Ausgabe 07/2003 - Was Menschen bewegt

DER KLIMAEXPERTE

Helmut Schmidt: Schmidt hier! - Schmidt hier! Ich höre!

Hans-Jürgen Wischnewski: Hallo!

Schmidt: Sprich langsam und laut bitte!

Wischnewski: ... Das Flugzeug ist geknackt!

Schmidt: Nicht verstanden.

Wischnewski: Die Arbeit...

Schmidt: Die Arbeit ist erledigt.

Wischnewski: Drei tote Terroristen.

Schmidt: Drei tote Terroristen.

Wischnewski: Ein GSG-9-Mann verwundet.

Auszug aus einer Aufzeichnung des Telefongesprächs zwischen Bundeskanzleramt und Mogadischu in der Nacht zum 18. Oktober 1977 nach der Stürmung der Lufthansa-Boeing "Landshut"

 

Hans-Jürgen Wischnewski sitzt in seinem Lieblingssessel und raucht ein leichtes Zigarillo. Neben ihm Unterlagen und Zeitungen, auf einem Stapel liegt der Diplomatenpass des Staatsministers a. D. Mit dem Reisen ist es für ihn zurzeit schwierig. Der 81-Jährige erholt sich in seinem Bungalow in Köln-Hahnwald von einer schweren Krankheit.

Aber der Wischnewski-Sound ist immer noch derselbe: sonor, selbstbewusst, beruhigend. Mit diesem Bass hat er Geiseln befreit, Leben gerettet, Frieden gestiftet. " Ben Wisch" ist der Prototyp des Vermittlers. Und einer der Köpfe der Bonner Republik, die sich nach der NS-Diktatur mit stiller Diplomatie einen Platz in der Staatengemeinschaft erarbeitete.

brandeins: Fehlt der Berliner Republik ein Sozialtechniker wie Sie? Hätte Ben Wisch den Streit mit den USA über den Irak-Krieg vermieden?

Wischnewski: Dafür wäre ich nicht geeignet gewesen, das muss ich ehrlich sagen. Es war doch so: Beide Seiten hatten grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen über die Anwendung von militärischer Gewalt ohne Uno-Beschluss. Die Amerikaner haben sich über einen fundamentalen Grundsatz der Weltpolitik hinweggesetzt, und das war nicht in Ordnung.

War es in Ordnung, dass Gerhard Schröder, sein Nein laut hinausposaunte, um die Bundestagswahl zu gewinnen?

Auch wenn es noch so reizt, sollte man sich über schwierige außenpolitische Probleme nicht im Wahlkampf äußern. Sie eignen sich nicht dafür.

Hat der Irak-Krieg nicht vieles zum Positiven gewendet? Saddam Hussein wurde entmachtet, Syrien gezähmt; im Iran gibt es Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung, und der friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern ist wieder in Gang gekommen.

Man kann die Lage auch anders interpretieren: Der Krieg hat das Verhältnis der USA zu fast allen arabischen Staaten verschlechtert. Im Irak werden die amerikanischen Soldaten von der Mehrheit der Bevölkerung als Besatzer und nicht als Befreier wahrgenommen. Es gibt dort täglich Anschläge. Die Amerikaner bekommen die Lage allein nicht in den Griff. Ich denke, dass es deshalb doch noch zu einer Lösung unter einem Uno-Dach für den Irak kommen wird. Mittlerweile hat sich ja auch das Verhältnis zwischen Washington und Berlin entspannt. Von George Bush gab es sogar ein Lob für das deutsche Engagement in Afghanistan - nicht, weil er die Bundesregierung plötzlich ins Herz geschlossen hat, sondern weil er ihre Unterstützung im Irak braucht.

Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung seit dem 11. September in der Politik geändert?

Ich glaube, es fehlt heute an der notwendigen Geduld und an der notwendigen Analyse von Krisen. Es ist beispielsweise außerordentlich wichtig, zwischen normalen Moslems und Islamisten zu unterscheiden. Da sind die Kenntnisse teilweise furchtbar mangelhaft.

Das Netz spannen

Wischnewski verdankt seine Kenntnisse der arabischen Welt dem Algerienkrieg. In den fünfziger Jahren kam der damalige Juso- und Gewerkschaftsfunktionär, der sich für internationale Zusammenarbeit interessierte, mit Vertretern der algerischen Befreiungsbewegung in Kontakt, die gegen die französische Kolonialregierung kämpfte.

