Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

DER WILLE und DER WEG

Die Kunst ist das Wichtigste. Das steht unausgesprochen hinter allem, was folgt.

Thomas Heise sagt: "Ich muss nicht viel Geld verdienen, ich möchte bloß arbeiten können."

Bernd Begemann sagt: "Ich will nichts weiter, als Lieder schreiben und sie vor Publikum singen"

Christoph Steinbrener sagt: " Es geht mir um das Richtige, Interessante, Wahre"

Und noch etwas: Wir sagen du und benutzen Vornamen. Das ist nicht unwichtig.

1. GEDULD

"Bertolt Brecht wollte mit seiner Kunst reich werden. Er hat vor dem Krieg nur einen großen Erfolg gehabt: die Dreigroschenoper. Was seinen Wert heute ausmacht, die Erneuerung des Theaters, war zunächst mit einer ökonomischen Katastrophe verbunden: das Theater, in dem die Premiere stattfand, war danach pleite. Auch in den USA war er nicht sehr erfolgreich. Er hat versucht, ein Stück über das Funktionieren der Börse zu schreiben, ,Jae Fleischhacker". Dazu hat er einen Fachmann engagiert, von dem wollte er lernen, wie die Börse funktioniert, um zu spekulieren. Die Gier seiner Figur Jae hat etwas mit seiner Gier zu tun. Aber er hat nur gelernt, dass man das nicht so einfach lernen kann, dass es vom Zufall abhängt. Erst in der DDR war er durchfinanziert."

Thomas Heise lacht. Kurz, eruptiv, etwas wahnsinnig. Es ist Sommer, warm, die Sonne scheint, die Körper sind entspannt. In Finnland geht man in die Sauna, um die Ehrlichkeit der Gespräche zu erhöhen. Das ist in Berlin am Prenzlauer Berg an einem solchen Tag nicht nötig. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer an einem riesigen Tisch und sprechen über die DDR. "Ich werde als jemand aus der letzten Generation der Defa-Regisseure gehandelt, das ist absurd - praktisch hatte ich damals Berufsverbot!"

Thomas Heise, Dokumentarfilmer und Theaterregisseur, studierte von 1978 bis 1983 an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg, hat aber keinen Abschluss: Sein Prüfungsfilm "Erfinder 82" fiel aus politischen Gründen durch und wurde vernichtet, der Zwangsexmatrikulation entging er nur, indem er die Schule offiziell freiwillig verließ. So lebte der gebürtige Berliner bereits in der DDR als freier Regisseur und Autor, was erlaubt war, solange man 3 000 Mark jährlich einnahm. Er produzierte Hörspiele, die bis zur Wende nicht gesendet wurden, für die es aber bei Auftragsvergabe 1500 Mark Vorschuss gab, drehte den Film "Das Haus" über den Verwaltungsalltag in der DDR, der erst im Jahr 2001 Premiere hatte, wurde Meisterschüler an der Akademie der Künste in Berlin und schließlich, auf Empfehlung des Schriftstellers Heiner Müller, Mitglied des Berliner Ensembles. Geld? Brachte das alles kaum. Aber das war nicht schlimm.

"Geld spielte im Osten keine Rolle. Meine Miete war rund 25 Mark. Man konnte ohne Geld in die Kneipe gehen und bekam sein Bier spendiert, weil das so billig war, 51 Pfennig meist. Wenn im Restaurant Leute zusammensaßen, haben alle Geld auf den Tisch gelegt, keiner hat gerechnet. Erst im Westen hat jeder für sich bezahlt. Das war eine große, unangenehme Veränderung." Was nicht heißt, dass der Mann unter Ostalgie leidet. " Für mich persönlich war die Wende gut. Ich kann wenigstens arbeiten."

