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Ausgabe 01/2002 - Artikel

Argentinien - oder die Kultur der Vergeudung

Es gibt arme und reiche Länder, und es gibt Argentinien. Vor einem Jahrhundert lebte das "Silberland" in Saus und Braus, dieser Tage ist es arm wie eine Kirchenmaus. Keine andere Nation hat in einem Jahrhundert so konsequent ihren Reichtum vernichtet. Aus freien Stücken und (fast) ohne Krieg.

Jedes Kind kennt das Märchen vom Hans im Glück. Wie der Märchen-Hans mit seinem Goldklumpen heimzieht und am Ende mit leeren Taschen ankommt: Das ist die Geschichte Argentiniens. "Reich wie ein Argentinier", das war um 1900 eine gängige Redewendung. Durch Buenos Aires ratterte die Metro, kurz nachdem man sie in London und Paris gebaut hatte. Der Peso wurde mit Gold aufgewogen. "In Argentinien spuckt man auf den Boden, und schon wächst eine Blume." Jeder konnte reich werden, wenn er nur wollte, hieß es.

Das Geld, nicht etwa die Verheißung von Freiheit, hatte Millionen Hungerleider aus Südeuropa an den Rio de la Plata getrieben. Ihre Muskelkraft war gefragt, doch ihre Seele war in Sizilien, Andalusien und im Baskenland geblieben.

Ein Staatsvolk waren die Argentinier also (noch) nicht. "Regieren bedeutet besiedeln", urteilte der Verfassungsjurist Juan Bautista Alberdi. Das Land war leer, wenngleich voller goldener Kälber. Mit Fleisch, Leder und Korn wurden über Nacht Vermögen gemacht. Und ausgegeben. Die Fortabads und Thornquists, die Bullrichs und die Bunges legten ihr Kapital in prächtigen Villen, Fabriken, in Abgeordnete, Richter und edle Pferde an.

Hans im Glück hat seinen Goldklumpen als Belohnung für treue Dienerschaft erhalten. Statt seinen Schatz gegen gute Zinsen zu verleihen, sein Pferd vor den Pflug zu spannen, seine Kuh zu melken oder sein Schwein zu verwursten und damit Geld zu machen, tauscht er alles ein. Den Mühlstein zuletzt nimmt er nicht zum Mahlen, er ist ihm zu schwer, er schmeißt ihn weg. Hans im Glück hat sein Kapital in Windeseile vernichtet.

Genauso machten es viele reiche Argentinier, sie legten das Geld im Ausland auf die Bank oder unter ihre Matratze, wenn sie es nicht für Status und Luxus ausgaben. Im Ausland ist mehr argentinisches Privatvermögen angelegt als in Argentinien selbst. Geld im Schweiße des Angesichts zu verdienen - das brauchten die Estancieros nicht. Das Kapital wuchs in der fetten Pampa auf vier Hufen von allein. Und der gekaufte Staat hielt den Fabrikanten die Konkurrenz vom Leibe.

Hans im Glück wird vom Pferd abgeworfen. In Argentinien besorgte das Oberst Juan Domingo Perón. Der alte Geldadel hatte nun kaum noch bei den Staatsgeschäften dreinzureden. Der neue Patron Perón ließ sich von den "descamisados", den Hemdlosen, inthronisieren. Evita Perón, der "Engel der Armen", verprasste das Volksvermögen. Alles sollte dem Volk gehören, auch die Eisenbahn. Die hatte Perón den Engländern abgekauft und sich damit teuren Schrott eingehandelt.

Seither lebt Argentinien über seine Verhältnisse. Besonders die Regierung. Selbst unter Carlos Menem, der den Mühlstein defizitärer Staatsbetriebe gegen ein Linsengericht an seine Freunde verschenkte, stiegen die Staatsausgaben von 1992 bis 1999 um 50 Prozent an.

Der Argentinier Marcos Aguinis hat in seinem Buch " El atroz ancanto der ser argentino" ("Das zweifelhafte Vergnügen, Argentinier zu sein") der stolzen Nation einen Spiegel vorgehalten, in den sie ungern schaut. Nicht wenige Argentinier, die etwas auf sich halten, gleichen den Hanseaten: Sie geben sich als Engländer aus. Aber sie sind weder Gentlemen noch Hanseaten. Sie sind die Nachkommen von Don Quijote, meint Marcos Aguinis.