"Die Algerier haben mich gefragt, ob ich ihnen behilflich sein kann. Da habe ich gesagt: Das muss ich mir erst überlegen. Das ist eine schwerwiegende Frage. Denn natürlich ist das deutschfranzösische Verhältnis von ganz großer Bedeutung. Dann habe ich gesagt: Gut, politisch ja - aber nicht mit Waffen. Daraus hat sich dann viel ergeben."

Wischnewski fädelte damals unter anderem unbemerkt von der Öffentlichkeit in Köln das erste Treffen zwischen dem damaligen Außenminister der algerischen Exilregierung und Vertretern Algeriens in anderen europäischen Städten ein. In diesen Jahren bekam er von Willy Brandt den Spitznamen Ben Wisch, der bald sein Markenzeichen werden sollte. Als Algerien 1962 unabhängig wurde, hatte er gute Drähte in die arabische Welt - die Grundlage für seine späteren Jobs als Troubleshooter.

Das Eis tauen

Was sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Krisenmanagement?

Das A und 0 sind Kontakte und Klima. Sie müssen sich ein Bild von den Leuten machen, mit denen Sie zu tun haben, müssen möglichst viele Informationen sammeln. Und vor allem müssen Sie ein Klima schaffen.

Wie macht man das?

Manchmal sind es kleine Gesten. 1975 habe ich mit der isländischen Regierung verhandelt, die ihre Fischereigrenzen einseitig ausgedehnt hatte. Davon waren besonders die englischen und deutschen Fischer betroffen. Die Engländer haben Kriegsschiffe geschickt und die Deutschen Wischnewski. Ich hätte mit einer Bundeswehrmaschine direkt nach Island fliegen können. Bin aber mit dem Wagen erst nach Luxemburg gefahren, um dann mit der isländischen Fluggesellschaft nach Reykjavik zu fliegen. Da haben die Isländer gesehen: Na, das ist ein anderer Stil.

Am Tag zuvor hatten sie eine Kabinettssitzung, um festzulegen, ob mich überhaupt jemand am Flughafen abholt. So vergiftet war das Klima. Die hatten ja nichts anderes außer Fisch, das war für sie eine Lebensfrage. Und da kam nun jemand, der ihnen den Schatz streitig machen wollte.

Auf Island fielen mir dann die heißen Quellen auf. Ob man die nicht zur Energieerzeugung nutzen könnte? Ich bot an, ein paar Leute zu schicken, die etwas davon verstehen. Da taute das Eis ein bisschen, und wir redeten über das eigentliche Thema; Millimeter um Millimeter wurde Vertrauen geschaffen. Ich bin dann mit einer Vereinbarung zurückgekommen, die hat unsere Fischereiwirtschaft gar nicht voll ausnutzen können. Und am Flughafen hat mich das halbe isländische Kabinett verabschiedet.

Geräuschlos arbeiten

In brenzligen Situationen cool bleiben, sich in andere hineindenken, das sind Wischnewskis Stärken. Er ist einer der wenigen Sozialdemokraten, die sowohl mit Willy Brandt als auch mit Helmut Schmidt konnten. Widerlegt hat er Herbert Wehner, den Zuchtmeister der Partei, der den frisch gebackenen Abgeordneten Wischnewski 1957 im Plenarsaal des Deutschen Bundestags mit den Worten begrüßte: " Hier musst du Arschloch heißen, wenn du nach vorne willst." Dass Wischnewski ohne Namensänderung nach vom kam, liegt auch daran, dass er für einen Politiker nicht besonders eitel ist und sehr pragmatisch. In seinen Memoiren schreibt er: "Es kommt in der Politik sehr darauf an, Konflikte rechtzeitig ohne öffentlichen Lärm zu lösen."

Nicht aufgeben

Wischnewskis Fähigkeiten sprachen sich herum, er wurde zum Mann für heikle Jobs. Organisierte die ersten öffentlich wahrnehmbaren Kontakte zwischen Israel und der PLO, vermittelte bei etlichen Entführungen und war maßgeblich an der Beendigung des Bürgerkriegs zwischen den Contras und der damaligen sandinistischen Regierung in Nicaragua beteiligt.

Haben Sie nie gezögert, nie gedacht: Macht das mal ohne mich?

