Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

Sticky money

Raymond "Chip" Mason packt aus. In seinem Chefbüro 35 Stockwerke über dem Hafen von Baltimore fischt der Gründer, Chairman, Präsident und CEO des Investment-Hauses Legg Mason Inc. in seinem Jackett nach sperrigen Gegenständen, bevor er sich zum Interview niederlässt. Vier Kugelschreiber aus Plastik und ein simpler Taschenrechner kommen zum Vorschein. Kein Handy, kein Edelfüller, kein Blackberry Pager. Chip Mason ist kein Mann der Hightech-Ära, gibt er mit einem Patriarchen-Lächeln zu: "Es ist mir ein Rätsel, wieso die Leute sich diese Dinger unentwegt ans Ohr halten, wenn sie Auto fahren oder herumlaufen. Ich habe ein Mobiltelefon, aber ich nehme es nur mit, wenn es nicht anders geht." Dann hält er inne und denkt nach. Er stellt seine Kaffeetasse mit Firmenlogo wieder auf den Untersetzer mit Firmenlogo, damit auf dem blank polierten Tisch keine Ringe bleiben. "Das ist nur ein kleine Beobachtung, aber es kann genauso gut ein großer Trend sein. Je älter man wird, desto weniger ist man intuitiv getrieben, alles auszuprobieren. So ist das eben mit dem Alter und der Erfahrung: Sie bringen einem Vor- und Nachteile."

Bisher, da ist sich die Finanzbranche einig, haben Alter und Erfahrung Chip Mason vor allem Vorteile gebracht. Sein Unternehmen ist eine der profitabelsten und noch dazu eine von den wenigen unabhängigen Geld- und Fonds-Management-Firmen Amerikas. Im abgelaufenen Quartal Ende Juni legte das Geldhaus aus Baltimore erneut Rekord-Ergebnisse vor: acht Prozent Zuwachs beim Umsatz und zweistellige Zuwachswaren bei verwaltetem Vermögen und Gewinn. Legg Mason verwaltete Ende Juni 217 Milliarden Dollar Vermögenswerte für seine Kunden. 1993 waren es 13 Milliarden.

Besonnenheit als Firmenphilosophie

Legg Mason verdient sein Geld auf drei Gebieten. Gut zwei Drittel der Einlagen stammen von institutionellen Anlegern, dem Asset-Management-Geschäft, das sich der Verwaltung großer Summen annimmt. Das nächste, bedeutend kleinere Standbein sind offene Investmentfonds mit 45 Milliarden Dollar (21 Prozent) wie sie Vanguard, Fidelity oder DWS auch anbieten. An dritter Stelle folgt die Vermögensverwaltung für wohlhabende Einzelpersonen (24 Milliarden Dollar oder 11 Prozent). Diesen Dreisprung hat Chip Mason nicht nur im Griff - vom ihm stammt die strategische Ausrichtung, die Investment-Banking bewusst klein schreibt. Aber um weiter zu wachsen, reicht Amerika nicht mehr. Das Unternehmen folgt Fidelitys Mutterhaus FMR und der Vanguard Group und drängt über Großbritannien nach Deutschland - "einem europäischen Schlüsselmarkt", wie die Firma es nennt. Seit Juli sind hier zu Lande fünf Legg-Mason-Fonds erhältlich.

Dass Legg Mason den jüngsten Börsencrash, die anschließende Rezession und Skandale an Wall Street ohne Aderlass bei Vermögen oder Angestellten überstand, verdankt die Firma ihrem Gründer. Mason ist ein stiller Visionär, der sich nicht nur von lärmenden Taschen-Computern fern hält, sondern auch zur gesamten Technologie-Blase wie zu Wall Streets unappetitlichen Verstrickungen Distanz hielt.

Seine Firma atmet etwas von der Familienatmosphäre eines Provinz-Geldhauses, das mit Konstanz zum Kosmopoliten herangewachsen ist. Baltimore ist eine verblasste Hafen- und Handelsstadt, die seit Jahrzehnten mit der Erinnerung an den eigenen Verfall ringt und den Wiederaufbau ihrer Innenstadt noch lange nicht abgeschlossen hat. Die Mitarbeiter im Legg-Mason-Gebäude, einem klobig-unprätentiösen Turm im Herzen des Finanz-Distriktes, sprechen fast ehrfürchtig von einer Fahrt nach Manhattan, statt sich mit Golfpartien oder Karibikurlauben zu brüsten. Die Cafeteria serviert pappige Truthahn-Brötchen wie im Finanzamt. Der 66-jährige Chef, dem drei Prozent oder zwei Millionen Aktien am Unternehmen gehören, hat sich weder als Segler noch als Golfspieler profiliert. "Am liebsten", sagt Mason, "gehe ich am Strand spazieren."

