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Ausgabe 01/2002 - Was Wirtschaft treibt

Das Scheidungskind

Familiengeschichten sind schwierige Geschichten. Auch wenn es im Prinzip immer und überall um dasselbe geht: um enttäuschte Liebe, schmutzige Wäsche und die irgendwann ganz sinnlose Frage, wer denn nun eigentlich Recht hat.

Communication impossible.

Bei dem Kommunikationsunternehmen Meta-Design ging es schon immer sehr familiär zu. Man duzt sich, der Umgangston ist sehr freundlich. Roland Schweighöfer, ein Beau, der von Pixelpark kam und bei Meta-Design Project Director ist, sagt ehrlich begeistert über seinen Arbeitgeber: "Im Gegensatz zu vielen New-Economy-Firmen zählt hier der Mensch." Das hat auch mit dem Geist des Gründers zu tun. Ein Hauch davon weht immer noch durch die gerade neu bezogenen Räume in einem ehemaligen Abspannwerk nicht weit vom Kurfürstendamm. Erik Spiekermann, der Vater von Meta-Design, ist nicht mit umgezogen. Aber alle im neuen "Meta-Haus", auch die, die ihn nicht mehr persönlich kennen, haben ein Bild von ihm: der große Kommunikator, der Schulterklopfer, der Leitwolf.

Das Meta-Programm: Entwicklungshilfe in Sachen Gestaltung. Eine Firma voller Überzeugungstäter.

Es ist ziemlich schwer, sich von so einem zu emanzipieren. Aber manchmal trotzdem notwendig.

Uli Mayer, Vorstand und Mitgründerin der Agentur, ist eine temperamentvolle Frau, deren Hände beim Reden immer in Bewegung sind. Sie sagt: "Erik wurde mit Meta-Design identifiziert. Aber er stand schon lange nicht mehr für das Ganze. Es wäre auch ein Armutszeugnis und unverantwortlich, wenn ein Unternehmen wie dieses an einer einzigen Person hinge." Spiekermann ist eine Legende in der Gestalterszene. Seine Karriere begann er im Berlin der sechziger Jahre mit einer Tisch-Tiegeldruckmaschine, die er in einem Keller gefunden und "vergesellschaftet" hatte. Er druckte Flugblätter und Visitenkarten, um sein Kunstgeschichtsstudium zu finanzieren und brachte es als Autodidakt zum international anerkannten Typografen. Einige von Spiekermann gestaltete Schriften wie FF Meta und ITC Officina gelten bereits als moderne Klassiker. 1973 ging er für sieben Jahre nach London, arbeitete unter anderem am College of Printing und bei der Branding-Agentur Wolff Olins. Spiekermann war einer der wenigen Grafiker, der den Weg vom Blei- ins Computerzeitalter mitging, er kaufte als einer der ersten Deutschen in der Branche 1985 einen Apple-Macintosh-Computer.

Nach zwei Vorläuferfirmen gründete er 1990 gemeinsam mit der Designerin Uli Mayer und dem Banker Hans Christian Krüger die Meta-Design plus GmbH. Der Name des Unternehmens ist Programm. Es geht um große Entwürfe; komplexe Gestaltungsaufgaben sollen gelöst, Unternehmen und Marken mit einem unverwechselbaren Gesicht versehen werden. Meta-Design versteht sich als eine Art Geschmackspolizei, die Vorgaben für Anzeigen, Online-Auftritte, Messestände macht, an die sich die Auftraggeber und ihre Agenturen im Interesse eines einheitlichen Erscheinungsbildes halten sollen.

In Sachen Corporate Design waren Spiekermann und Co. hier zu Lande Pioniere. Einer der ersten größeren Aufträge kam von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Heute kann man sich dank des klaren Informations-Designs gut im Gewirr der U- und S-Bahnen oder der Buslinien orientieren. Nicht l'art pour l'art, sondern Ästhetik mit hohem Nutzwert - das war der Anspruch der Agentur, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war. In den neunziger Jahren entdeckten immer mehr deutsche Unternehmen den Wert der Oberfläche. Meta-Design polierte unter anderem Marken wie Volkswagen, Audi, Boehringer Ingelheim und den Wissenschaftsverlag Springer auf.

