Ausgabe 07/2003 - Was Unternehmern nützt

Der Schlaf der Vernunft

Der Fortschritt ist langsam. Zwei Schritte vorwärts, einer zurück. Besonders in der Arbeitswelt. Es gibt unendlich viel Wissen: prüfenswerte Theorien, statistisch abgesicherte Erkenntnisse aus der Forschung, Erfahrungen aus dem Leben. Und das ist alles verfügbar, auf Seminaren und Konferenzen, als Informationen für Führungskräfte und Ratgeber für Angestellte. Dennoch ist der Arbeitsalltag für die meisten Menschen immer noch eine Strafe: Sie stehen ungern auf, tun an einem Arbeitsplatz, den sie nicht mögen, mit Menschen, die sie nicht kennen, Dinge, die sie nicht wollen, um schließlich am Ende des Tages erschöpft in eine Zukunft zu sehen, von der bestenfalls die unendliche Verlängerung der Gegenwart zu erwarten ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Klassengesellschaft ist überwunden, wir haben uns auf ein gleiches Elend für alle geeinigt - das Desaster reicht bis in die Chefetage. Etwa beim Thema Schlaf.

Adrian Brunner kann das bezeugen. Der 26-jährige Wirtschaftsstudent an der Universität St. Gallen hat für seine Diplomarbeit "Schlafpraxis von obersten Führungskräften in wirtschaftlich schwierigen Lagen" 97 Topmanager der Schweiz zu ihren Schlafgewohnheiten befragt. Sein Ergebnis ist trist: 61 Prozent der Befragten gaben an, eigentlich mehr Schlaf zu benötigen, um wirklich ausgeruht und leistungsfähig zu sein. 63 Prozent der Befragten wussten nicht, ob ihre Firma den kurzen Regenerationsschlaf am Arbeitsplatz, das so genannte Power-Napping, erlaubt - wir sprechen hier, wie gesagt, von Führungskräften! Und das traurigste Ergebnis taucht in der Arbeit nicht mal auf: "Es war ganz deutlich, dass das Thema den Leuten am Herzen liegt. Viele der Befragten haben sehr prompt geantwortet, aber manche auch mit einer gewissen Ironie. Das ist ein Thema, das die Leute begleitet, aber über das sie nie reden können."

Schlafforscher Jürgen Zulley bestätigt das. "Ich habe mal mit einer Journalistin gesprochen, die Manager zum Thema Mittagsschlaf befragt hat. Die deutliche Mehrzahl gab an, Mittagsschlaf in der Firma zu machen, doch nicht einer wollte es öffentlich zugeben. Alle, die es sich erlauben können, tun es heimlich. Es herrscht der allgemeine Grundsatz: Bei uns wird gearbeitet, nicht geschlafen. Dabei ist Mittagsschlaf etwas völlig Normales. Wir haben nur vergessen, dass er vor allem bei Leistungsträgem früher gemeinhin üblich war. Helmut Kohl gab damit an, überall und immer schlafen zu können. Churchill war Verfechter des Mittagsschlafs, ebenso wie Adenauer. Aber heute ist das ein Tabuthema. Ich weiß von vielen Unternehmen, die Ruheräume haben, in denen Mittagsschlaf gemacht wird. Banken. Oder Kaufhäuser. Aber wenn man nachfragt, will niemand drüber reden."

Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums und leitender Psychologe der Psychiatrischen Universitätsklinik Regensburg ist Deutschlands wichtigster Schlafforscher. Früher arbeitete er als Elektroingenieur, was ihm bei der Entwicklung der Methodik seines Schlaflabors hilft, hat lange über menschliche Rhythmen inklusive Schlafrhythmen geforscht und bei den Ergebnissen keine Zweifel.

"Schlaf kann man nicht ersetzen, auch nicht durch andere Ruhezustände. Es ist ein hochaktiver Prozess, eine Ruhigstellung, um regenerative Vorgänge im Menschen zu erledigen - im Schlaf verbraucht unser Gehirn zeitweilig mehr Energie als im Wachzustand. Diese regenerativen Prozesse schalten sich beim Menschen zwischen drei und vier Uhr nachts ein, da hat er ein Leistungstiel, unabhängig davon, ob er schläft. Ein ähnliches Tief gibt es am Tag, etwa zwischen 13 oder 14 Uhr. Das ist nicht ganz so extrem, aber es ist bei allen Menschen vorhanden. Deswegen ist es sinnvoll, Mittagsschlaf zu machen, allerdings nur kurz, 10 bis 30 Minuten. Schlafen wir länger, kommt es zu Nebenwirkungen wie der Schlaftrunkenheit, also Probleme mit dem Erwachen. Das kommt vom zu langen Liegen, da wird der Kreislauf runtergeschaltet. Eine kurze Ruhepause ist deshalb besser. Da muss man nicht einmal schlafen, es reicht, die Augen zu schließen und sich zu entspannen. Das ist auch sinnvoll, weil wir damit einen Zeitraum überbrücken, der durch Funktionsineffektivität gekennzeichnet ist: Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, machen wir mehr Fehler als sonst."