Besonnenheit ist die Frontansicht eines Unternehmens, das in der jüngsten Krise kräftig zugelegt hat. Wie man vom regionalen Maklerbüro in Virginia zum Fusionspartner eines traditionsreichen Geldhauses der Jahrhundertwende und schließlich zur Nummer 51 unter den weltweiten Vermögensverwaltern aufsteigt, das erzählt Chip Mason so gelassen, als ob er der Firmenarchivar wäre. Vor 20 Jahren ging Legg Mason an die Börse. "Wir waren nichts weiter als eine Maklerfirma mit einem bisschen institutionellen Geschäft und so gut wie keiner Vermögensverwaltung." Mason hatte außerdem gerade seinen ersten Aktienfonds für Privatkundschaft im Küstenstreifen zwischen Baltimore und Washington aufgelegt. Inzwischen ist besagter Value Trust Fonds in mehreren Tranchen auf einen bald zweistelligen Milliardenbetrag angeschwollen, und sein Manager Bill Miller darf für sich in Anspruch nehmen, als einziger Fonds-Manager der vergangenen 40 Jahre den Standard & Poor's 500 Index zwölf Jahre hintereinander geschlagen zu haben.

Spekulationen sind gut - Gebühren sind besser

Der große Wendepunkt kam in den achtziger Jahren, als Mason die Erleuchtung hatte: Das Geschaft auf die unsteten Einkommensströme aus Maklerkommissionen zu gründen sei keine Garantie für planbares Wachstum, zu dem ihn die Erlöse des Börsengangs plötzlich befähigten. Mason sah sich nach einem stabilen Investitionsobjekt um und fand Western Asset Management in Pasadena bei Los Angeles. Der Spezialist für die Anlage großer Positionen festverzinslicher Papiere hatte damals Vermögenswerte von drei Milliarden Dollar unter Verwaltung und wechselte für 16 Millionen Dollar den Besitzer. "Das war der Durchbruch für uns", erinnert er sich. " Western Asset öffnete uns die Augen, wie wichtig feste Gebühren sind. Es ist simpel: Man muss nur gute Performance vorweisen, dann kommt das Geld und bleibt."

Western Asset, heute eine von 14 hundertprozentigen Töchtern der Legg-Mason-Familie, ist die Cash Cow des Unternehmens. Pensionsfonds, Versicherungen, Regierungsstellen, Stiftungen und Unternehmen, die hier anlegen wollen, müssen mindestens 50 bis 75 Millionen Dollar flüssig haben. Das Asset Management steuert dank steter Gebühren den Löwenanteil am Ertrag bei. Rund 58 Prozent des Gewinns vor Steuern im vergangenen Quartal stammten aus der Vermögensverwaltung, die Marge liegt mit 29 Prozent deutlich über allen anderen Geschäftszweigen.

"Vermögensverwaltung ist ein stetig wachsendes Geschäft, das sahen wir die vergangenen zehn Jahre auf uns zukommen", erklärt Chip Mason seine Investitionsstrategie. "Immer mehr Privatpersonen mit einer Viertelmillion oder mehr wollen ihr Geld gut angelegt wissen. Alle Informationen deuten darauf hin, dass die Leute mehr verfügbares Einkommen haben und in den kommenden zehn bis 15 Jahren ein wachsender Strom von Vermögen transferiert werden wird."

Für institutionelle wie reiche Privatkunden gilt: Sie legen ihr Geld bei einem guten Berater an, zahlen dafür regelmäßig Gebühren und ziehen die Gelder nicht sofort ab, wenn eine Baisse kommt. Den Beweis legte Legg Mason im Jahresbericht 2002 vor: Einnahmen aus Anlageberatung stiegen das 21. Jahr in Folge, und zwar um zehn Prozent auf 860 Millionen Dollar oder 56 Prozent des Nettogewinns. Langfristig soll der Anteil auf 70 Prozent steigen.