Die Agentur wurde in Deutschland zur ersten Adresse für Gestalter. "Wenn man Designer ist und nicht in die Werbung will, geht man zu Meta", sagt Thomas Klein stolz, der sich vom Praktikanten zum Mitglied der Geschäftsrührung hochgearbeitet hat. Meta-Design expandierte rasch, man gründete Ableger in London, San Francisco und Zürich, beschäftigte in Hoch-Zeiten mehr als 200 Mitarbeiter. Seit fünf Jahren in Folge belegt Meta-Design Platz eins beim Ranking der deutschen Agenturen für Corporate Design des Branchenblattes " Horizont".

Die Firma wuchs mit der New Economy, war aber immer ein bisschen anders, bodenständiger und sozialer. So hat das Unternehmen - ungewöhnlich für die Branche - schon seit neun Jahren einen Betriebsrat. Überstunden werden in einem gewissen Rahmen bezahlt, es gibt eine Gewinnbeteiligung und ein 13. Monatsgehalt - das allerdings 2001 mangels Masse nicht ausgezahlt werden konnte. Die Gründer blieben lange bescheiden, drängten nicht an die Börse. Der Löwenanteil der schmalen Rendite, die Meta-Design abwarf, wurde reinvestiert - eine Firma voller Überzeugungstäter.

Spiekermann repräsentierte die Firma. Für ihn eine prima Rolle, für seine Kollegen weniger.

Und es gab eine klare Arbeitsteilung. Erik Spiekermann sei der Außenminister gewesen, sie der Innenminister, sagt Uli Mayer. Sie kümmerte sich vor Ort um die Jobs, Professor Spiekermann, der an mehreren Hochschulen lehrt, reiste viel, hielt Vorträge, saß in Gremien und Jurys, tat das, was er ausgezeichnet kann: mit Gott und der Welt reden und ganz nebenbei Aufträge akquirieren. Das funktionierte gut und war vor allem für ihn sehr komfortabel. Für seine Kollegen in der zweiten Reihe weniger.

"Er war lange Zeit die treibende Kraft des Unternehmens, er hat unsere Story überall auf der Welt als seine Story erzählt", sagt Hans Christian Krüger, der Dritte aus dem Gründerteam und wie Uli Mayer sehr bemüht, kein böses Wort über Spiekermann zu verlieren - was ihm nicht leicht fällt.

Der Übervater Spiekermann gefiel sich immer mehr in seiner Rolle. Als Meta-Design vor zwei Jahren in eine AG umgewandelt wurde, zog er sich in den Aufsichtsrat zurück, wollte aber weiter bestimmen, sagen seine ehemaligen Kollegen.

Spiekermanns Version: "Man hat mich auf eine ziemlich linke Art meines Postens als Geschäftsführer enthoben." Und dann erzählt er eine komplizierte Geschichte über Holding-Strukturen und Papiere, die er nicht gelesen, aber unterschrieben habe. Fakt ist, dass es zum Streit zwischen den Gründern kam, der rasch eskalierte. Es ging um Strukturen und Strategien, um Eitelkeiten und um einen übermächtigen Vater, der in einem selbstkritischen Moment sagt: "Ich habe durchaus Leute in die Ecke gedrückt." Auf der einen Seite stand der 68er Spiekermann, der gern aus dem Bauch heraus entscheidet, auf der anderen seine erwachsen gewordenen Schüler, die Meta-Design, so sagen sie, professionalisieren wollten. "Wenn man den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens will, ist die Egozentrik eines Einzelnen nicht mehr erträglich", sagt Krüger.

Seinen Ex-Kollegen sei es allein ums Formalisieren gegangen, darum, "einfache Sachen möglichst kompliziert zu machen", so Spiekermanns Version.

Wer hat Recht? Vielleicht beide Seiten. Das Problem war, sagt die Betriebsrätin Cornelia Bruning mit feiner Ironie, dass aus der großen Familie ein großes Unternehmen wurde.

