Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

GEMEINSAM SELBSTSTÄNDIG

Sitzen zwei am Lagerfeuer. Sagen wir mal, ein Mittelständler und ein alter Indianer. Der Mittelständler schwärmt von seiner Freiheit, seiner Eigenständigkeit, der Herausforderung, sich immer aufs Neue in der Wildnis behaupten zu müssen. In letzter Zeit allerdings, räumt er ein, fürchte er sich manchmal. Der Busch verändere unablässig sein Gesicht. Wie schön wäre es doch, sagt der Mittelständler, als das Feuer langsam verglimmt, eine Nacht durchschlafen zu können, statt stets mit halbem Ohr auf die Gefahren in der Dunkelheit zu lauschen.

Da nimmt der Indianer einen Stock und reicht ihn dem Mittelständler. "Brich ihn durch!" Der Mittelständler guckt irritiert und bricht den Stock mühelos entzwei. Daraufhin sammelt der Indianer so viele Stöcke vom Boden auf, wie er mit Händen greifen kann, verschnürt sie zu einem losen Bündel und sagt: " Und nun versuch es hiermit."

So oder ähnlich trug es sich vor gut fünf Jahren in Sundern im Sauerland zu. Einzelhändler, Wirte, Pensionsinhaber und Handwerker der 30 000-Einwohner-Stadt rückten näher zusammen, als sich ihr ökonomischer Lebensraum zunehmend feindselig darstellte. Die Übernachtungszahlen gingen zurück; die Bürger fuhren zum Shopping auch mal in den Nachbarort und verhielten sich grundsätzlich nicht mehr wie früher. Kaufkraft wanderte ab und mit ihr die Gewerbesteuer, zuletzt reichte das Budget der Stadt nicht einmal mehr für den Fremdenverkehrsverein. Sundern spürte zunehmend den rauen Wind der Konkurrenz mit anderen Städten - als Ferienziel, Einkaufstadt, Wohnort für Menschen und Standort für neue Unternehmen.

Leute mussten her: Gäste, Kunden, Bürger. Darin waren sich die Unternehmer bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Geschäfte einig. Allerdings würde der Einzelne die Werbetrommel nicht laut genug schlagen können. Blieb nur eine Lösung: die Kräfte zu bündeln. Die Sunderner gründeten eine Stadtmarketing Genossenschaft. Und entschieden sich damit für eine alte Rechtsform, die die Wiederentdeckung lohnt. Vor allem in zukunftweisenden Bereichen der Wirtschaft wie Informationstechnologie, Dienstleistung und Gesundheitswesen.

Heino Weller vom Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Nürnberg-Erlangen sagt: "Die Genossenschaft eignet sich ideal als Antwort des Mittelstandes auf Globalisierung und neue Medien." Sie erlaube dem Unternehmer, sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren, indem er einen Teil seiner Leistungen in die Genossenschaft auslagert und dort mit vereinten Kräften bewältigen lässt.

Mit anderen Worten: Die Krankenschwester kümmert sich um den Kranken und überlässt den Bürokram der Genossenschaft. So haben sich in Nürnberg gerade zehn private Pflegedienste zusammengetan, um die Verwaltung sowie den Einkauf von Arbeitsmaterial genossenschaftlich zu organisieren. Denn Pflegekräfte bringen mittlerweile gut 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation und anderen Verwaltungsarbeiten zu, um den gesetzlichen Auflagen der Qualitätssicherung gerecht zu werden. Ein bürokratischer Aufwand, den ein einzelner Pflegedienst kaum noch finanzieren kann. Die "Help for Care eG" wird ihren Mitgliedern unter anderem Hilfestellung beim Qualitätsmanagement geben - allein dadurch werden die Einrichtungen sechsstellige Summen sparen, schätzt Franz Hast, der Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft.

Trotz solcher Vorteile hat die Rechtsform Genossenschaft ein Imageproblem. Sie klingt nach Kommune, Vollbart und Dauerdebatte. Und das, obwohl jeder fünfte Bundesbürger Genosse ist und es eigentlich besser wissen müsste: Volksbanken und Raiffeisen gehören quasi zum ökonomischen Kulturgut Deutschlands. Und nicht nur im Bankensektor, auch auf dem Wohnungsmarkt, in Landwirtschaft und Gewerbe finden sich landesweit insgesamt knapp 5700 Genossenschaften.

