Ausgabe 01/2003 - Schwerpunkt Das Neue

Grabo macht's möglich

Unter dem Vordach neben der Bürotür steht der Winzling und leuchtet knallrot. Der zweisitzige Flitzer sieht aus, als fanden nur Magersüchtige darin Platz. Deshalb hat MG sein Modell auch "Midget" genannt, was so viel wie Zwerg oder Knirps heißt. "Hinein komme ich, bloß mit dem Aussteigen wird's schwierig", sagt Wolfgang Grabowski. Ein Bär von einem Mann, 1,83 Meter groß und 105 Kilo schwer ("Meine einzige Behinderung"). Trotzdem war der Roadster jahrelang sein einziges Vehikel.

 

So ist Grabowski: Was nicht zusammenzupassen scheint, kriegt der wuchtige Blonde mit dem Ohrring irgendwie hin. Wenn er etwa von einem Rollstuhlfahrer hört: "Die Karibik - das wäre ein Traum", wird der Reiseveranstalter hellhörig. Studiert ganz schnell Prospekte und klopft bei Agenturen an. Dann fliegt er als Vorhut nach Jamaika, klappert in zwei Wochen an jedem Tag 15 Hotels ab und prüft in jedem, ob die Badezimmertüren breit genug sind und ob das Personal bereit ist, sich auf Gäste mit körperlichen Handicaps einzulassen.

 

"Von der ersten Idee im Kopf bis zum Abflug vergehen manchmal keine acht Tage", sagt er über seine Arbeitsweise. Dann bringt er seine ersten Kunden ins Hilton nach Montego Bay. Wenn die Reisegruppe zufrieden wieder den Heimflug antritt, düst Grabowski schon weiter in die Dominikanische Republik. "Nur Jamaika, das war mir zu wenig." Also folgen Kuba, Mexiko, Brasilien und sämtliche karibischen Inseln.

 

Auch den Rest des Globus hat er auf diese Weise erobert; die Welt von Grabo-Tours-Reisen hat nur noch wenige weiße Flecken. Der 43-jährige Inhaber und Geschäftsführer in rotem Sweat-Shirt und ausgewaschenen Jeans bezeichnet sein Unternehmen als europäischen Marktführer für Behinderten-Gruppenreisen und berichtet von 2000 Stammkunden aus den deutschsprachigen Ländern. Jedes Jahr stehen 50 Reisen auf dem Programm, in diesem Jahr soll die erste Umsatzmillion erreicht werden.

 

Andere sind billiger: Grabowskis Spezialreisen kosten zehn bis 25 Prozent mehr als die Pauschalangebote anderer Veranstalter. Aber dafür gibt es auch mehr Leistung: So sind auf jeder seiner Touren neben dem Reiseleiter drei bis vier Helfer ("Volontäre") dabei, die den Kunden rund um die Uhr zur Hand gehen. Für die Freiwilligen sind die Reisen gratis, Honorar bekommen sie allerdings nicht. Außerdem, betont Wolfgang Grabowski, müssen Hotels mindestens vier Sterne haben, um in seine engere Wahl zu kommen. Beim ersten Besuch einer Rollstuhlfahrergruppe hätten die Hoteliers zwar immer "Klötze im Bauch", weil sie nicht wüssten, ob Behinderte viel Stress machen oder gar ansteckend seien. Doch weil die Reiseleiter die Anliegen ihrer Gäste bündeln und nicht 20 Rollis gleichzeitig zur Rezeption fahren, gibt es für das Personal mit Grabowskis Kunden kaum Mehrarbeit. "Mittlerweile haben die gemerkt, dass sie an uns richtig was verdienen können", sagt er.

 

Seine Firmenidee hat auch persönliche Motive. Grabowskis Bruder Peter hatte einen schweren Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Wolfgang, der gelernte Krankenpfleger, arbeitete früher vor allem mit querschnittsgelähmten Patienten. Als er mit seinem behinderten Bruder zum ersten Mal gemeinsam Urlaub machen wollte, stellten die beiden schnell fest, dass die schöne bunte Ferienkatalogwelt mit braun gebrannten jungen Menschen und blitzblauem Himmel keine Gelähmten und MS-Kranken kennt.