Schließlich setzten sich die Jungen gegen den Alten durch, man könnte das auch einen Vatermord nennen. Der Zeitpunkt dafür war allerdings denkbar ungünstig. Die Auftragslage war Mitte 2000 bereits dünn und wurde dünner, die Kapitaldecke von Meta-Design nach dem schnellen Wachstum auch. Man verhandelte schon eine Weile mit der niederländischen Multimedia-Agentur Lost Boys über einen Zusammenschluss. Der deutlich größere Wunschpartner aber ließ sich Zeit. Als es im vergangenen Sommer endlich zur Fusion kam, soll es allerhöchste Eisenbahn für Meta-Design gewesen sein, heißt es in der Branche. De facto wurde die Agentur von den Lost Boys geschluckt, mit dem Versprechen, Meta-Design als Marke und Unternehmen zu erhalten. Spiekermann ging endgültig.

Wie bei einer Scheidung fragen sich die Kinder: Warum mögen sich Mama und Papa nicht mehr?

Die Fusion, der Konjunktureinbruch, der Verlust des charismatischen Vor- und PR-Mannes, der nun auch öffentlich in Totalopposition ging - turbulente Zeiten für Meta-Design. Roland Schweighöfer erinnert sich: "Das war wie bei einer Scheidung, wenn die Kinder sich fragen: Warum mögen sich Mama und Papa nicht mehr?" Für Uli Mayer ist die Sache klar. Irgendwann brauche ein Unternehmen eine stabile Struktur, irgendwann sei die Zeit der Improvisation vorbei. "Dazu war Erik nicht bereit. Und deshalb ist es konsequent, dass wir uns getrennt haben." Bei Meta-Design begann die Post-Spiekermann-Ära. Margit Wegener verkörpert diese neue Zeit. Sie kommt aus der Werbebranche, wo es deutlich weniger liberal zugeht als bei Meta-Design und ist in der Agentur unter anderem für Personal zuständig. Diese Position gab es vor ihrer Zeit nicht. Bayerisch-barock kommt sie daher, sehr herzlich, aber mit einer Ausstrahlung, dass sie auch anders kann. Personalarbeit sei für sie ein bisschen wie Kindererziehung, bemerkt Margit Wegener beiläufig. "Die richtige Mischung aus fühlbarer Wärme und spürbarer Härte macht's." Im Herbst musste sie 25 Leuten auf einen Schlag kündigen. "Wir haben das einvernehmlich und ohne jede Klage hinbekommen - auch dank der konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat." Nach weiteren Abgängen zählt Meta-Design heute noch rund 150 Mitarbeiter.

Für die Nachfolger ist die Trennung verschmerzt. Der Patriarch aber leidet unter Phantomschmerz.

Viel lieber redet Margit Wegener natürlich über andere Themen. Über neue Kunden, die man gewonnen habe, ganz ohne Erik Spiekermann: Novartis, Roland Berger, Heidelberger Druckmaschinen, den Schweizer Provider Bluewin. Der Abgang des Patriarchen, so ihre Botschaft, sei verschmerzt.

Der allerdings leidet immer noch unter starken Phantomschmerzen. Erik Spiekermann wohnt nicht weit entfernt vom Meta-Haus in einer Dachwohnung. Arbeitslos ist einer wie er natürlich nicht. Vor kurzem hat er das ehrwürdige britische Wirtschaftsmagazin " Economist" relaunched, er arbeitet an Buchprojekten, betätigt sich als "Spiritus Rector" für Meta-Design San Francisco, das unabhängig von Europa ist. "Meine Geschichte mit Meta-Design ist noch nicht zu Ende", sagt er. Es klingt wie eine Drohung.