Dennoch führt die Assoziationskette bei vielen direkt zu LPG und DDR. Dabei hat sich das kommunistische Produktionskollektiv mit Zwangsmitgliedschaft und Planerfüllung ganz wesentlich von der Idee der Genossenschaft in der Marktwirtschaft unterschieden: Es war ein Instrument staatlicher Wirtschaftspolitik, in der Marktwirtschaft ist die Genossenschaft dagegen ein Instrument der Selbsthilfe.

Tatsächlich finden sich die Ursprünge des Genossenschaftsgedankens sowohl im Liberalismus als auch im Sozialismus. Gegründet wurden sie europaweit als Reaktion auf die verheerenden Folgen der industriellen Revolution für Arbeiter, Handwerker und kleine Gewerbetreibende. Während französische Sozialisten in den Genossenschaften ein Instrument sahen, das kapitalistische System zu überwinden, wollten die deutschen Väter der Genossenschaftsbewegung, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, damit ausdrücklich innerhalb der Marktwirtschaft die Not lindem.

Der pragmatische Dreiklang: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung

Bei diesem Gegensatz, der bis heute besteht, geht es um die Frage: Selbsthilfe oder Fremdhilfe durch den Staat? In Frankreich, Belgien und Italien zum Beispiel sind Genossenschaften ein Instrument staatlicher Sozialpolitik - die Kommune gründet beispielsweise eine Genossenschaft, um Arbeitslose zu beschäftigen. Nach deutschem Verständnis widerspricht das den Grundsätzen Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung, die Hermann Schulze-Delitzsch im Sinn hatte, als er seine "Rohstoffassoziationen" und den "Vorschussverein", den Vorläufer der Volksbanken, gründete.

Was sich bei Kartoffeln und Spargroschen bewährt hat, funktioniert heute auch mit Wissen. Jeder Berufsstand braucht eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene EDV, die permanent gepflegt werden muss. Das kostet viel Zeit, die Freiberufler und Kleinunternehmer nicht haben. Deshalb gründeten Ärzte die Duria Datenverarbeitungsgenossenschaft eG, die Arztpraxen, Ambulanzen und Laborgemeinschaften adäquate Programme zur Verfügung stellt. Mehr als 2 000 Mediziner werden von einem Team aus Programmierern, Ärzten und Hotline-Mitarbeitern betreut.

Ein Modell, für das es ein sehr erfolgreiches Vorbild gibt: Bereits 1966 wurde das auf Lohn- und Finanzbuchhaltung spezialisierte Softwarehaus Datev eG gegründet, um Steuerberatern und Anwälten die notwendige Software zu günstigen Preisen an die Hand zu geben. Heute zählt die Genossenschaft 39 000 Mitglieder und beschäftigt 5300 Mitarbeiter; drei Viertel der deutschen Unternehmen erledigen ihre Finanzbuchhaltung mittlerweile mit diesem System.

Doch die Genossenschaft kann mehr sein als Erfüllungsgehilfe für ihre Mitglieder. Sie ermöglicht den Spagat zwischen der notwendigen Spezialisierung der einzelnen Firma und dem Wunsch des Kunden nach Komplett-Lösungen. Genau das ist die Idee hinter der Deutschen Gesellschaft für Handwerk und Kooperation eG (DGHK). Von Teppichlegern, Malermeistern, Dachdeckern über Experten für Sanitär, Heizung und Klima bis hin zu Architekten, Gartenbauern und Statikern versammelt sich alles unter dem Dach der DGHK. Sie bietet Neubau oder Komplettsanierung aus einer Hand.

Vom Entwurf bis zur Schlüsselübergabe und darüber hinaus muss sich der Kunde nur mit einem Ansprechpartner auseinander setzen. Der Vertrieb der DGHK akquiriert Aufträge; der Bauingenieur in der Zentrale holt Preise der Mitgliedsbetriebe ein, stellt aus dem Pool der DGHK ein Team aus Spezialisten zusammen und schreibt das Angebot. Nach Fertigstellung des Gebäudes kontrolliert und garantiert die DGHK die Funktion der Haustechnik und pflegt die Infrastruktur. Für ihre Leistungen kalkuliert die DGHK einen Zuschlag auf die Handwerkerrechnungen.

