Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

Es geht auch ohne

Zugegeben, es geht hier lediglich um Sandwiches. Nicht um hochkomplexe Produkte, die die Fantasie von Kapitalgebern nähren könnten wie etwa neue Medikamente für den Weltmarkt der Biotechfirma X oder revolutionäre Software der Firma Y. Aber von irgendetwas muss der Mensch bekanntlich ja leben. Auch Bankangestellte.

Oder gehen die in der Mittagspause heim zu Muttern?

Dies ist die Geschichte des 34-jährigen Amerikaners Kewan Siahatgar, der nirgendwo Startkapital für seine Pläne bekam, als Franchise-Nehmer eines US-Multis einen Sandwich-Laden in Stuttgart zu eröffnen und der deshalb bei einer abenteuerlichen und sehr amerikanischen Art der Start-up-Finanzierung endete.

Kewan Siahatgar ist ein schlanker junger Mann mit blond gefärbten Haaren und dichten Augenbrauen. Der Vater Perser, die Mutter Deutsche. Geboren in Washington D.C. Dort geht er auf die deutsche Schule. Danach studiert Siahatgar in den USA Elektrotechnik, macht ein Auslandspraktikum in der Entwicklungsabteilung für Regelungssoftware bei Siemens in Mannheim, geht nach Detroit zum Automobilzulieferer ITT, damals ein ursprünglich deutsches Unternehmen in amerikanischer Hand mit Stammsitz in Frankfurt/Main.

Dann - noch innerhalb der USA - wechselt er als Entwicklungsingenieur zum Konkurrenten Bosch, für den er bald zwischen Stuttgart und Detroit pendelt. Die Deutschen wissen Siahatgars Vorteile zu schätzen, zwei Muttersprachen zu haben, sich in beiden Welten sicher bewegen zu können. 2001 schließlich geht er zu einer Bosch-Tochter, um als Projektleiter den Kunden Lamborghini zu betreuen. " Ich wurde sehr gut dafür bezahlt, in teuren Autos Testfahrten in Schweden, Spanien oder Italien zu machen", schwärmt Siahatgar noch heute. Nur: Er ist Teil eines Apparats, er "hat den sichersten Job bei der weltgrößten Behörde". Er will selbstständig sein. Kann man sich einen überzeugteren Existenzgründer vorstellen?

Von Ulrich Cartellieri, ehemals im Vorstand der Deutschen Bank und heute noch im Aufsichtsrat, ist der Satz überliefert, die Banken seien "die Stahlindustrie der neunziger Jahre". Soll heißen, sie schleppten zu viel Masse mit sich herum und erzielten deshalb zu wenig Rentabilität. Mit 2,75 Prozent hatte man Omas Sparbuch abgespeist und das Geld für acht Prozent an den Bäcker und Häuslebauer verliehen. Von der Differenz ließ es sich passabel leben. Aber die Kosten stiegen, die Margen wurden kleiner, die Angst größer. Das Selbstbewusstsein schwand - und plötzlich sah man überall zuerst das Risiko im Geschäft mit dem Geld. Basel II machte aus Bankern endgültig Hasenfüße.

Ein prima Konzept, aber Geld gibt's trotzdem nicht

Und dann kommt so ein Ami und will Geld für einen Sandwich-Laden. "Ich bin weiß Gott kein Genie", sagt Kewan Siahatgar, "aber ich habe den Vorteil, dass ich die USA kenne. Ich weiß, wie sie's machen." Und weil fast alles früher oder später aus den USA nach Deutschland kommt, setzt er auf Subway, die amerikanische Franchise-Firma. Deren Sandwiches, die vor den Augen des Kunden auf dessen Wunsch belegt werden, hat er schon als Jugendlicher in Washington D.C. gern gegessen. Mehr als 19 000 Subways in 74 Ländern gibt es bereits. Das kann auch in Stuttgart funktionieren: " Im Betriebshandbuch ist alles bis ins Kleinste definiert. Wenn man Einsatz bringt, kann man nicht viel falsch machen."

So denkt Kewan Siahatgar, noch gut bezahlter Entwicklungsingenieur, und geht zu einer Existenzgründermesse in Stuttgart. Er trifft Vertreter der Deutschen Ausgleichsbank und der Bürgschaftsbank. "Klingt gut", sagen die und machen ihm Mut.