Die jüngste Aufregung um Dotcom-Spekulation, IPO-Fieber und die anschließende Mischung aus Katerstimmung, Kabale und Klagen hat Mason nur darin bestärkt. "Unsere Strategie war für mich offensichtlich. Das einzig Seltsame ist, dass andere es nicht so deutlich gesehen haben." Für Mason ist die Aufregung um Mauscheleien, Ermittlungen und Prozesse nur teilweise verständlich. "Der Tech-Boom ging an uns vorbei - unter anderem wegen mangelnder Möglichkeit mitzuspielen. Das war zuweilen ein Problem, denn die Nachfrage war immens, das Gerede darüber schwer zu ertragen." Mason breitet zwei große Handteller vor sich aus, legt sie aneinander und starrt auf seine Handflächen, als ob er etwas liest. "Man sah sich diese Emissionsprospekte an und verstand nichts. Und niemand wollte zuhören! Wir konnten uns den Mund fusselig reden. Wenn Leute sich heute beschweren, man habe sie nicht gewarnt, kann ich nur sagen: Niemand hat sie zum Trog geführt, sie sind selbst hingerannt!"

"Das war 1968/69 nicht anders", fährt Mason fort und hebt zu einem seiner vielen hausbackenen Vergleiche an, wie man sie an Wall Street vergeblich suchen würde: "Neuer Rock, gleiche Frau. Auch wenn es kein Enron gab. Es gab immer Regeln und Gesetze. Es ist ja nicht so, als ob jemand heimlich das Stopp-Schild versetzt oder die Straßenmarkierungen umgemalt hätte." Jetzt allerdings drohe das Pendel zu weit ins andere Extrem umzuschlagen: "Es ist eine typische politische Reaktion. Ein Teil der Reformen sind gut, andere reines Theater. Insgesamt werden neue Regelungen und verschärfte Gesetze aber für Besserung sorgen."

Zumindest was die hauseigenen Fonds angeht, kann es bei Legg Mason kaum besser laufen. Bill Miller, 53, langjähriger Weggefährte, hat den von ihm geführten Value Trust Fonds zu einem Marketing-Vehikel erster Güte gemacht. Der Fonds ist seit seiner Gründung im April 1982 auf knapp neun Milliarden Dollar gewachsen, und Millers exzentrisch-brillante Rundschreiben an die Anleger genießen eine Fangemeinde, die Vergleiche zum "Weisen von Omaha" Warren Buffett nahe legt. Neben ihren literarischen Exkursen haben die beiden Männer noch etwas Wichtiges gemein: Sie suchen nach verkannten Unternehmen mit fundamentalen Werten, und sie sind dem Vater des Value Investing, Benjamin Graham, verbunden. Der in den dreißiger und vierziger Jahren zu Ehren gelangte Professor an der Universität Columbia gilt als Vater der modernen Wertpapier-Analyse.

Miller nimmt die harten Tatsachen allerdings nur zum Ausgangspunkt wilder Assoziationsreigen, die von der abendländischen Philosophie über Las Vegas bis zum Schwarmverhalten von Insekten und anderer komplexer Phänomene reichen. Der Sinn des Ganzen? Miller, ein Bär von einem Mann, der nur im Anzug nach Finanzguru aussieht und sonst als Tüftler in einem Labor wie Xerox PARC durchgehen könnte, lacht. "Die meisten Leute laufen mit einem bestimmten Modell der Wirklichkeit durch die Welt, aber sie verstehen nicht, wie das Modell aussieht und wie es entsteht. Menschen wollen Muster wiedererkennen und sich an ihnen orientieren. Ein grundsätzliches Merkmal der Investitions-Welt ist, dass es keine solchen stabilen Muster gibt."

Der ungewöhnliche Buckwinkel

Wer unbeliebte Aktien wie Tyco, Lucent Technologies oder Amazon.com hält, sollte sich nach Millers Überzeugung mit Glücksspielen wie Roulette, Pferderennen und Poker beschäftigen: "Gambling ist nichts anderes als eine Unterabteilung der Mathematik, ein Mikrokosmos, mit dem sich Probleme durchspielen lassen. Die entscheidende Grenze verläuft dort, wo das Ergebnis von den Fähigkeiten des Spielers abhängt oder nicht. Ist Letzteres der Fall, ist der Ausgang ungewiss, und man kann auf lange Sicht Weltklasse-Ergebnisse einfahren." Für Miller sind die Rundbriefe mehr als nur lautes Nachdenken. "Die meiste Finanzberichterstattung ist nichts weiter als inhaltsloser Lärm oder ein Blick in die Vergangenheit. Man bekommt bessere Einsichten, wenn man sich ungewöhnliche Blickwinkel zum Nachdenken sucht."