Wer über gewisse Erfahrungen verfügt, muss losziehen, wenn Not am Mann ist. Gott sei Dank ist eigentlich immer alles gut gegangen.

Gibt es einen Trick?

Ich habe immer eines gemacht, ich bin zur anderen Seite gegangen und habe gesagt: Ich werde Ihnen mal sagen, wie Ihre Interessenlage ist. Und dann habe ich die sauber und korrekt vorgetragen. Das hat meist einen gewissen Eindruck gemacht, auch Ende der achtziger Jahre, bei den Waffenstillstandsverhandlungen zwischen der sandinistischen Regierung Nicaraguas und den Contras.

Ihr Einfühlungsvermögen allein hat die Sache aber nicht entschieden.

Nein. Das war ein sehr anstrengender Auftrag damals. Ich hatte viel Ärger mit den Amerikanern, die die Contras unterstützten. Während die Verhandlungen liefen, hat Reagan im Kongress Militärhilfe für die Contras beantragt - es drohte das Aus des Friedensprozesses. Ich bin von Nicaragua nach Washington geflogen, bin von Abgeordneten zu Abgeordneten, von Senator zu Senator gezogen.

Mit Erfolg.

Es war sehr knapp: 211 Stimmen für die Militärhilfe, 219 dagegen. Das hat mir die amerikanische Regierung eine Weile übel genommen.

Ist Ihnen irgendwann auch mal der Geduldsfaden gerissen?

Schon. Sie haben es zum Teil mit ganz dummen Sachen zu tun. Bei den Verhandlungen in Nicaragua etwa hatten sich beide Seiten schon Schritt für Schritt angenähert, man sprach im Land miteinander, die Contras durften Pressekonferenzen abhalten. Und da haben sie dann öffentlich behauptet, sie würden von den Sandinisten ausgehungert - was nicht stimmte. Damit die Kuh vom Eis kam, habe ich beim Roten Kreuz gefragt, ob die die Versorgung übernehmen könnten. Ja, wenn beide Seiten zustimmen, hieß es. Mit dieser Information bin ich wieder zurück in die Verhandlung, worauf die Contras meinten: Wir sind aber Anhänger der Marktwirtschaft, der Auftrag für unsere Versorgung muss ausgeschrieben werden. Da habe ich denen gesagt: Jetzt ist bei mir Feierabend!

Seinen ersten Einsatz bei einer Flugzeugentführung hatte Wischnewskis im "schwarzen September" 1970, als in Jordanien der Konflikt zwischen palästinensischen Freischärlern und der Armee eskalierte. Die radikale Volksfront zur Befreiung Palästinas hatte vier Flugzeuge entführt, drei in Amman und eins in Kairo. 38 Bundesbürger waren an Bord. Ben Wisch sollte das Internationale Rote Kreuz unterstützen, das die Verhandlungen mit den Kidnappern führte. Am Tag nach seiner Ankunft erklärte die Rote-Kreuz-Delegation die Verhandlungen für gescheitert und reiste ab.

"Das kann man doch nicht machen, einfach abhauen! Ich habe dann allein weitergemacht, habe mich im Hotel Intercontinental mit der Guerilla und dem PLO-Chef Arafat getroffen. Ohne seine Vermittlung wäre die Sache nicht gut ausgegangen. Wir sind seit dieser Zeit Freunde."

Ist die Rolle des Krisenmanagers im Nahen Osten für einen Deutschen nicht besonders heikel?

Ich hatte die NS-Geschichte immer im Gepäck. An Bord der entführten Maschinen in Amman waren auch Israelis, die die Kidnapper zunächst auf keinen Fall freilassen wollten. Aber kommen Sie mal als deutscher Politiker nach Hause und sagen: Alle sind raus, nur die Israelis nicht. Da können Sie Ihre politische Karriere beenden. Das habe ich den Palästinensern klar gemacht. Und dann sind schließlich sämtliche Geiseln freigekommen.

Sich entscheiden

In Wischnewskis Arbeitszimmer steht ein Modell der "Landshut", der Lufthansa-Maschine, die arabische Terroristen 1977 nach Mogadischu entrührten, um Gefangene aus der RAF freizupressen. Damals verhandelte er vor Ort sowohl mit den Kidnappern als auch mit dem somalischen Präsidenten über den Einsatz der GSG 9 auf fremdem Territorium.

