 sind Hedge-Funds in Deutschland zugelassen. Der Handel mit der Zukunft boomt. Weltweit verwalten 6 000 Hedge-Funds etwa 500 bis 600 Milliarden Dollar. Im Jahr 2010 sollen es drei Billionen Dollar sein.

Über die Hälfte der Risikofonds operiert über Offshore-Zentren. Dort müssen sie keine Jahresabschlüsse hinterlegen und entgehen den Kontrollen und Beschränkungen nationaler Regierungen und Behörden. Sie können so schneller und flexibler auf politische und wirtschaftliche Ereignisse reagieren und brauchen die Herkunft der Anlagegelder nicht genau zu überprüfen.

Wolfgang Hetzer, Chef der Abteilung Strategische Analyse und Evaluierung im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel, sieht in der Zulassung von Hedge-Funds "die politische Ambition, die Attraktivität des Finanzplatzes Deutschland zu erhöhen. Damit ist zwangsläufig ein erhöhtes Geldwäscherisiko verbunden." Hedge-Funds bieten ideale Voraussetzungen, innerhalb kurzer Zeit riesige Summen schmutzigen Geldes zu schleusen. So kann auch die Preisbildung an den Märkten verzerrt werden.

Die italienische Mafia hat das in den neunziger Jahren vorgemacht: Ihre Geldwäscher spekulierten gezielt mit Staatsanleihen. Sie kauften so viele Staatspapiere wie möglich und trieben auf diese Weise den Kapitalmarktzins in die Höhe. Die höheren Zinsen brachten der Mafia steigende, legale Gewinne - und verschuldeten den Staat gleichzeitig bei der Mafia.

"Steigende Aktienmärkte und extrem schwankende Terminmärkte bieten gute Gelegenheiten für Geldwäsche", sagt Frank Verbruggen, Professor für europäisches Strafrecht. Hohe Marktschwankungen ohne erkennbaren wirtschaftlichen Hintergrund sind fast immer ein Hinweis auf Insider-Handel, Börsenmanipulationen oder Geldwäsche und Korruption. Die Kämpfer gegen das schmutzige Geld weisen auf einen wichtigen weiteren Aspekt der permanenten Wäscherei hin: ,Je weiter die Unterwanderung der legalen Wirtschaft durch die illegale Wirtschaft fortschreitet, desto stärker kann die organisierte Kriminalität die ökonomischen Bedingungen und Verhaltensregeln diktieren und ihr Wachstumspotenzial weiter erhöhen", schreibt der Ex-Präsident des BKA, Hans-Ludwig Zachert.

Kurz und gut: Die Investition gewaschener Gelder dient den Kriminellen als Trojanisches Pferd, um unerkannt ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machteinfluss auszuweiten. Das gewaschene Geld verdrängt das sauber erwirtschaftete. Korruption und Geldwäsche hebeln das Wettbewerbsprinzip aus. Die Folgen sind gravierend: Die Umsatzrendite regelkonform agierender Unternehmen bleibt hinter den hohen Profitmargen kriminell agierender Firmen zurück. Legal handelnde Marktteilnehmer werden verdrängt - auch an den Börsen. Oder passen sich den veränderten Bedingungen an: Kriminelles Verhalten wird überlebensnotwendig.

Geldwäscher und Mafia-Oberhäupter drohen die Spielregeln einer korrupten Gesellschaft zu dirigieren. Das ist zumindest das Worst-Case-Szenario. Oder ist das nur die Logik der Fahnder und der Geheimdienste? Sie stehen, dass darf man bei dem Hype um die organisierte Kriminalität mit ihren so schwer beweisbaren Schadenszahlen nicht vergessen, unter Legitimationsdruck. Nach Ende des Kalten Krieges schwenkten alle westlichen Geheimdienste auf das zuvor nur lustlos beackerte Feld der Geldwäsche um. Weshalb? Wohl auch, um die riesigen Ausgaben und hohen Mitarbeiterzahlen zu legitimieren. Zur Strategie gehört es ebenfalls, die technische Überlegenheit der Gangster zu unterstreichen - denn das verspricht die Aufrüstung der eigenen Seite. Vergessen wird dabei, was erfolgreiche Kriminalität letztlich treibt: eine Sehnsucht nach dem Establishment.

Die Erfahrung lehrt, dass jede Organisation eine Sehnsucht nach Etablierung hat, und das gilt auch für die kriminelle Organisation. Junge Parteien sind revolutionär. Ältere Parteien wollen in der Regierung bleiben. Junge Unternehmen sind innovativ. Ältere Unternehmen wollen den Status quo wahren. Und die Mafia? In Russland herrschte in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Brutalo-Mix aus Syndikaten und Ex-KGB-Leuten. Unter Wladimir Putin haben sich die Bad Boys in Politik und Wirtschaft etabliert. Alte Gangster sind brave Manager geworden, verwalten Telekom-Unternehmen, Energieversorger und beraten mit viel Sachverstand die Regierung, wie man am besten gegen die organisierte Kriminalität kämpft. Eine Verschwörung? Nein. Eine Veränderung.

Seit in den USA im Kampf gegen die organisierte Kriminalität in den späten sechziger Jahren ein neuer Weg der Integration verfolgt wurde, sind die Syndikate harmloser geworden. In New York etwa übernahmen die "Familien", denen die Justiz nichts nachweisen konnte, das Geschäft mit der Müllentsorgung. Die bösen Jungs machen sich nützlich. Politisch korrekt ist das nicht - aber besser als das dumme Spiel: hier die Bösen, da die Guten. Mit allen Konsequenzen.

Auch Las Vegas ist eine Mafia-Gründung. Heute ist die Stadt das Zentrum der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Aus bösem Spiel wird biederer Ernst.

Aus Waschen Wirtschaft.

Mehr aus diesem Heft

Geld

Atemnot in Entenhausen

Wissen, Innovation, neue Unternehmen und Gesellschaft brauchen Geld. Davon gibt es genug - doch das alte Kapital sitzt ängstlich darauf. Keine Lösung? Doch. Neues Kapital erkennen und schaffen.

Lesen

Geld

Sticky money

Wall Street - das ist Hektik und ein ewiges Gewinnen und Verlieren. Es geht auch anders: Geld kann kleben bleiben. Wie beim Investment-Haus Legg Mason.

Lesen

Idea
Read