Die besten Arbeitszeiten: von 9 bis 12 und 15 bis 18 Uhr

Zulleys Rat an Freiberufler, die sich ihre Zeit frei einteilen können: Die besten Arbeitszeiten sind von 9 bis 12 und von 15 bis 18 Uhr, die Leistungsgipfel liegen zwischen 10 und 11 sowie 16 und 17 Uhr. Zehn Prozent der Bevölkerung sind extreme Morgen- oder Abendtypen, für die verschieben sich die Zeiten. Für die Mittagsruhe sollte man nicht ins Bett gehen: Wenn man eine Liege oder einen Ruhesessel benutzt und den Raum nicht verdunkelt, braucht man auch keinen Wecker - normalerweise wacht man zur richtigen Zeit auf. "Da schläft man nicht zu lange, von dem Problem habe ich noch nie gehört." Der Nachtschlaf verläuft in 90-Minuten-Zyklen. Deshalb ist es sinnvoll, den Wecker nach diesem Rhythmus zu stellen, um nicht mitten in einer Schlafphase geweckt zu werden.

Jürgen Zulley ist die Sache offensichtlich wichtig. "Wir Menschen sind Rhythmuswesen, wir können nicht gleichmäßig durcharbeiten. Aber das Leistungsdenken des Protestantismus beherrscht uns. Dieser simple Stechuhrglaube: Die Zeit, die ich arbeite, ist gleich der Leistung, die ich erbringe. Dabei kann ich doch die Hälfte der Zeit auch nur wichtig getan haben." Da wird wohl niemand widersprechen - jeder Mensch kennt so einen Kollegen.

Ein hohes Engagement verbindet alle, die sich mit dem Thema Schlaf beschäftigen. Das liegt wohl nicht nur daran, dass die Fakten wie bei kaum einem anderen Thema im krassen Gegensatz zur herrschenden Meinung stehen, sondern auch an den offensichtlich schädlichen Folgen dieses populären Irrglaubens. Stefan Schnitzler zählt auf: die Havarie des Öltankers Exxon Valdez, der Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl, Katastrophen, die wachere Arbeiter vielleicht hätten verhindern können. Laut einer Nasa-Studie steigt bei Piloten die Reaktionsgeschwindigkeit nach einem halbstündigen Schlaf um 16 Prozent, die Aufmerksamkeitsausfälle verringern sich um 34 Prozent. Oder die Gesundheitsprobleme von Schichtarbeitern - bereits durch einfache Änderungen der Arbeitspläne könnte man die erheblich mildem. Schnitzler ist überzeugt: "Wenn wir es schaffen würden, dass alle Menschen zehn Prozent besser schlafen, hätten wir ein Prozent weniger Krankenkassenkosten."

Mittagsschlaf braucht die richtige Unternehmenskultur

Stefan Schnitzler hat sich als Berater und Trainer mit seiner Firma Bedbrain auf Schlaf spezialisiert. Seine Beziehung zum Thema verdankt er seiner Zeit beim Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie und dem Südbund Einkaufsverband für Heimtextilien, bei denen er die Betten-Sparte betreute. "Ein Drittel des Lebens schlafen wir, aber wir denken kaum darüber nach. Um den Verkauf in unseren Läden zu steigern, mussten wir erst mal kommunizieren, wie wichtig Schlaf ist. Danach hat sich der Umsatz pro Kunde dramatisch erhöht, denn der Kunde ist durchaus bereit zu investieren, wenn er weiß, was es ihm bringt."