Also geht Siahatgar zu den Bankern in Stuttgart, auf deren Visitenkarten Existenzgründerberater steht und Firmenkundenbetreuer und Wirtschaftsförderer. Er legt ihnen einen 100 Seiten dicken, gebundenen Busmessplan vor, den er mit einem Diplom-Betriebswirt geschrieben hat. Marketingstrategie. Preispolitik. Personalplanung. Standort- und Wettbewerbsanalyse, inklusive Insolvenzquote, die laut Deutschem Franchise-Verband bei nur 7,2 Prozent liegt. Umsatzzahlen der Vergleichsstandorte in Köln, Düsseldorf und Esslingen - damals gibt es 29 Subways in Deutschland. Ertrags- und Liquiditätsvorschau. Break-even-Betrachtung. Deutsche Zeitungsartikel: "Subway greift McDonald's an. Die weltweit zweitgrößte Fastfood-Kette Subway plant einen kräftigen Ausbau ihres Deutschland-Geschäfts. Ende 2003 wollen wir 100 Restaurants haben, sagt Subway-Chef Fred DeLuca." Gehaltsnachweise von Bosch. Üppige Bonuszusagen von Bosch, die während seiner ersehnten Selbstständigkeit wirksam werden. Nachweise seiner Sicherheiten: ein Lexus; ein Ford F-150 Harley Davidson Pick-up, 5,4 Liter, V 8, Wert etwa 40 000 Euro; ein Nissan 300 ZX Bi-Turbo mit 400 PS.

Banken machen ihren Job nicht mehr

Siahatgar braucht 145 000 Euro, 35 000 Euro will er aus seinem Barvermögen einbringen. Er bekommt von den Banken keinen Cent. Dafür Briefe: "Nach intensiver Prüfung... leider ablehnen ... Risikobranche Gastronomie... auch Branchenriese McDonalds hat rückläufige Zahlen angekündigt... nicht entmutigen lassen... vorbildliche Vorbereitung... alles Gute... sollten Sie noch Fragen haben..." Oder: "...sind unverändert der Meinung... sicherlich würde sich durch die Aufnahme eines Verwandtendarlehens die Kreditsumme in unserem Haus verringern, aber auch diese Darlehen müssen getilgt werden... hoffen trotzdem auf einen erfolgreichen Start... für Rückfragen gern..."

Banken tun nicht mehr, wozu sie eigentlich gegründet wurden: mit Geld arbeiten. Mal ist es Unwissenheit. Mal Trägheit. Und immer Angst vorm Risiko. Wer so denkt, bleibt auf der Strecke. Einige sind zynisch, vielleicht dumm, vielleicht wollen sie nur helfen: So legt ein Banker, der absagt, Siahatgar noch eine Einladung zu einer Existenzgründer-Veranstaltung bei.

Im Juni hat Kewan Siahatgar seinen Imbiss trotzdem eröffnet. Mitten in Stuttgart, unweit der Existenzgründungsberater in ihren Büros, zwischen Fußgängerzone und Marktplatz, inmitten von Kaufhof und Kinos und Döners und Diskos. Die bauchnabelfreie Kundschaft kommt bis spät nachts um drei. Das Geld kommt aus den USA: von seinem Bruder und der Mutter, die eine Hypothek auf ihr Haus aufnahm, obwohl sie findet, ihr Sohn hätte "den sichersten Job bei der weltgrößten Behörde" nicht aufgeben dürfen, und von mehreren amerikanischen Kreditkartenfirmen.

Als Amerikaner weiß Siahatgar, wie man jongliert mit deren Lockangeboten, das Geld monatelang mit Niedrigstzinsen oder gar zinslos zu vergeben, solange man nur die Rechnungen pünktlich begleicht. Beim geringsten Verzug allerdings schnellt der Zins plötzlich auf astronomische Höhen. "Ein Kartenhaus", sagt Kewan Siahatgar.

Auf seinen Visitenkarten steht: "Geschmack braucht kein Fett." Aber Geld.

Vielleicht wird Kewan Siahatgar scheitern. Dann werden die Banker, die das Risiko scheuten und das Geld behielten, Recht behalten haben. Aber ihre Chancen stehen schlecht: Mittlerweile gibt es 50 Subways in Deutschland.

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