Ausgabe 07/2003 - Markenkolumne

Der 360-Grad-Blick

"Meine Eltern lebten 13 Jahre in einer Wohnung in einem weißen Arbeiterviertel. Die Wohnung war in den späten Vierzigern für die Unterbringung von Werftarbeitern gebaut worden. Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass dies eine etwas unstandesgemäße Unterkunft war, schließlich wohnen die meisten Luftfahrtingenieure in Vorstadthäusern mit Doppelgaragen und Müllzerkleinerern. Wir wohnten also unter all diesen Arbeitern und Fürsorgeempfängern, Leuten aus dem Mittelwesten, Polizisten, Installateuren, alten Menschen, Armee-Sergeants, geschiedenen Frauen mit Kindern. Nun, mein Vater mochte einige von diesen Leuten nicht. Er sprach gerne von weißem Abschaum und Sumpfblüten und Tieren. Ich meine, er hielt viele unserer Nachbarn wirklich für das Letzte. (...) So baute mein Vater etwa ein Bücherregal aus Sperrholz, das er weiß anstrich. Dann trat er einem Buchclub bei, um es zu füllen, alle zwei Wochen erhielten wir einen kostspielig aussehenden Band mit großer Literatur. (...) Die verdammten Bücher sind nie viel aufgeschlagen worden, aber sie waren da, Totems der Hochkultur (1), ständige goldgeprägte Erinnerungen an unsere Zukunft als Bürger mit Hochschulbildung. Mein Vater baute ein bürgerliches U-Boot, weil er in einem Arbeitermeer schwamm und nicht wollte, dass die Haie seine Kinder (2) fressen." (Allan Sekula, Aerospace Folktales, 1973)

Kulturkampf ist Klassenkampf. Mit der Definition von gut und schlecht, von richtig und falsch, passen gesellschaftliche Gruppen ihren sozialen Status ihrer ökonomischen Position an, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. So setzte das aufstrebende Bürgertum vom 17. Jahrhundert an der kollektiven, transzendentalen Kunst des Klerus die individualistische Gefühlsmaschine der Oper entgegen und gab damit seinem Weltbild einen kulturellen Überbau. Das Bürgertum war erfolgreich, was man daran erkennt, dass Staat und Kirche heute getrennt sind, die Oper aber öffentlich gefördert wird. Eine Alternative zum Ringen um den besten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie bietet der Kulturkampf allerdings nicht: Es geht allein darum, den eigenen Status zu erhalten beziehungsweise die herrschende Klasse zu ersetzen.

"John Stanson, ehemals Matrose bei der Handelsmarine und Büroschreiber in den Docks, arbeitet in der Tate Gallery Liverpool seit deren Eröffnung 1988 als Aufseher (3). Nachdem er die Aufhebung des National Dock Scheme 1989 durch die Tories vorausgesehen hatte, verließ er die Docks für einen schlechter bezahlten Job, der im Rahmen der kulturellen Instandsetzung des heruntergekommenen Liverpooler Hafengeländes abfiel: ,Den Yuppies sei Dank, sie sind der einzige Grund, dass hier überhaupt jemand einen Job hat.' Stanson ist ein ebenso versierter wie artikulierter Historiker des Albert Dock. (...) Er verzieht sein Gesicht und antwortet mit einer Gegenfrage, als ich mich erkundige, warum die besondere Geschichte des Docks mit seinen innovativen hydraulischen Kränen und Zollspeichern im Merseyside Maritime Museum, gleich neben der Tate, nicht dargestellt wird: ,Haben Sie noch nie etwas von Gramscis Konzept kultureller Hegemonie gehört?'" (Allan Sekula, Schnellstraße nach China (Version 2, für Liverpool), 1998-1999)

Die Beziehung von Gesellschaft, Ökonomie und Kultur war schon immer kompliziert und wird in unserer komplexen Welt nicht einfacher. Wenn in Berlin drei Opernhäuser verteidigt werden, ist das zuerst ein Reflex des Bürgertums zum Schutz seiner Symbole. Dieser Schutz erscheint durchaus sinnvoll, denn die Reste dieser einstigen herrschenden Klasse sind heute nur noch eine Minderheit, fast schon eine Randgruppe, deren Status inzwischen auf wenig mehr als der historisch bedingten Dominanz eben jener Symbole beruht. Das Problem ist bloß, dass das Bürgertum keinen Gegner hat: Die Gesellschaft entwickelt sich unauffällig zu einer multikulturellen Gemeinschaft, deren Mitglieder gut nebeneinander existieren können - der letzte Feind ist das selbst geschaffene ökonomische System. Ein anderer Krieg gegen den eigenen Schatten findet am Hamburger Hauptbahnhof statt, wo Drogensüchtige mit lauter klassischer Musik (4) vertrieben werden sollen. Die Botschaft ist klar: Das Gesindel erträgt die Hochkultur nicht. Tatsächlich entfloh zumindest ein Teil dieser Gruppe eben jener Schicht, die derartig rigide Vorstellungen von Kultur vertritt. Es handelt sich hier also zum Teil um einen randgruppen-internen Konflikt: Die Patriarchen bestrafen ihre abtrünnigen Kinder (5). Nur zerstören sie dabei, was sie zu schützen vorgeben. Denn zu den Grundzügen der bürgerlichen Gesellschaft gehören ebenso das Recht auf freie Bewegung wie christliche Werte, also etwa Milde, Güte oder gar Vergebung.

"Der Raum verwandelt sich. Der Meeresboden wird abgehört. Fischerboote verschwinden in der irischen See, von U-Booten in die Tiefe gezogen. Geschäftsleute in Flugzeugen lesen spannende Romane über das Sonar. Hafenbordelle werden abgerissen oder zu Eigentumswohnungen umgebaut, Werften zu Filmkulissen (6) umfunktioniert. (...) Die alte Hafenfront wird nun, da die Arbeitslosigkeit alle Bezüge zu einer verbindenden Kultur zerstört hat, für das bürgerliche Traumbild von der merkantilistischen Vergangenheit reklamiert. Im Schlick sammeln sich Schwermetalle an. Vor einem Aussichtsfenster (7) mit Blick auf den Hafen streiten sich Kellnerlehrlinge um die wenigen Löffel. Das Hafenelend wird zur Sehenswürdigkeit. Jeder wünscht sich einen Blick aufs Meer." (Allan Sekula, Seemannsgarn, 1993-1995)

Der individualistische Blick verengt den Horizont und schafft damit die Basis des Dramas, der Oper, der großen Gefühle - eine Idee von der wirklichen Welt hat er jedoch nicht. Die könnte eine Rundumsicht bieten, ähnlich den 360-Grad-Bildern in Matrix, eine transpersonale Vision. Die Fotoserien Allan Sekulas, die von analytisch-literarischen Texten begleitet werden, schaffen das noch nicht, sind aber auf dem Weg dahin. Der Amerikaner hat sich mit Demonstranten in Seattle beschäftigt, dem ersten Irak-Krieg, einem Fischmarkt in Japan und Dockarbeitern in Liverpool. In seiner umfangreichsten Arbeit "Seemannsgam" entwirft der 52-Jährige ein Bild der Ozeane als ökonomisches Gebiet, von Werften über Containerschiffe bis zum Hafen. Die Welt ist komplex, und seine Arbeiten entsprechen dem: Die Fotos fangen die Unschärfe der Verhältnisse ein, während die Texte in historischen Abrissen und logischen Verknüpfungen das Unbestimmte präzisieren. Antworten werden als Fragen formuliert. Oder als ein Lächeln. Das ist beruhigend: Die Oper stirbt, die Komödie lebt.

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