Berufsverbote gibt es nicht mehr, dafür hängt jetzt alles am Geld. Film ist ökonomisch gesehen die Königsdisziplin der Kultur: aufwändige Technik, viele Mitarbeiter, die Tariflöhne wollen, und enorm hohe Gagen für Schauspieler machen jedes Projekt jenseits von Amateurvideos zu einem finanziellen Wagnis. Deshalb wird Filmemachen öffentlich gefördert, durch staatliche Filmförderung, Steuersparmodelle und nicht zuletzt vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Filmförderung ist ein Dschungel, überall tröpfeln Beträge in das Produktionsgestrüpp, oft mit bizarren Folgen. Die Förderungen der Bundesländer etwa sind meist daran geknüpft, im jeweiligen Bundesland zu arbeiten, was in manchen Spielfilmen zu überraschenden Reisen der Hauptfigur in der Filmmitte führt. Ganz zu schweigen von EU-Förderung, die dafür sorgen kann, dass das glückliche Paar nach dem Happy End noch kurz durch Venedig gondelt oder in den Alpen glüht.

Spielfilme sind teuer, mit weniger als einer Million Euro braucht man nicht anfangen. Dokumentarfilme sind in der Regel wesentlich billiger, ein guter Film in Spielfilmlänge lässt sich mit einem Budget von 150 000 Euro drehen, Thomas Heise hat es auch schon für die Hälfte geschafft. Das liegt unter anderem daran, dass das Team sehr klein ist: Am Dreh sind nur ein Kameramann, ein Tonmeister, ein Kameraassistent und der Regisseur beteiligt. Für deren Bezahlung sorgt der Produzent, mit dem der Regisseur das Projekt zusammen vorbereitet und der sich um alles Finanzielle kümmert, von der Förderung bis zum Vertrieb. Selbst produzieren will Thomas Heise nicht, "da muss man an manchen Stellen Sachen in 15-facher Ausfertigung vorlegen, nee, ohne mich". Aber natürlich bekommt der Produzent einen Teil der Einnahmen und oft auch ein Mitspracherecht am Konzept des Films. Das ist besonders schwierig, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen dabei ist. Der 48-Jährige, als Dokumentarfilmer von diesen Sendern besonders abhängig, formuliert es diplomatisch. " Fernsehen erwartet heute weitgehend Dienstleistung, keine Kunst von einem Autor. Alle hätten gern ,Bowling For Columbine', doch einem deutschen Michael Moore würden sie keinen Auftrag geben."

Das Kernproblem ist, dass es in der Filmbranche kaum Bewusstsein für Kunst gibt. Während überall zwischen Hochkultur und Unterhaltung unterschieden wird, wird Film vor allem als unterhaltendes und damit vermeintlich wirtschaftliches Produkt betrachtet. Dabei wäre eine Unterscheidung nützlich: "Es gibt unterschiedliche Genres, da kann es nicht sein, dass für alle dieselben Förderkriterien gelten. Ich fordere für mich, dass ich auf zwei Seiten skizzieren kann, womit ich mich beschäftigen will. Das muss reichen, denn ich muss nach 20 Jahren nicht mehr belegen, dass ich gute Filme fertig stellen kann. In Österreich wird meines Wissens dein nächster Film automatisch gefördert, wenn du mit deinem aktuellen Film einen Preis gewinnst. Auch deshalb haben dort die Dokumentarfilme ein hohes Niveau."

Die Kunst schießt ins Dunkle, viele Treffer sieht man erst später. Das verträgt sich nicht mit der Ökonomie

Thomas Heises Filme sind schöne Beispiele für zugängliche Hochkultur. Am bekanntesten ist "Stau", eine Arbeit über rechte Jugendliche in Halle. Nach bundesweiten Protesten wegen angeblicher Neonazi-Verherrlichung wurde "Stau" zum meistgesehenen Dokumentarfilm 1992 - und der Regisseur zum Fachmann für die neue Rechte. "Eine super PR-Kiste", sagt er. Nur leider komplett am Thema vorbei: Der Film ist eine stille Studie über junge Männer mit kurzen Haaren, die sagen, dass sie schwere Hände haben, dass sie jemanden brauchen, der ihnen erklärt, was sie tun sollen, oder die irgendwas zerstören und, nach den Gründen gefragt, ganz klein werden. Schweigen. "Frust" murmeln. Schweigen "Frust." Ein unruhiger Blick. "Frust." Und am Samstag tanzen sie in der Disco zu Nazi-Musik.