"Wir kultivieren Defekte, die uns um Kopf und Kragen bringen", klagt Aguinis. "La cultura de la renta" zum Beispiel. Man kann das als " Kuponschneiderei" übersetzen. Die Argentinier würden immer nur nach Schnäppchen schauen, nach dem schnellen Gewinn. Nicht durch harte Arbeit und geduldiges Sparen käme man zu Wohlstand, sondern durch gewitztes Spiel, glauben sie. Durch Beziehungen, durch Spekulation und Schulden machen.

Bereits zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren die öffentlichen Dienstleistungen in Buenos Aires doppelt so teuer wie in London. Ein Drittel der Staatsausgaben ging für Bestechungen drauf, behauptet Marcos Aguinis. Ein spanischer Finanzbeamter klagte schon 1923 über die argentinischen Zustände: "Es gibt einen tiefen Graben zwischen der Prosperität des Landes und dem Zerfall der öffentlichen Finanzen, die ein Dauerelend sind." Unter Perón und seinen Nachfolgern hätte so gut wie jeder dritte Argentinier, Rentner oder nicht, am Tropf von Vater Staat gehangen.

Dabei ist der argentinische Nationalheld ein Freibeuter zu Pferde: unabhängig und stolz. Jeder Abiturient kann Verse aus dem romantischen Epos "Martin Fierro" zitieren, das ein gewisser Jose Hernández 1879 verfasste. Hier wird den Gauchos ein Denkmal gesetzt. Die Gauchos verachten den Tango, sie spucken auf Buenos Aires und das gelackte Gesindel der Großstadt. Sie lieben den Himmel, die Erde, die Pampa, deren Herren sie waren. Die Gauchos gleichen den Potros, den wilden Pferden, die sie zureiten. Einen Gaucho kann keiner zähmen.

Jeder Argentinier möchte ein Gaucho sein. Aber das ist eine Illusion. Die Pampa ist längst parzelliert.

Die Argentinier sind im Grunde Anarchisten, meint Marcos Aguinis. Dem Staat ist man nichts schuldig, der Staat ist einem selbst etwas schuldig. Eigentlich ist der Staat ein Patron, ein guter oder ein böser. Der böse Patron ist ein Blutsauger, den es zu betrügen, der gute aber eine Kuh, die es zu melken gilt.

Wo sonst auf der Erde bezahlt der Staat das Pausenbrot? Welche andere Regierung gibt so viel Geld aus dem Haushalt für die "Rechtspflege" aus?

Ein Staat, der so viele Gesetze wie Argentinien erlässt, hält seine Bürger für dumm oder kriminell. Beides trifft sicher nicht zu. Die Gesetze werden gemacht, damit die Bürokraten ein Auskommen haben.

Je mehr Gesetze existieren, desto mehr Gesetzesbrecher gibt es. Die Obrigkeit zu betrügen ist keine Sünde, sondern eher eine Tugend, die von "vivenza criolla", von Bauernschläue und Pfiffigkeit zeugt. "Sie haben mich wegen Diebstahls geschnappt -aber nicht wegen Blödheit", brüstet sich der Delinquent. "Zafar" - sich vor der Verantwortung drücken, "El vivo", der Schlaumeier, der hat es raus, wie man die Probleme umgeht, sich aus der Schlinge zieht. Die Tangotexte und das "Lunfardo", das Rotwelsch der Gauner, sie sind voller Vokabeln, die jene "vivenza criolla" anklingen lassen.

Es geht darum, die Probleme auf die lange Bank zu schieben - das war die Taktik der politischen Klasse, die einen Wechsel nach dem anderen auf die Zukunft zog. Die Zukunft, so stellt sich nun heraus, ist jetzt. Argentinien Ano Zero. "Mein Vater", so schreibt Marcos Aguinis, "landete wie alle am Dock Sud und hat sein Leben lang geschuftet. Er gründete eine Familie und war stolz darauf, seinen Sohn auf die Universität schicken zu können. Das ist das Modell, dem wir folgen müssen!" Die meisten Argentinier würden den Autor wohl als Nestbeschmutzer anklagen, läsen sie denn.

Dass Hans im Glück im Vaterhaus gütige Aufnahme fand, ist bekannt.

Aber so geht es eben nur im Märchen zu.

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