 

Wolfgang Grabowski wurde trotzig. Er nahm seinen Bruder und setzte sich mit ihm in einen Gepäckwagen der Bahn zwischen Ferkel, Hühner und Pakete: "Du bist aufgegeben worden als Stückgut." Die beiden zuckelten an den Vierwaldstätter See in der Schweiz. Erst spät in der Nacht fanden sie eine Unterkunft. Die Quartiersuche sei zu jener Zeit kein Spaß gewesen, erinnert sich Grabowski, die Hoteliers hätten damals eine Vorliebe für viele Stufen gehabt. "Da sind wir einfach erhobenen Hauptes durch die Hintereingänge gerollt." Dort ist es seit jeher flach, Kartoffelsäcke und Bierfässer schleppende Lieferanten mögen keine Treppen.

 

Dank dieser Erfahrungen erkennt Wolfgang Grabowski heute ziemlich schnell, worauf es bei Behindertenreisen ankommt. "Die Hauptfrage auf der ganzen Welt lautet: Wo ist das nächste Klo?" Das müssen Rollstuhlfahrer, egal, ob im Palast der Winde, bei der Sphinx oder in der Blauen Moschee, einfach wissen. Also stellt Grabowski bei seinen Expeditionen immer zuerst die Klo-Frage, schaut dann, ob Museen Hintereingänge haben und wie seine Kunden im griechischen Olympia, wo nicht ein Stein neben dem anderen liegt, trotzdem vorwärts kommen können. Bei seinen Recherchen verlässt sich Grabowski auf niemand anderen als auf sich selbst, zückt alle naslang sein kleines gelbes Metallmaßband ("Ohne meinen koreanischen Geheimcomputer geht nichts") und misst die Türen aus. Mindestens 69 Zentimeter breit müssen sie sein, sonst gibt es für Rollstuhlfahrer kein Durchkommen.

 

Der rastlose Grabowski glaubt zwar keinem Prospekt und keinem Hotelmanager, doch ein misstrauischer Misanthrop ist er nicht. Eher die Fleisch gewordene Redseligkeit, seinem Du entgeht niemand, überall spricht er jeden an. So wie jenen "brasilianischen Ami" in New York. Den habe er in diesem Sommer einfach auf der Straße vor dem Hotel angehauen. Traf sich gut, denn der neue Bekannte hat einen Van-Verleih in Big Apple. Wolfgang Grabowski greift zwischen Wertstoffsäcken, Monitoren, Reiseführern und einer leeren Mohrenkopfschachtel zum Hörer und klärt noch ein paar Details mit ihm ab: " We are from Germany with the handicap group. We need a transfer from the JFK to the Roosevelt Hotel."

 

Grabowskis Netzwerk ist sein Kapital. Weil er beispielsweise jemanden in Tübingen kennt, dessen Onkel Bibliothekar im Vatikan ist, darf der Reiseveranstalter seit vielen Jahren eine Woche vor Ostern mit seinen Rollis zum Papst auf den Petersplatz. Dort schüttelte der Heilige Vater dem Vollbärtigen bereits die Hand, wie Fotos neben seiner Bürotür beweisen. Und weil Grabo möglich macht, was möglich zu machen ist, gibt es noch viele weitere Bonbons für seine Kunden: In Indien werden sie etwa an einer Elefantenbushaltestelle auf einer eigens gezimmerten Rampe bis auf 2,50 Meter Höhe gerollt, um auf den Dickhäutern Platz zu nehmen.

 

Obwohl bis ins Detail durchgeplant, gibt es bei jeder Reise natürlich Unwägbarkeiten. Etwa die unzähligen Stufen in Pekings Verbotener Stadt. Nach etlichem Auf und Ab hätten seine Volontäre geschwächelt, erinnert sich Grabowski. Nach einem Augenblick der Ratlosigkeit spitzte er seinen Reisebegleiter an: Er solle doch mal die Männer in Uniform bitten. Kurzes Geplänkel, dann die Sensation: Zehn der sonst so steifen Rotarmisten griffen den Rollstuhlfahrern unter die Arme. Für sie offenbar eine Frage der Ehre, denn die 100 Dollar, die Grabowski anschließend anbot, lehnten die Soldaten entrüstet ab.

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siehe auch:
Was wurde aus ... dem Reiseveranstalter für Rollstuhlfahrer?
(vom 17.2.2004)

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