War Mogadischu Ihr schwierigster Job?

Ja. Es stand auf Messers Schneide. Ich habe in Mogadischu auch eine einsame Entscheidung getroffen. Als ich endlich grünes Licht vom somalischen Präsidenten bekam, habe ich - entgegen dem Rat meiner Begleiter - den Entführern mitgeteilt, die Bundesregierung habe nachgegeben. Die RAF-Gefangenen würden ausgeliefert. Das hat erstens eine Entlastung gebracht für die Geiseln, die von den Kidnappern bereits mit Alkohol übergossen worden waren, um sie in Brand zu setzen. Und zweitens hat es die Terroristen in Jubelstimmung versetzt: Die dachten, sie hätten gewonnen. Zwei Stunden später stürmte die GSG 9 das Flugzeug und befreite alle Geiseln.

Heute sind die Krisen in der Bundesrepublik eher innenpolitischer Art. Sie waren Minister in einer Großen Koalition, heute rufen manche wieder nach einer. Was halten Sie davon?

Nichts. Ich war übrigens auch damals als Mitglied der Großen Koalition nicht von ihr begeistert.

Wegen der CDU?

Nein - obwohl mir ein anderer Kanzler als das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger lieber gewesen wäre. Sondern wegen der schwachen Opposition, damals war es nur die FDP. Dieses Land braucht aber eine starke Opposition.

Andererseits ist es so, dass sich hier manche Dinge nur machen lassen, wenn die beiden großen Parteien zusammenarbeiten. In wichtigen Fragen gibt es heute auch größere Übereinstimmung zwischen SPD und Union als früher, etwa die, dass man etwas für die Wirtschaft tun muss. Es geht also hauptsächlich darum, eine Atmosphäre herzustellen, in der beide Seiten vernünftig miteinander reden können.

Womit wir wieder beim Klima wären.

Das ist in der Innenpolitik genauso wichtig wie in der Außenpolitik.

Die derzeitige überparteiliche Sparpolitik sorgt allerdings besonders in Ihrer Partei für schlechte Stimmung.

Wir waren in der Tat lange auf das Verteilen von Zuwächsen konzentriert - die es nicht mehr gibt. Ich bin aber schon lange davon überzeugt, dass auch Sozialdemokraten Einschnitte vertreten können - wenn es gerecht dabei zugeht.

Als Schatzmeister Ihrer Partei haben Sie persönlich mit dem Sparen keine erfreulichen Erfahrungen gemacht.

Ich habe mich von Willy Brandt zu dieser Funktion überreden lassen, obwohl sie meinem Charakter nicht entsprach. Es hieß: Spare bis zum Äußersten. Bei den Präsidiumssitzungen wurden dann allerdings Dinge beschlossen, die im Haushaltsplan nicht drinstanden. Nach einem Jahr habe ich die Klamotten hingeschmissen.

War Politik früher einfacher?

Ich denke, dass es meine Generation tatsächlich leichter hatte. Als ich in die Politik ging, war das Land zerstört und die moralischen Werte auch. Wir hatten die Chance, neu anzufangen. Diese Aufbruchstimmung können Sie nicht künstlich erzeugen.

Die vergangenen Jahre waren für Hans-Jürgen Wischnewski nicht leicht: Er hat seine Frau verloren, eine seiner Töchter und den Schwiegersohn, dann hat es ihn selbst schwer erwischt. Aber einer wie er gibt nicht so leicht auf. Er erzählt, dass er vor einiger Zeit in Berlin war, beim Bundeskanzler, Bundespräsidenten und im Auswärtigen Amt.

"Das hat mir Auftrieb gegeben, ich war wieder ganz in meinem Element, und ich habe Lust bekommen, noch mal etwas Neues anzufangen."

Was sind Ihre Pläne?

Ich habe mich entschieden, ein Beratungsbüro für den Nahen und Mittleren Osten sowie die Maghreb-Staaten zu eröffnen. Ich will meine Verbindungen nutzen, um Aufträge aus diesen Ländern hierher zu bekommen. Einen interessanten habe ich auch schon im Auge, aber darüber dürfen Sie noch nichts schreiben.

Literatur: Hans-Jürgen Wischnewski: Mit Leidenschaft und Augenmaß - In Mogadischu und anderswo - Politische Memoiren. Goldmann, 1991 (vergriffen)

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