"Ich möchte, dass der Begriff, künstlerischer Dokumentarfilm' wieder benutzt wird." Im offiziellen Sprachgebrauch gibt es das nicht mehr, abgeschafft, so wie die Idee des Autorenfilmers. Doch das ist er nun mal. "Im Lauf der Zeit wird es immer schwieriger, zu sagen, was man eigentlich exakt will. Ich weiß zum Beispiel, dass ich einen Film über die Stadt machen will. Ich will etwas erforschen, aber was ich exakt tun werde, kann ich noch nicht sagen. Es ist, wie es Aschenbach in Viscontis "Tod in Venedig" sagt: Künstler sind wie Jäger, die im Dunkel etwas anvisieren: Sie wissen nicht, was ihr Ziel ist und ob sie es getroffen haben."

Wie gesagt, es geht um Kunst. Aber auch um Geld. In der Filmbranche passt das nicht gut zusammen. "Wenn ich mein Honorar als Regisseur und Autor auf ein Tagegeld umrechne, verdiene ich so viel wie eine Kassiererin, die für ihre harte Arbeit auch zu wenig verdient. An ,Vaterland' (läuft im Herbst an) habe ich zehn Jahre gearbeitet. Das kann einem keiner bezahlen, das muss man machen. Im Durchschnitt mache ich eine Sache pro Jahr, das reicht eigentlich nicht. Ich schaffe das nur, weil ich die Preise, die ich für die Filme kriege, inzwischen fest zu meinem Einkommen rechne. Ich habe bisher für jeden Film Preise bekommen, aber wenn das mal nicht mehr klappt, habe ich ein Problem." Seine jährlichen Einnahmen nach Steuern liegen bei 20 000. Mark, sagt er. Ab und zu hält er eine Vorlesung oder ein Seminar an einer Hochschule oder arbeitet an der Vermarktung seiner Filme auf DVD. Wie wäre es, Werbespots zu drehen, wie so viele Kollegen? "Dafür habe ich möglicherweise die falsche Haltung."

Und das Theater? Manchmal inszeniert er ein Stück, das ist "sehr lukrativ". Von dem Gerede, das Theater habe zu wenig Geld, hält er nichts. "Schauspieler sind teuer. Beim Theater bekommst du bis zu 6 000 Euro im Monat. Aber beim Fernsehen oder Film kriegst du das in zwei Tagen. Wer nur Theater macht, muss anständig bezahlt werden, klar, aber wer auch Film macht, sollte ruhig im Theater für weniger spielen." Und die Techniker, die nach Tarif bezahlt werden? "Du kannst ein Theater nicht wie Industrie organisieren. Du arbeitest nachts und am Wochenende, und dafür gibt's Zuschläge und Ruhezeiten wie in einem Industriebetrieb. Dabei weiß jeder, der beim Theater anfängt, dass das kein Industriebetrieb ist - auch deswegen geht man ans Theater. Wer das nicht will, muss etwas anderes machen." Er sagt es nicht, aber es klingt an: Sollen die Menschen doch froh sein, wenn sie Theater machen können, etwas Sinnvolles anfangen mit ihrem kurzen Happen Leben.

Auch deshalb die Kunst. Da sitzt er, den ganzen Nachmittag hat er auf eine eMail gewartet, es geht um Geld, die Mail ist noch nicht da, als ich abends gehe. Irgendwann sagt er: "Interessant ist, was nachhaltig ist. Man möchte doch später wissen, wie Menschen früher gelebt haben." Irgendwann werden auch seine Filme Geld bringen, in der Zukunft, wenn die Menschen wissen wollen, wie es früher war. "Mich interessiert der heutige Zuschauer weniger als der Zuschauer in hundert Jahren."

