Ausgabe 07/2003 - Schwerpunkt Geld

DER SEILTANZ

Buenos Aires hat ihn heute Morgen freundlich begrüßt. Es ist einer dieser Tage, an denen man die Krise Argentiniens fast vergisst und glauben könnte, alles sei wieder gut. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, im Stadtteil Palermo stellen die Kellner die Tische auf die Gehsteige vor den Cafes - Frühlingseinbruch mitten im südamerikanischen Winter. Kurz nach neun Uhr war er heute Morgen aus Montreal kommend in Buenos Aires gelandet. Auf der Fahrt in die Stadt ließ er sich auf dem Rücksitz seines silbernen Peugeot 406 über seine Agenda unterrichten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert einen höheren Haushaltsüberschuss. Der Verband der Agrarproduzenten will weniger Steuern zahlen. Die privatisierten Dienstleistungsunternehmen drohen die Regierung auf Schadenersatz zu verklagen. Gute Nachrichten sind selten. Roberto Lavagna ist Wirtschaftsminister eines kollabierten Landes. Er ist der wichtigste Mann der neuen argentinischen Regierung. Er muss die Wirtschaft stabilisieren. Den Staatshaushalt sanieren. Die Schulden bezahlen. Rund 180 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten hat Argentinien gegenwärtig.

Drei Stunden später sitzt Lavagna auf dem Podium im Kino des Wirtschaftsministeriums. Ein enger Raum ohne Fenster, bordeauxrote Tapete, bordeauxroter Tepppichboden, bordeauxrote Klappsessel. Es riecht nach Mottenpulver und Teppichschaum. In der Hand hält er ein Bündel Papier, es ist die neue Arbeitslosenstatistik für die erste Hälfte 2003 - nach der argentinischen Zeitrechnung das Jahr eins nach dem Zusammenbruch.

Diesmal gibt es gute Nachrichten. "763 000 Arbeitslose weniger als im Vorjahreszeitraum. Und das ist nicht das Ergebnis von Sozialhilfeplänen. Wir erleben einen Aufschwung in der Industrie, die Exporte sind um 28 Prozent gestiegen." So geht das immer: Wenn Lavagna dort vom sitzt, gibt er den Professor. Er informiert nicht, er hält monotone Vorträge und bombardiert seine Zuhörer mit Zahlen. Wenn aber einer an seinen Zahlen zweifelt, wird er sauer. Oder schaut mitleidig, wenn jemand Bruttoinlandsprodukt und Bruttosozialprodukt durcheinander wirft. Oder wird skeptisch, wenn sich einer meldet, der für internationale Wirtschaftsagenturen arbeitet - denn die wollen immer nur wissen, wie Lavagna seine Schulden zahlen will.

Das ist verständlich. Aber nicht so einfach. Anfang 2002 musste sich Argentinien zahlungsunfähig melden. Seither hat die Regierung Anleihe-Schulden im Ausland in Höhe von 76 Milliarden Dollar nicht mehr bedient. Damit steht die vom Volumen her größte Umschuldung der Geschichte bevor - kein Staat war jemals derartig pleite wie heute Argentinien. Es gibt mehr als 700 000 Gläubiger mit Argentinienbonds in ihren Portfolios: Investmentbanker und Industrielle, Kleinanleger und Rentner.

Mit ihnen muss Lavagna einig werden. Aber die Verhandlungen sind zäh und ziehen sich. Interessengruppen haben sich gegründet, wie die Argentine Bond Restructuring Agency, deren Beirat der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer leitet. Eine Abteilung im Wirtschaftsministerium rechnet gegen die Zeit: Sollen alle argentinischen Bonds zu einem einzigen zusammengefasst werden? Akzeptieren die Anleger einen Abschlag von 50 Prozent? Niedrigere Zinsen? Und: Wie viele Dollars kann Argentinien im Monat abstottern, ohne sich selbst zu schaden?

Lavagna will zahlen. Er ist Realist und weiß, dass Argentinien auf Finanzierung von außen angewiesen ist, dass es keinen Cent mehr erhält, wenn er nicht bald einen ernsthaften Umstrukturierungsplan für die Schulden vorlegt. Aber er ist auch ein Stratege und weiß, dass er die eigene Wirtschaft mit dem Schuldendienst nicht abwürgen darf. Er kann nur zahlen, wenn es dem Land gut geht. Die Gläubiger aber wollen nichts anderes als ihr Geld. Und nach mehr als einem Jahr Wartezeit sind sie misstrauisch geworden. "Die Regierung präsentiert bloß neue Wirtschaftsdaten", wettert etwa Arturo Porzecanski, Chefanalyst für Emerging Markets bei ABN Amro. "Sie verhandelt nicht."

Es ist ein Kampf an vielen Fronten. Lavagna sieht müde aus, der Nachtflug von Montreal nach Buenos Aires war anstrengend. In Kanada saß er mit einigen Wirtschaftsministern aus Agrarstaaten zusammen. Sie debattierten darüber, wie Europa dazu gebracht werden könnte, seine Agrarpolitik zu ändern. Lavagna war Botschafter Argentiniens bei der EU, er weiß, wie schwer das ist. Aber er weiß auch: Für Argentinien wäre es ein Segen, wenn die EU die Einfuhrzölle für Agrarprodukte aus Argentinien senken würde - eine mächtige Exportmaschinerie käme dann in Gang.

Der IWF kämpft in einem bedeutungslosen Land um das Geld amerikanischer Klempner

Montagmorgen. Es regnet, Buenos Aires ist unfreundlich grau. Lavagna steht auf dem Messegelände La Rural. Hinter ihm rangieren Viehtransporter, Bauern ziehen riesige Stiere an Nasenringen über den Hof. Die jährliche Landwirtschaftsmesse hat für Argentinien die gleiche Bedeutung wie die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt/Main für Deutschland.

