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Ausgabe 03/2002 - Was Wirtschaft treibt

Was ist da passiert?

Unternehmen werden üblicherweise aufgelöst, weil sie pleite sind. Die Trius AG ist in Liquidation, weil sie reich ist: Auf ihren Konten liegen rund 20 Millionen Euro, als die Aktionäre ihre Abwicklung beschließen.

Ein ungewöhnliches Ende. Doch es passt zur Vorgeschichte. In der kurzen Zeit seit der Börsennotierung haben eine Menge Leute von dem Unternehmen profitiert, ohne dass die Trius AG je ihren Geschäftszweck erfüllte, Gewinne zu erwirtschaften. Und so ist es vielleicht nur folgerichtig, dass am Ende auch noch die Kasse geplündert wird.

Gier und Neid, Dilettantismus und Unwissenheit, Überforderung und Selbstüberschätzung haben ein Unternehmen in den Tod getrieben, das nach Einschätzung von Branchenkennern durchaus das Zeug dazu hatte, erfolgreich zu sein. Die Geschichte von Trius handelt von Kleinstadtjungs, die zu hoch hinaus wollen. Von Aktionären, die das große Geld witterten und am Ende die Geprellten sind. Von Männern, die sich in Machtkämpfe verstricken. Von Geschäftsfreunden, die vorgeblich uneigennützige Ziele verfolgen, aber vor allem sich selbst bedienen.

Ein gutes Produkt, aber kein Geld Friedrichsdorf, ein 20 000-Einwohner- Städtchen in der Nähe von Frankfurt am Main. Hier gründen Ottmar Lotz und Wolfgang Romberg am 4. Juni 1992 die Vorläufer-Firma von Trius. Hier ist Trius geboren, hier wird sie bleiben, hier wird sie sterben, knapp zehn Jahre nach ihrem hoffnungsfrohen Start.

Romberg, Jahrgang 1965, und Lotz, Jahrgang 1963, studieren damals an der Fachhochschule Friedberg Informatik. Sie ergänzen sich gut: Romberg ist der Software-Architekt. Lotz, der bereits eine Lehre als Fernmeldeelektroniker hinter sich hat, bringt Telefonkommunikations-Expertise ein.

Gemeinsam entwickeln sie die Basis für das spätere Kernprodukt von Trius: Teliman, eine Computer-Telefonie-Software. 1995 steht die erste Version. Branchenkenner Christoph Krüer, früher bei einem Wettbewerber, jetzt als Fachhändler tätig, urteilt: "Die beiden waren ihrer Zeit weit voraus." So weit, dass ihnen niemand Geld zur Verfügung stellen will, um die Software weiterzuentwickeln. Immerhin wird die Firma 1998 bei einem Innovationswettbewerb der hessischen Landesregierung ausgezeichnet. Dadurch wird die Trigon Wertpapierhandelsbank aus Bad Homburg auf Trius aufmerksam. "Wir boten denen Unterstützung bei der Kapitalbeschaffung an", erinnert sich Wolfgang Brandt, damals Leiter der IPO-Abteilung bei Trigon. Ziel ist der Neue Markt. Im November 1999 firmiert die Trius EDV und Telekommunikation GmbH zur Aktiengesellschaft um. Zur Finanzierung der Pre-IPO-Phase wird ein Family-and-Friends-Programm aufgelegt. Nach dem Börsengang sollen 38 Prozent der Anteile in Streubesitz gehen, die Gründer wollen je 25,25 Prozent behalten, 11,5 Prozent sollen bei Altgesellschaftern und Mitarbeitern bleiben.

Heute sagt Brandt: "Mit diesem Management hätte das Unternehmen eigentlich gar nicht an die Börse gehen dürfen. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer." Damals aber beziffern drei Neuemissions-Studien den Unternehmenswert auf sagenhafte 80 bis 115 Millionen Euro. Value Research urteilt über die beiden Studienabbrecher: "Ein erfahrenes und motiviertes Management." Der Börsengang macht Furore, weil die Aktien - ein Novum in Deutschland - im Auktionsverfahren zugeteilt werden. Die Zeichnungsfrist läuft vom 21. Feburar bis 3. März 2000. Die Nachfrage ist groß, der Emissionskurs wird auf 36,50 Euro festgesetzt. Das bedeutet: Das Unternehmen ist bei seiner Börseneinführung rund 96 Millionen Euro wert. Der Emissionserlös - eine Million Aktien sind platziert worden - beträgt 36,5 Millionen Euro.