In den folgenden Tagen sehe ich einige seiner Filme, zu Hause, auf Video. Dafür sind sie nicht gemacht, sie gehören auf eine Leinwand, das merkt man. Und trotzdem: Da ist tatsächlich die Wirklichkeit, das, was niemand mehr sehen will. Oder kann. Aber vielleicht bin ich nur eine radikale Minderheit. Was hattest du am Schluss gesagt, Thomas? "Innovation zahlt sich nie sofort aus. Goethe hat von seinem Faust zu Lebzeiten zwölf Exemplare verkauft. Aber er konnte sich das leisten, als Geheimrat."

Kunst kann wie eine Wette auf ein Stück Kohle sein. Vielleicht verwandelt sie sich in einen Diamanten. Vielleicht auch nicht. Aber ist so etwas auf dem freien Markt finanzierbar? Hat irgendjemand Interesse an einer Anleihe auf hundert Jahre?

2. ARBEIT

Bernd Begemann, Musiker, er nennt sich auch "der elektrische Liedermacher", öffnet die Tür im Bademantel. Es ist drei Uhr nachmittags, draußen bretzelt die Sonne auf das Hamburger Schanzenviertel. So stellt man sich das Künstlerleben vor: schlafen bis in die Puppen, dann mit den Kumpels abhängen oder vielleicht mal was arbeiten, aber danach wird gefeiert, in der Kneipe oder auf Partys. Und jeder kennt einen. Super! Wir sitzen auf dem Balkon und lassen uns dünsten. Bernd sagt:

"Eine Freundin wurde zu einer Exfreundin mit den Worten: ,Du hast nie richtig Freizeit, du bist immer mit deinen Gedanken woanders.' Ich glaube, da hat sie ein bisschen übertrieben, wie Frauen das tun, wenn sie abhauen. Aber natürlich hat man in einem normalen Job nach Feierabend ein Privatleben. Ich dagegen habe immer irgendwelche Lieder, die ich noch schreiben möchte." Und das ist der bessere Teil. Es gibt da auch noch die 80 bis 120 Konzerte im Jahr, fünf Monate ist er dafür unterwegs, in der Regel allein. Ein normaler Tour-Tag geht so: "Ich fahre drei, vier Stunden Auto, wenn ich Pech habe auch fünf oder sechs wegen Stau, dann baue ich eine Stunde auf, spiele drei bis vier Stunden, gebe eine Stunde Autogramme, baue eine Stunde ab, mache die Abrechnung. Und wenn ich ins Hotel komme, ist es sehr spät."

Bernd spielt überall, sogar in der Provinz, "in diesen ganzen verzweifelten Orten", und auch dafür wird er geliebt: Den großen Stars ist die Tour über die Äcker zu mühselig, aber Bernd kommt jedes Jahr wieder. Außerdem hat er viel zu bieten, er ist ein großartiger Entertainer, spielt Lieder, die jeder versteht, weil sie von Gefühlen handeln, die jeder hat, und steht mindestens drei Stunden auf der Bühne. Das bringt viel: "Selbst in kleinsten Orten kommen bei jedem Konzert mehr Leute als im Jahr zuvor, das ist eine schöne, organische Sache. Beim ersten Mal sind es 40 bis 50, spätestens beim dritten Mal über 100. Es gibt dort nicht viele Abende, die amüsant sind, wo man zusammen ist und was fühlen kann. Aber bei Musik geht es um Gefühle und Gemeinschaft."

Vielleicht ist das Verständnis so groß, weil Bernd selbst aus der Provinz kommt, aus Bad Salzuflen. Sein Vater war Tierarzt, aber er hat nicht mal Abitur, von einem Studium ganz zu schweigen. Stattdessen wurde er Musiker. Die kommen häufig aus dem Hinterland, weil es da nichts zu tun gibt und, wie gesagt, wenige Konzerte - wenn man welche will, muss man sie selbst machen. Mit seiner Band "Die Antwort" war Bernd in den Achtzigern bei einer großen Plattenfirma, doch Geld hat er damit damals kaum verdient. Erst seit elf Jahren lebt er von der Musik. Auf die Frage, ob er heute finanziell gut klar kommt, sagt er Ja, blitzschnell. Aber über sein genaues Einkommen möchte er nicht reden.