Natürlich kämpft auch Schnitzler für den Mittagsschlaf: "Bereits eine Viertelstunde Mittagsschlaf kann die Produktivität erheblich steigern. Aber in manchen Industriebetrieben heißt es ganz offen: Wir wissen, dass wir am Nachmittag einen hohen Ausschuss haben, aber das ist billiger, als das Band abzustellen. Viele Firmen verweigern sich, weil sie sich umorganisieren müssten. Dabei ist die Organisation etwa im Handel weder an den Bedürfnissen der Mitarbeiter orientiert noch an denen der Kunden, sondern an denen der Logistik und der Technik. Und wenn ein Mitarbeiter etwas in Eigeninitiative ändern will, bekommt er Probleme. Ich habe den Fall eines Lagerarbeiters erlebt, der sich in seiner offiziellen Mittagspause im Lager auf Teppichrollen eine Viertelstunde hingelegt hat. Dem hat der Chef gesagt, das ginge nicht."

"Das Wichtigste bei der Einführung eines Mittagsschlafs ist die Unternehmenskultur. Da geht es um die Wertigkeit des Schlafes, um Konsequenz und Selbstvertrauen. Das funktioniert in der Regel nicht ohne begleitende kulturelle Maßnahmen." Mario Filoxenidis beschäftigt sich mit seinem Beratungsunternehmen Siesta Consulting seit drei Jahren mit Schlaf im Büro. Er hält vor allem Vorträge, er nennt es Impulse setzen, denn vor der Veränderung muss der Bedarf deutlich gemacht werden. "Auf der individuellen Ebene ist der Bedarf da, aber gerade im jetzigen Klima der Angst trauen sich die Leute nicht, das zuzugeben. Schlafen gilt als Zeichen der Schwäche, dabei ist es eine Stärke, wenn man sich und seine Bedürfnisse richtig einschätzen kann." Filoxenides glaubt, dass sich eine große Firma schwer ändern lässt. Besser ist es, erst mal in einer einzelnen Abteilung neue Abläufe und Regeln zu testen.

Der Österreicher griechischer Abstammung kennt einige Firmen, die Ruheräume eingerichtet haben und den Mitarbeitern einen kurzen Mittagsschlaf erlauben, vor allem in der Schweiz. Aber das ist nicht immer erfolgreich: Bei einer großen Beraterfirma scheiterte das Projekt, ebenso bei einer Bank. In beiden Unternehmen fehlten begleitende Maßnahmen, außerdem waren die Angestellten in Panik angesichts der wirtschaftlichen Situation. Doch es gibt auch positive Beispiele, etwa das Gesundheitszentrum der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG in Graz, in dem für die Mitarbeiter Ruheräume angeboten werden. Die Erfahrungen dort: " Nur über Probleme reden kann schon helfen. Erst wenn der individuelle Leidensdruck erkannt wird, kann kollektiv etwas geschehen. Natürlich darf es keine Pflicht zum Mittagsschlaf geben, auch ist der Bedarf nicht immer und für alle gleich. Es gibt persönliche Unterschiede, Alter und Geschlecht spielen ebenfalls eine Rolle. Frauen brauchen zum Schlafen eine geschütztere Atmosphäre als Männer, da helfen einfache Trennwände."

Mario Filoxenidis denkt bereits an öffentliche Ruheräume auf Bahn- und Flughäfen, in Kaufhäusern und Einkaufszentren - ein Nickerchen für fünf Euro. Doch bis dahin ist es noch weit. Der Bedarf der Wirtschaft ist dringlicher, was aber nichts heißt. "In Unternehmen steht und fällt der Erfolg mit der Führung. Es gibt nur ein Beispiel in Deutschland, wo das Thema offensiv und erfolgreich angegangen wurde: in der Stadtverwaltung von Vechta. Da stand der Stadtdirektor Helmut Gels wie ein Fels in der Brandung."

Hoffnung in der Provinz: der Stadtdirektor von Vechta

Einen Fels sollte man Helmut Gels nicht nennen, dafür ist er zu flexibel. Und zu gesprächig. "Vechta ist die erste Stadt, die samstags das Rathaus geöffnet hat. Das ist unsere Antwort auf die mobile Gesellschaft. Die Mitarbeiter haben das selbst vorgeschlagen. Unsere Verwaltung ist ein Unternehmen, das sich an Wirtschaftlichkeit und Anerkennung misst. Wir sind eine Stadt, die immer noch Gewinne erwirtschaftet. Von allen niedersächsischen Gemeinden unserer Größe haben wir den niedrigsten Personalbestand und die niedrigsten Personalkosten. So etwas geht nur, wenn Sie motivierte Mitarbeiter haben. Unser Rathaus ist ein Ort der Begegnung, ich mache Ihnen wirklich nichts vor, da kommen Leute vorbei, um zu schauen, was im Rathaus läuft. Das ist das Beste, was uns passieren kann, dass sich Leute für unsere Arbeit interessieren."