Gemeinsam mit Chip Mason ist Miller heute einer der Veteranen in Baltimore, der die nächste Generation auf die Legg-Mason-Methode einschwören soll. Das Unternehmen mit 5300 Angestellten, von denen 1150 im Firmensitz im Zentrum Baltimores arbeiten, rühmt sich einer familiären Atmosphäre ohne aggressive Personalpolitik. Chip Mason sieht es als einen der wesentlichen Vorteile Baltimores, "von den ständigen Personal-Raubzügen an Wall Street entfernt zu sein".

Nancy Dennin und Lisa Rapuano sind zwei Paradebeispiele für die eher traditionelle Personalpolitik des Geldhauses. Dennin hat 21 ihrer 43 Lebensjahre bei Legg Mason gearbeitet. Sie stieg von der jungen Analystin für den frisch eingestellten Miller zum Assistant Portfolio Manager des Value Trust Fonds auf. Für sie ist die Essenz der Firma die lange Sicht und der für die Branche unübliche Mangel an Aggressivität. "Viele andere Finanzdienstleister schaffen es nicht, langfristige Loyalität aufzubauen. Wir gehen das anders an", sagt Dennin, die neben ihrem Management-Job auch noch fünf Jungs großzieht, darunter Drillinge, die 1998 zur Welt kamen. "Wir sind nie auf der Suche nach neuen Leuten. Aber wir werden sofort jemanden einstellen, wenn er zu uns passt."

So kam Lisa Rapuano, 37, zu Legg Mason. Drei Jahre nach ihrem College-Abschluss und einem kurzen Gastspiel als Geld-Managerin in North Carolina zog sie mit Ende 20 nach Baltimore. "Dieser Laden ist anders. Wir lassen uns Zeit und wollen Anleger dazu erziehen, auch längerfristig zu denken", erklärt Rapuano. "Ein Deal, das sind für uns zwei Jahre. Unser verwaltetes Vermögen hätte in den neunziger Jahren sicher schneller wachsen können, aber ebenso schnell wäre es auch wieder weg gewesen. Wir wollen Geld, das sticky ist" - also kleben bleibt.

Ebenso viel Zeit lassen sich die Investitionsprofis bei der Auswahl von Aktien in ihren Portfolios. "Wir glauben, dass Märkte effizient arbeiten, aber wir haben zwei Ausnahmen identifiziert", erklärt Rapuano. "Märkte überreagieren auf kurze Sicht bei Auf- oder Abschwüngen. Wir konzentrieren uns auf Letzteres, denn da verlieren Firmen aus reiner Verhaltenspsychologie an Wert. Jedes Papier, das wir besitzen, haben wir nach dieser Methode gekauft", sagt die Finanzexpertin. "Zweitens denken wir weiter als der normale Investor, für den der Horizont in der Regel nach 18 Monaten aufhört." Millers Fonds etwa hält Aktien in der Regel fünf Jahre und hat eine Fluktuationsrate von nur 20 Prozent - der Durchschnitt für einen US-Aktienfonds ist mehr als dreimal so hoch. Bevor er, Dennin oder Rapuano ein Papier kaufen, unterziehen sie es einem Stresstest, bei dem sie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis kaum Beachtung schenken. "Wir wollen ein Unternehmen, sein Management und sein Geschäft als wirtschaftliches Wesen beschreiben und begreifen", sagt Rapuano.

Wie lange noch wird Legg Mason dem Schicksal anderer Geldhäuser seines Kalibers entgehen, die über die Jahre im Räderwerk großer Banking- und Investment-Konzerne untergegangen sind? "Die Frage ist so alt wie meine Antwort", sagt Mason. "Solange wir den Markt in den Schatten stellen, ist das kein Thema."

Was aus dem Geldhaus wird, wenn der Chef abtritt, ist eine weitere offene Frage. In einem Interview 1999 gab Mason zu Protokoll, dass er höchstens noch fünf Jahre am Ruder bleiben wolle. "Der Tumult an den Märkten hat uns bisher davon abgehalten, mit dem Prozess der Nachfolgersuche zu beginnen", sagt er heute. " Ich werde dem Verwaltungsrat zwei Jahre vorher Bescheid geben und für eine Übergangsphase noch als Chairman bereitstehen. Bislang habe ich weder Bescheid gesagt, noch haben wir meinen Nachfolger ausgesucht."

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