Lavagna wartet auf seinen für den Außenhandel zuständigen Staatssekretär, der sich um zehn Minuten verspätet hat. Er ist sauer, denn er hat es eilig. In einem Hotel im Zentrum wartet schon eine 30-köpfige Delegation, die der IWF geschickt hat. Ein neues Abkommen wird verhandelt. Was will Argentinien vom IWF? " Einen Drei-Jahres-Vertrag, in dem wir uns zu nicht mehr als drei Prozent Wirtschaftswachstum verpflichten. Wir unterschreiben nur, was auch realistisch ist", sagt Lavagna in die drängelnden Kameras. Morgen wird es in allen Zeitungen stehen.

Verhandlungen mit dem IWF sind ein Geduldsspiel - für beide Seiten. Doch das Verhältnis zwischen IWF und Argentinien hat sich gebessert. Lavagna hat Wort gehalten und den vor mehreren Monaten vereinbarten Haushaltsüberschuss von 2,5 Prozent erreicht. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Seit 1976 unterzeichnete Argentinien 19 IWF-Abkommen - 15 davon wurden nicht eingehalten. Ende Juni kam sogar IWF-Chef Horst Köhler nach Buenos Aires. Er sagte, dass sich die Wirtschaft Argentiniens "schneller und besser" erholt habe, als man es in Washington für möglich hielt. Anderntags titelten die Zeitungen, Köhler habe Buße getan und ein Mea Culpa abgegeben.

Das war Balsam für Lavagna. Noch vor zwölf Monaten hatte er gen Washington gewettert. "Es sind absolut unrealistische Forderungen, die der IWF an uns stellt." Das war die Zeit, als der inzwischen abgetretene US-Finanzminister Paul O'Neill giftete, er werde nicht länger "das Geld amerikanischer Klempner und Zimmerleute" nach Argentinien pumpen. Es war die Zeit, als Hans Tietmeyer sagte: Argentinien "ist in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht - und zwar selbst verschuldet und wahrscheinlich für immer". Und es war die Zeit, als die Nummer zwei des IWF, Arme Krueger auf den Gängen des argentinischen Wirtschaftsministeriums als "die Taliban vom IWF" beschimpft wurde.

Ein derartig vergiftetes Klima und die denkbar schlechtesten Startbedingungen erwarteten Lavagna, als er Anfang Mai 2002 seinen Amtsschwur als Wirtschaftsminister leistete. Das Land stand Kopf. Banken und Wechselstuben waren geschlossen, die Firmenpleiten brachen alle Rekorde. Fast täglich protestierten Arbeitslose, betrogene Sparer oder Rentner auf der Straße für ihre Rechte. Und Präsident Eduardo Duhalde war nur Übergangspräsident und durch keine Wahl legitimiert. Kein Wunder, dass er keinen neuen Wirtschaftsminister fand. Niemand wollte mitten im Chaos ins Ministerium. Lavagna stand nicht als Erster auf seiner Liste, er war bloß der Einzige, der ihn am Telefon nicht auslachte. Vorsichtshalber hat er damals in seinem Büro im Ministerium noch die Einrichtung seines Vorgängers übernommen. Es war nicht abzusehen, wie lange er durchhalten würde.

"Die ersten 48 Stunden als Minister waren die schwierigsten", sagt er heute. Als erste Amtshandlung zwang er die Banken, ihre Filialen wieder zu öffnen - gegen deren erbitterten Widerstand. Danach zog er sein Programm durch. Lavagna, der in Brüssel Wirtschaftswissenschaften studiert hat, gehört der keynesianischen Schule an. Doch als Minister ist er kein Ideologe. Er ist vor allem ein Pragmatiker, der sich für das entscheidet, was er heute für sein Land als richtig erkennt.

Stur und stetig führte er so Argentinien aus der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Die Zeitbombe der eingefrorenen Bankkonten entschärfte er nach und nach, indem er den Sparern erlaubte, immer höhere Summen abzuheben. Die Industrieproduktion kam wieder in Gang, weil er alles tat, um den Peso im Verhältnis zum Dollar billig zu halten, damit argentinische Produkte auf dem Weltmarkt billiger wurden. Und den Preis des Peso kontrollierte er durch das Steuern der Geldmenge - gegen die Überzeugung des Zentralbankpräsidenten.

Die Rechnung ging auf. Die Inflation lag im vergangenen Jahr nur noch bei 40 Prozent. Der IWF prognostiziert Argentinien in diesem Jahr ein Wachstum von drei Prozent, im kommenden Jahr gar um 4,5 Prozent. Gute Nachrichten? Einerseits. Andererseits: "Wir werden noch einige Jahre brauchen, um unsere Probleme zu lösen - vorausgesetzt, wir machen keine Fehler."

Ein Fehler könnte es sein, zu viele Schulden zu schnell zurückzuzahlen. Deswegen lässt sich Lavagna auch nicht mit Freundlichkeiten kaufen. Als US-Außenminister Colin Powell Anfang Juni zu einer Stippvisite nach Buenos Aires kam, traf er im Präsidentenpalast bei einem Empfang auf den Wirtschaftsminister und sagte: "Ich freue mich sehr, Sie zu treffen." Lavagna antwortete: " Wenn Sie mich um Geld bitten, kann ich Ihnen gleich sagen: Ich habe keins."

Buchtipp:
"Tango Argentino - Portrait eines Landes"

von brand eins Autor Ingo Malcher

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