Okay, Helmut Gels, seit zehn Jahren Stadtdirektor von Vechta und damit Verwaltungschef, ist auch Politiker. Da gehört es zu seinen Kernkompetenzen, sogar das Wetter als besondere Leistung zu verkaufen. Andererseits spricht er, wenn er von seiner Behörde erzählt, tatsächlich von Dienstleistung, Kunde und Unternehmensphilosophie - und das mit offensichtlicher Begeisterung. Seine Maxime stammt von Albert Einstein: "Inmitten der Schwierigkeit liegt die Möglichkeit."

Umgekehrt gilt allerdings dasselbe, wie er beim Thema Mittagsschlaf erleben durfte. Anfang 2 000 beschloss die Stadt, ein Gesamtgesundheitskonzept für ihre Angestellten mit den Bausteinen Bewegung, Ernährung und Entspannung einzuführen. Zur Entspannung gehörte die Möglichkeit, mittags ein Nickerchen zu machen. Die Einführung für die Mitarbeiter machte die AOK kostenlos, die Schlafmatten für die Büros wurden von der örtlichen Volksbank gesponsert. Eine runde Sache, die nichts kostet und allen nützt. Kein Problem, oder? "Anfangs haben wir für unser Projekt viel Prügel bezogen. Der Sächsische Beamtenbund hat sich offiziell gegen uns gestellt, dabei haben die uns nie kontaktiert. Dann kam der Bund der Steuerzahler, das ging bis zu einer Anzeige gegen mich persönlich, wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder. Die ist natürlich abgewiesen worden. Aber am schlimmsten waren die Medien. Da hat es überhaupt keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben." Gels erzählt von einem Pro-7-Reporter, der von dem Projekt begeistert war. Nur war wohl seine Redaktion anderer Meinung: Gesendet wurde eine nachgestellte Szene, die alle Stammtisch-Klischees über müde Beamte bediente. "Wir hatten ein großes Medienecho erwartet, aber dass es so negativ ausgefallen ist, war sehr enttäuschend."

Eine ähnliche Erfahrung stand am Anfang der Diplomarbeit von Adrian Brunner: Der Schweizer hatte einen Artikel über den Swiss-Chef Andre Dose gelesen, der behauptet, er würde nur vier Stunden pro Nacht schlafen. Der Text legte nahe, dass viele Fehlentscheidungen von Managern auf zu wenig Schlaf beruhen. Als sich Brunner nach dem Hintergrund des Artikels erkundigte, stieß er auf Unwillen. "Die hatten sich die Geschichte wohl aus den Fingern gesogen."

Gels hatte einen großen Vorteil: Sein Vertrag als Stadtdirektor läuft über zwölf Jahre - als dauerwahlkämpfender Politiker hätte er sich das Projekt nicht leisten können. Andererseits hatte das schwierige erste Halbjahr auch gute Seiten: Es förderte den Zusammenhalt. "Ich habe meine Mitarbeiter gefragt, ob wir das wirklich durchziehen wollen, und alle sagten, das ist gut. Die Mitarbeiter sind heute noch froh, dass wir das gemacht haben, weil sie feststellen, dass sie viele unserer Ideen auch in ihrer Freizeit verwenden können. Da hat eine Sensibilisierung stattgefunden, heute machen sich die Leute selbst Gedanken über ihre Gesundheit."

Die Beschwerden der Bürger in Vechta über ihre Verwaltung sind in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen. Und aus anderen Ländern erkundigt man sich nach dem Projekt. Doch von deutschen Ämtern hat Gels nicht mehr viel gehört. Anfangs seien alle interessiert gewesen, aber als der Medienrummel begann, wollte keiner mehr etwas davon wissen. Mario Filoxenidis hat wohl Recht, wenn er sagt: "Wenn erst mal das Bewusstsein dafür geschaffen ist, ist die Siesta-Kultur nicht mehr aufzuhalten. Aber der erste Schritt ist sehr schwierig."

adrian.brunner@stndent.unisg.ch
Schlaflabor Regensburg: www.schlaf-medizin.de
www.bedbrain.de
www.siesta-consulting.com
www.vechta.de

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