Dass sie trotzdem mit der Konkurrenz mithalten kann, liegt an den Einsparungseffekten kooperativer Arbeit. Ihren Mitgliedern bietet die Genossenschaft zudem Schulungen an und übernimmt für sie Aufgaben wie Marketing, Rechnungswesen sowie die Abrechnung mit den Auftraggebern.

Auch Unternehmern der Informationstechnologie kommt es neuerdings in den Sinn, im Rahmen einer Genossenschaft Synergien zu nutzen. So schlossen sich zum Beispiel im Jahr 2 000 IT-Systemhäuser, Beratungsunternehmen und freie IT-Berater unter dem Dach der SQTM eG in Bad Schwalbach bei Wiesbaden zusammen, um gemeinsam Software und maßgeschneiderte EDV-Lösungen anzubieten. Die Genossenschaft ist im Stande, Großaufträge anzunehmen, die jedem Einzelnen nicht zugänglich wären - bei vollem Erhalt der Selbstständigkeit ihrer Mitglieder.

Und das ist es, worum es vielen geht. Einerseits gibt es den Wunsch nach Selbstbestimmung, andererseits merken viele: "Allein schaffe ich es nicht." Die Genossenschaft vermittelt zwischen beiden Polen: Das Netzwerk verhilft dem Einzelnen zu einer Größe, die es ihm erlaubt, sich am Markt zu behaupten.

Trotz Internationalisierung der Wirtschaft nimmt auch die Einsicht zu, dass letztendlich jedes Geschäft einen lokalen Ursprung hat, sagt Christopher Pliester, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e. V. Die Menschen interessierten sich wieder mehr für das, was unmittelbar um sie herum geschieht, wollten mitmischen und Verantwortung übernehmen.

So haben die Bürger des 1300-Seelen-Nests Ellerhoop in Schleswig-Holstein gerade ihre Wasserversorgung selbst in die Hand genommen. Als der Gemeinderat vor acht Jahren im Nebensatz verlauten ließ, er wolle das Wasserwerk verkaufen, sei er sehr verärgert gewesen, sagt Hermann Ritter, der Initiator der Genossenschaft. "Die bundesweite Zentralisierung der Wasserversorgung gefällt mir nicht - zumal es dafür in Ellerhoop keinen plausiblen Grund gibt."

Lediglich rund 90 der 370 Haushalte sind an das Wasserwerk angeschlossen, alle anderen haben einen Brunnen. Der Verkauf an ein Versorgungsunternehmen hätte einen Zwangsanschluss aller Bürger an das neue Netz bedeutet - für dessen Installation und die Umbauarbeiten im eigenen Haus sie hätten zahlen müssen. Also haben die Bürger die alte Pumpe gekauft und zu diesem Zweck eine Genossenschaft gegründet. Im Juni war es endlich so weit, man traf sich zur Unterschrift im Gasthaus Zur Linde.

Vorausgegangen war dem jedoch ein Berg Arbeit. Über Jahre hinweg trafen sich die sechs Mitglieder der Gründungsinitiative mindestens einmal im Monat. Sie führten, zwei Bürgerentscheide herbei, putzten immer wieder Klinken, erörterten technische Lösungen der Wasserförderung, arbeiteten den Geschäftsplan aus und führten mit dem Gemeinderat langwierige und zähe Verhandlungen über die Kaufsumme.

"Immer mal wieder wollte einer abspringen", sagt Susanne von Soden, die Vorstandsvorsitzende, die die Geschäfte vom Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses aus führt. Nebenbei ist sie berufstätig und Mutter. " Aber gerade die menschliche Erfahrung war so wohltuend", sagt Hermann Ritter, "dass Leute auf diese Weise zusammenarbeiten können - sachlich, engagiert und demokratisch." Und letztendlich ist es ihnen gelungen, die Wasserversorgung in der Hand zu behalten und für sich und ihre Nachbarn kostengünstig gutes Wasser sicherzustellen.