Manchmal arbeitet er fürs Fernsehen, kurze Zeit hatte er eine Show, zuletzt war er bei "Kanzlerbungalow", aber das meiste Geld verdient Bernd Begemann auf Touren - nicht nur über Eintritt, sondern auch mit vor Ort verkauften CDs. Damit ist er vielleicht ein Vorreiter: Einige Fachleute glauben, dass nach dem Zusammenbruch der Musikindustrie die Musiker übers Land ziehen werden, um nach Konzerten ihre CDs zu verkaufen - wenn man seine Lieblingslieder direkt vom Künstler kaufen kann, tut man das, selbst wenn es die Musik im Internet gratis gibt.

Das ist Erfolg: das machen zu können, was man wirklich will, und dafür auch noch geliebt werden

Daneben kümmert sich der 40-Jährige um das Geschäft. Er betreibt ein eigenes Label und erledigt alles selbst - es gibt nicht mal eine Bürokraft. Er spricht mit dem Presswerk, der Druckerei, der Steuerberaterin, dem Musikverleger, dem Grafiker, den beiden Promotern, dem Tourveranstalter, den Musikern. Und bezahlt alle. Bernd Begemann, das kleine Jobwunder. Und alle hängen an dem seidenen Faden seiner Kreativität. Klar, dass während unseres Gesprächs dauernd das Telefon klingelt. Aber er hat keine Alternative: Das neue Album "Endlich" mit elf schönen Songs über die Liebe, für Menschen nach der Pubertät, ist Erwachsenenpop - ein Genre, das die deutsche Musikindustrie ignoriert. Abgesehen davon, tritt ein Musiker normalerweise die Rechte für sein Album an die Plattenfirma ab. Bernd schüttelt den Kopf. "Wenn eine Platte rauskommt, ist es einfacher, wenn man eine Plattenfirma hat. Aber auf lange Sicht besitze ich meine Platten gern. Ich habe die Lieder geschrieben, gespielt, gesungen und produziert, dann sollten die mir auch gehören. Privateigentum? Super!"

Der Nachteil ist, dass er so seine CDs selbst finanzieren muss. Das neue Album "Endlich" hat rund 20 000 Euro gekostet, das ist billig für den perfekten Sound, aber das Geld muss er trotzdem erst mal erarbeiten. " Zurzeit mache ich eine Platte im Jahr. Ich würde gern mehr machen, aber das ist immer so teuer." 2500 Stück hat er in den ersten zwei Wochen verkauft, damit sind die Kosten fast wieder drin. Und das ist nur der Anfang, das Album wird natürlich die nächsten Jahre weiter lieferbar sein, so wie acht andere Platten von ihm - wenn jede regelmäßig einige Exemplare verkauft, ist das auch ein Einkommen. Dieses langfristige Denken gibt es in der Musikindustrie ebenfalls nicht, wie Bernd Begemann wohl weiß. Er erzählt von einem Kollegen, dessen Album ein Flop war: "Der wollte seine eigenen Platten seiner Firma abkaufen. Er hat es ein Jahr lang versucht, bis er eines Tages eine Rechnung bekam, seine Platten seien vernichtet worden, und er müsse dafür die Kosten tragen."

Solche Geschichten kennt jeder in der Musikindustrie, deshalb machen sich viele Musiker selbstständig. Das ist nicht einfach, aber es muss gehen, wenn man von sich sagt: "Ich liebe es, Lieder zu schreiben." Natürlich hat Bernd nicht den Erfolg, an den alle denken, wenn man über Popstars redet. Aber wozu mehr? "Wenn ich mit Journalisten spreche, sagen die oft: Wie kommst du damit klar, dass du so erfolglos bist? Da frage ich mich, was wollen die eigentlich? Ich habe eine schöne Wohnung, ich tue, was ich liebe, ich habe künstlerische Triumphe hinter mir, viele Leute, die in den Musikzeitungen gefeiert werden, sagen, dass sie von mir beeinflusst sind. Der Sänger von Tomte (eine Hamburger Band) hat mir erzählt, dass er sich bei den Aufnahmen zum neuen Album von einer Zeile von mir inspirieren ließ. ,Sich zu erheben aus feurigem Dunst' - daran hat er gedacht und ist dann ans Mikro getreten. Das ist doch toll!" Und das Geld, interessierst du dich nicht für Geld? "Doch, doch. Ich lese Balzac. Da geht es praktisch nur um Geld. Aber auf eine sehr romantische Art."