Spiekermann vermisst sein Baby. Und ist immer noch sauer auf seine ehemaligen Partner. Oder tut so, als ob er sauer wäre. Das ist bei ihm, der stets eine verschmitzte Miene zur Schau stellt, nicht so leicht zu unterscheiden. Ohne Abfindung sei er aus seiner eigenen Firma entfernt worden, die er selbst groß und berühmt gemacht habe. "Und dann wollten mir meine lieben Kollegen noch hundert Mark für das Handy in Rechnung stellen." Alles, was die "lieben Kollegen" seit geraumer Zeit machen, ist natürlich falsch. Spiekermann lässt wenig gute Haare an ihnen. Das kommt selbst bei Metanern, die ihn eigentlich sehr schätzen, nicht gut an. Thomas Klein, der sehr sanft und diplomatisch ist und regelmäßig mit Spiekermann Tee trinkt, sagt über dessen Attacken: "Irgendwann war das aber nicht mehr lustig. Es ging um 150 Jobs. Und um Verantwortung." Meta-Design ist ein Paradebeispiel für die Schwierigkeiten des Generationenwechsels. Allein in den kommenden fünf Jahren müssen sich laut dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung 380000 deutsche Unternehmen mit der Frage auseinander setzen, wie das Leben nach dem Abschied des Chefs aussehen kann. Von der Antwort hängen Millionen Arbeitsplätze ab; das ist der Unterschied zum ordinären Familiendrama.

Ein guter Therapeut hätte den Berliner Gestaltern möglicherweise beim Ablöseprozess helfen können. Dann wäre Spiekermann auch heute noch Meta-Design-Botschafter. Doch vielleicht konnte es dazu nicht kommen, weil die Fronten zu verhärtet sind. Das zeigen sogar Kleinigkeiten. Noch nach seinem Ausscheiden hat Erik Spiekermann weiter mit dem roten Unternehmenslogo gearbeitet, nach dem Motto: "Metadesign is not a company; Metadesign is an idea." Das wurde ihm dann gerichtlich untersagt. Und dann ist da noch ein schönes, ehemals offizielles Buch über das Unternehmen, das aber, weil sehr Spiekermann-lastig, nicht mehr verteilt wird. Ein bisschen kleinlich, vielleicht. Für den wortgewaltigen Spiekermann aber ist es der Versuch, " mich aus der Geschichte des Unternehmens zu tilgen. Ähnlich hat es Stalin mit Trotzki gemacht." Der enttäuschte Vater quengelt, in seiner Ex-Firma wird die Zukunft rosarot gemalt.

Enttäuschte Väter können rechte Quälgeister sein.

Hans Christian Krüger seufzt. Und malt dann in leuchtenden Farben ein Bild von der Zukunft. Man sei nun dank des Mergers, den er maßgeblich ausgehandelt hat, bestens aufgestellt, hänge aber nicht am Tropf der Lost Boys - die jüngst eine Fusion mit dem schwedischen Unternehmen Icon Medialab angekündigt haben. Meta-Design werde auf alle Fälle unabhängig bleiben, der potenzielle Markt sei riesig, langfristig sei eine Umsatzrendite von 20 Prozent realistisch.

Allerdings nicht mehr mit Krüger. Nicht lange, nachdem er seine Zukunftsvision entwickelt hat, sind er und ein Vorstandskollege nach einem sehr schlechten Jahr für Meta-Design ausgeschieden. Freiwillig, wie es offiziell heißt, um die Größe des Vorstandes der geschrumpften Mitarbeiterzahl anzupassen. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen von Spiekermann: "Er hat sich unterworfen, jetzt braucht man ihn nicht mehr." Der Patriarch ist wirklich nachtragend. Aber irgendwann legt er seine Spiekermann-Maske ab und redet über eigene Fehler: "Ich bin zu 50 Prozent Schuld, das ist wie in einer Ehe. Ich habe mich nicht gut verhalten, ich habe nicht klar gemacht, was ich wollte, weil ich selbst nicht wusste, was ich wollte." Scheiden tut weh, ist aber auch Voraussetzung für einen Neubeginn. Findet Marc Mielau, eloquenter Berater bei Meta-Design, der Spiekermann nicht mehr kennen gelernt hat. Mielau hat sich ein ganz eigenes Bild für die Situation des Unternehmens ausgedacht: "Wenn die Spitze einer Pyramide gekappt wird, wird die Basis breiter: Es können neue Triebe sprießen."

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