Das Ehrenamt ist im Genossenschaftswesen angelegt, sagt Heino Weller. Überhaupt spielen immaterielle Werte eine größere Rolle als in anderen Unternehmensformen. Das Kapital hingegen wird in eine dienende Rolle gedrängt und entmachtet. Jedes Mitglied hat eine Stimme - unabhängig von der Kapitaleinlage. Die Höhe der Kapitalrendite ist nicht der Maßstab. Wäre er das, müsste die Genossenschaft für ihre Leistungen maximale Preise verlangen, und zwar von ihren eigenen Mitgliedern.

In ihrer Doppelrolle als Teilhaber und Kunde sind die Mitglieder jedoch nicht an Dividenden interessiert, sondern an bestimmten Leistungen zu verträglichen Preisen. Überschüsse werden an die Mitglieder zurückgegeben. Während die Aktiengesellschaft die Sammlung von anonymen Kapital ermöglicht, bündelt die Genossenschaft Sozialkapital, Wissen und Arbeitskraft. Und sichert eben dadurch privatwirtschaftliche Existenzen.

Wie zum Beispiel im Neuwerk in Konstanz, der Fabrikhalle einer vor Jahrzehnten stillgelegten Textilfirma. Dort lebten und arbeiteten mehr als 50 Handwerker, Gewerbetreibende, Künstler und Hobbybastler, als 1997 die ersten Kündigungen ins Haus flatterten. Das Gebäude gehörte dem Bundesvermögensamt und sollte einer Bundesstraße weichen. Was nun?

Die Mieter verfügten über alle erdenklichen Fähigkeiten, nur nicht über viel Geld. Also taten sie sich zusammen. Zögerlich zunächst, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten der Hobbyschrauber aus dem Keller, der Zimmermann aus dem Nordflügel und die Künstlerin unterm Dach kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Doch in der Not...

Wer sich zusammentut und gemeinsam anpackt, kann viel erreichen

Gemeinsam entwickelten sie ein Konzept, das von der Verlegung der Bundesstraße über Ankauf und Sanierung des Gebäudes bis hin zur Vermietung der 9 000-Quadratmeter-Fläche reichte. Architekten, Grafiker, Handwerker, ein Anwalt und vieles von dem, was sonst noch gebraucht wurde, fand sich im Haus. Der Konstanzer Gemeinderat wurde überzeugt, und im März 2 000 konnte die Neuwerk eG gegründet werden. Die Kaufsumme, bestehend aus Genossenschaftsanteilen und privaten Darlehen, brachten die Neuwerker stolz selbst auf; die Sanierung wird über die Bank finanziert. Und weil sich alle einig sind, dass die Kosten niedrig gehalten werden müssen, leistet jedes Mitglied einmalig 100 Stunden Muskelhypothek. Im Grunde ist das Neuwerk eine Mietergenossenschaft, sagt Johannes Brand, einer der beiden Vorstände.

Gerade die geringe Miete hat so manchen kleinen Handwerker groß gemacht. Der Südflügel ist inzwischen so gut wie fertig, knallrot leuchtet er zwischen der sich windenden Bundesstraße und verspricht eine prosperierende Zukunft. Das hätte "den Chaoten" zunächst niemand zugetraut. Und der Genossenschaft auch nicht. Dabei war gerade sie das einzige in Frage kommende Rechtskleid, um zu erreichen, was die Neuwerker erreichen wollten - nämlich, dass jeder, der bleiben wollte, bleiben konnte. Künstler zahlen sogar eine um 20 Prozent reduzierte Miete. Außerdem ist die Haftung begrenzt, es gibt demokratische Strukturen und eine Kontrolle der Geschäftsführung durch die gesetzlich vorgeschriebene regelmäßige Prüfung.

Doch selbst bei Genossenschaftsbanken scheint das den Mitarbeitern nicht immer präsent zu sein. "Oh, Schreck!", war die typische Reaktion, wenn Christine Dehnert von der Neuwerk eG in den Kreditabteilungen der Banken den schlichten Satz sagte: "Wir wollen eine Genossenschaft gründen." Dabei ist die Genossenschaft die Rechtsform mit der geringsten Insolvenzquote. "Das große Potenzial der Genossenschaft", sagt Heino Weller, "schlägt sich leider noch nicht in Gründungszahlen nieder." Aber das kann sich ja noch ändern.

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