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Was machen eigentlich Schriftsteller? Die schreiben Bücher, die sich nicht so richtig gut verkaufen, und dann gehen sie zu einer Zeitschrift und schreiben dort Artikel. Oder so etwas Ähnliches. Ich kannte mal eine Fernsehzeitung, bei der die Programmspalten fast nur von Literaten getextet wurden. Eine saubere Arbeit für sauberes Geld. Schriftsteller überleben in den Medien (oder auch in der Werbung) relativ leicht. Deswegen gibt es über sie kein eigenes Kapitel.

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3. SELBSTBEWUSSTSEIN

"Ich glaube, man braucht als Künstler unbedingt eine Ausbildung. Wie weit man ohne kommt, haben wir in den Achtzigern gesehen, bei den jungen Wilden. Da waren mindestens 50 Prozent totale Nullen. Gerade die Maler, die damals hochgejubelt wurden, sind heute verschwunden. Denen fehlte ein Ausdrucksspektrum, das war alles völlig uninteressant. Wenn du kein Instrumentarium hast, nicht zeichnen kannst und kein Handwerk beherrschst, wird es schwierig."

Christoph Steinbrener, Künstler, hat von 1982 bis 1985 an der Akademie der bildenden Künste in Wien Bildhauerei studiert. "Da lernte man klassische Zeichendisziplinen, Kunstgeschichte, Gussverfahren, Steintechniken und so weiter. Aber das habe ich alles nicht gemacht." Bitte? "Na ja, ich wusste - infantil wie ich war und hoch emotionalisiert von den Post-68em -, dass ich nach dem Abitur nie wieder eine Ausbildung machen dürfte, um nicht in einem bürgerlichen Leben zu enden. Und auf diese wahnsinnige Erkenntnis war ich auch noch stolz. Ich habe alles, was ich weiß, außerhalb von Institutionen gelernt." Er lächelt. "Ich habe keinen Abschluss, deswegen bleiben mir heute bestimmte Wege versperrt. Ich kann nicht Kunsterzieher werden oder Assistent an einer Akademie. Eine Professur geht allerdings theoretisch, da fragt dich keiner nach einem Diplom."

In Wien ist es noch wärmer als in Deutschland. Wir sitzen in einem Biergarten und trinken Soda mit Zitrone. Die Flüssigkeit wird oben hineingeschüttet und tritt am gesamten Körper sofort wieder aus. Lass uns noch ein wenig über die Ausbildung reden: Habt ihr auch was über Ökonomie gelernt? "Nein, und das halte ich für einen eklatanten Fehler. Bildhauerei ist teuer und sehr schwer verkäuflich. Aber man wurde überhaupt nicht darüber aufgeklärt, wie man in die Berufswelt kommt. Dabei ist nach einer aktuellen Studie Künstler der Beruf mit den schlechtesten wirtschaftlichen Aussichten. Ich finde es allerdings auch extrem frustrierend, wenn Künstler, also Ideenproduzenten, für ihre Vermarktung keine andere Idee haben, als mit einer Mappe zu einem Galeristen zu gehen und den zu bitten, ihre Sachen zu verkaufen. Ich hatte zum Glück den großen Vorteil, dass ich viel von meinem Vater gelernt habe."

Christoph Steinbreners Vater Klaus Pinter ist Bildhauer und war Mitglied der Hausrucker, einer Künstlergruppe, die in den sechziger Jahren Werbemaßnahmen als Teil ihrer Kunstwerke verstand und deshalb lieber dafür sorgte, auf den Covern von Illustrierten zu erscheinen, als gute Kritiken in Kunstzeitschriften zu bekommen. Der Sohn führt die Tradition fort. "Ich glaube, dass die Wirkung einer Person nicht nur davon abhängt, was sie tut, sondern auch davon, wie die Außenwelt sie wahrnimmt. Ein Künstler muss nicht nur formal und intellektuell gute Werke produzieren, sondern auch in der Lage sein, seinem Pressemann und letztlich der Öffentlichkeit zu vermitteln, was er will. Ich arbeite daran, aber manchmal ist es zum Haareraufen. Viele Journalisten schreiben nicht mal den Namen richtig. Steinbrener! Mit einem n!"

Christoph versuchte nach seinem Studium, mit einer Ausstellungsflut und einer passenden Medienkampagne eine Karriere aufzubauen, doch das brachte wenig. " Ich bin zehn Jahre rumgeschwommen, habe Sachen unter Preis verkauft und Platten aufgelegt." Dann traf er die Frau, mit der er noch heute zusammen ist. Sie hatte zwei Kinder, inzwischen ist ein drittes hinzugekommen, also musste er Verantwortung übernehmen. "Dadurch habe ich mich professionalisiert." Die Wende kam mit einer Ausstellung 1997 in Linz. Er zeigte eine Serie von Köpfen, aufwändige Skulpturen, die er international durchaus für wettbewerbsfähig hält. Doch das Interesse war null. Da begann er seine Arbeitsweise zu ändern, seine Inhalte, seine Ziele. Sein Netzwerk: "Früher waren mir Galerien und Kuratoren wichtig, heute ist es die Wirtschaftskammer, Hersteller bestimmter Produkte, mit denen man Gegengeschäfte machen kann, Medienpartner. Sponsoren. Leute in der Stadtverwaltung." Christoph Steinbrener wandte sich großen Aktionen zu, Kunst im öffentlichen Raum.

Im Jahr 2001 fand "Unternehmen Capricorn" statt: In einigen leer stehenden Ladengeschäften seines Viertels eröffnete er für einige Zeit Ableger der Wiener Museen. Dahinter stand die Idee, Kunst in den Alltag zu bringen, aber auch der Plan, die Aufmerksamkeit auf das langsam verfallende Wohnquartier zu richten. Das funktionierte: Nach der Ausstellung waren alle genutzten Läden vermietet, es war der Beginn eines langsamen lokalen Aufschwungs, der bis heute anhält. "Es ist für mich wichtig, dass Kunst nicht nur dekorativ ist, sondern auch eine soziale Funktion hat. Ich denke, Künstler sollten eine mündige, kritische Instanz der Gesellschaft sein. Ich glaube, Kultur ist eine wesentliche Grundlage der Demokratie, sie ist ein Ideensponsor für die Gesellschaft, das ist eine extrem wichtige Sache. Deswegen denke ich auch, dass es richtig ist, Kunst zu subventionieren. Aber man kann natürlich nicht alles finanzieren, da muss hart selektiert werden. Die Leute müssen klein anfangen und sich mit erfolgreichen Projekten und vernünftigen Abrechnungen hocharbeiten."

Künstler verstehen sich am besten mit Künstlern, da ähneln sich der Wille, die Hingabe, die Leidenschaft

Die diesjährige Aktion des 43-Jährigen wäre ohne Subventionen nicht durchführbar gewesen. Bei der "Operation Figurini" wurden über sechs Wochen auf verschiedenen Wiener Märkten Kunstwerke verkauft, eingepackt in theoretischen Texten - eine Arbeit über das Sterben des Kleingewerbes, ein Stadtporträt, ein Kommentar zum zentralistischen Kunstbetrieb. Und mehr. Mit 800 Beteiligten. 250 000 Plastiktüten. 240 000 Postkarten. 56 Künstler, 56 Wissenschaftler. 300 000 Euro Budget. Ein logistisches Monster. Die Hälfte der Kosten übernahm die Stadt, ein Viertel kam aus weiteren Subventionen, der Rest aus der Privatwirtschaft. Die Unternehmen erhielten dafür Platz auf einer Website, Anzeigen in einer Zeitung, Raum für ihr Logo. Einiges wurde mit Gegengeschäften finanziert, die Postkartenreihe etwa mit 800 verschiedenen Motiven. Das war viel billiger, als hätte man den Druck über Subventionen auf dem freien Markt bezahlt. "Ich habe zwei Jahre an Operation Figurini gearbeitet, teilweise 16 Stunden pro Tag. Die Buchhaltung habe ich mir selber beigebracht. Vernünftig wäre es jetzt, das noch dreimal zu machen, denn natürlich wird es einfacher, wenn man weiß, wie es geht. Das wäre marktwirtschaftlich gedacht. Aber mich langweilen Wiederholungen."

Irgendwas wird er tun müssen, Künstler leben von Aktivität. Ein Werk, ist es erst mal verkauft, kann höchstens den Preis des nächsten Werkes erhöhen - als Einnahmequelle für den Künstler fällt es aus. Das ist ein großer Nachteil gegenüber Musikern, Filmemachern oder Schriftstellern. Doch die Produktion dekorativer Stücke liegt Christoph Steinbrener ohnehin fern: "Ich habe den Anspruch, mich gesellschaftlich einzumischen, das kann ich als klassischer Künstler nicht. Ich arbeite weiter an den Köpfen, ich mache Reihen mit Themenköpfen, demnächst Architekten, aber das ist nur eine psychische Entlastung, ein archaisches Erschaffen, gesellschaftlich völlig irrelevant. Das ist mein Privatvergnügen."

Abends gehen wir in die "Schöne Perle", ein Lokal in Christophs Viertel. Georg, der Wirt, erklärt mir die Kreisläufe in einer Großküche, wie man alle Zutaten optimal nutzt und dadurch jedes Gericht besser wird - das Geheimnis eines guten Restaurants. In modernen Küchen, sagt er, werden die Grundlagen der Gerichte, die Fonds, Saucen, Beilagen, fertig produziert gekauft. Das ist eventuell billiger, geht aber auf die Qualität des Essens. Bei ihm gibt es das nicht. Georg ist auch ein Künstler, nicht jeder Künstler macht Kunst, Georg managt eine Wirtschaft. Dass er sich mit Christoph gut versteht, ist kein Wunder; Künstler ziehen Künstler an, es ist wie eine Verschwörung zur Verbesserung der Welt, man achtet und respektiert sich, man ist sich nahe. Alle sagen du und benutzen Vornamen, das ist nicht unwichtig.

Das Mittel ist das Geld, der Zweck ist die Kunst. Stimmt das? Was meinst du, Christoph? "Es gibt gewisse materielle Standards, die erhalten bleiben müssen. Du brauchst etwas zu essen, musst irgendwo wohnen und arbeiten können. Aber mehr erst mal nicht. Ich glaube, dass Künstler in der Lage sind, materiell sehr beschränkt zu leben. Du lernst in der Kunst auch zu improvisieren. Wenn du das nicht kannst, bist du kein Künstler." Gut. Aber was ist der Zweck von Kunst? "Meine Eltern haben mich zum Ungehorsam erzogen, das waren echte 68er. Aber nach den Revolutionären kam noch eine zweite Welle: diejenigen, die glücklich werden wollten. Und mit Kunst wirst du, wenn du sie ausrühren kannst, auf jeden Fall glücklich."

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So lebt man also mit und von der Kunst, der Musik, dem Film, der Literatur. Oder von und mit dem Verkauf von Schokolade, dem Bau von Schiffen, dem Kochen. Es ist nicht einfach. Und wenn du nicht weißt, ob es etwas für dich ist, bist du dafür nicht geeignet. Der Weg der Kunst geht gegen jede Regel und jeden gesellschaftlichen Konsens. Wie das Leben. Aber gibt es eine Alternative? Es gilt immer noch, was einst Bertolt Brecht schrieb: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.

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