Der Erfolg markiert, so paradox das klingen mag, zugleich den Anfang vom Ende der Firma Trius. Die Gründer müssten sich, um den ehrgeizigen Plänen gerecht zu werden, auf den Aufbau neuer Vertriebswege und eine professionelle Management-Verstärkung konzentrieren. Vor allem aber muss die Software weiterentwickelt werden. Nach wie vor funktioniert Teliman nur für die Einplatz-Version. Die optimistischen Prognosen zum Börsengang beruhen aber auf dem Verkauf einer Netzwerk-Lösung, die für Unternehmen einsetzbar ist: Teliman Professional.

Ein teurer Neubau, und der Ärger beginnt Statt loszulegen, verzetteln sich Lotz und Romberg in Streitereien, die mit der Zeit in einen regelrechten Stellungskrieg ausarten. Stein des Anstoßes ist ein von Romberg betriebenes Neubauprojekt. Seine Überlegung: Trius will expandieren, Software-Entwickler sind schwer zu bekommen und erst recht kaum zum Umzug in die Kleinstadt im Taunus zu bewegen. Ist dann ein eigenfinanziertes Gebäude, das eine attraktive Arbeitsumgebung bietet, nicht sinnvoller als die Anmietung immer neuer Büroräume in dem kleinteiligen Friedrichsdorfer Gewerbegebiet? Und Geld ist ja da, in Hülle und Fülle, aus dem Börsengang.

Lotz ist gegen den Bau, der immerhin rund 15 Millionen Euro kosten soll. Auch andere mahnen. "Ich habe Herrn Romberg daraufhingewiesen, dass das in der Finanzwelt nicht gut ankommt", erinnert sich Arndt Hoffmann, als Analyst von Trigon für Trius zuständig. "So ein Bau bindet doch Managementkapazitäten." Von denen gibt es ohnehin viel zu wenig. Das operative Geschäft verantworten nach wie vor allein Romberg und Lotz.

Romberg kauft trotzdem ein Grundstück im nahen Burgholzhausen und beauftragt das Friedberger Architekturbüro Bremmer, Lorenz, Frielinghaus Planungsgesellschaft mit der Planung eines Bürohauses. Heraus kommen drei achtstöckige Glastürme. Lotz und andere nennen den pompösen Bau "Romberg-Tower". Angeblich hat allein die Planung fast 900 000 Euro gekostet.

Zwischen Lotz, der das Projekt boykottiert, und Romberg, der seinen Palast unter allen Umständen realisieren will, entbrennt ein Machtkampf. Lotz beklagt sich, dass Romberg die Mitarbeiter gegen ihn aufhetzt, heimlich Betriebsversammlungen einberuft, ihm Informationen vorenthält. Romberg beschuldigt seinen früheren Freund, den Ausverkauf von Trius zu betreiben: Lotz habe vorgehabt, seine Aktien der ebenfalls am Neuen Markt notierten PSB AG zu überlassen und auch ihn, Romberg, überreden wollen, dies zu tun. Für Romberg ein klarer Fall von Verrat.

Lotz streitet diese Version rundweg ab. "Eine Übernahme von Trius durch PSB war nicht geplant. Romberg hat das Gerücht nur in die Welt gesetzt, um Druck auf mich auszuüben." Doch ganz so kann es auch nicht gewesen sein. Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Trius war damals Hans-Ulrich Niedner, zugleich Vorstandsvorsitzender von PSB. Er bestätigt, dass es bei PSB Überlegungen gegeben hat, bei Trius einzusteigen. Denn die Firma sei an der Börse massiv unterbewertet gewesen. "Es ist schon verführerisch, ein Unternehmen zu kaufen, das mehr Geld in der Kasse hat, als es kostet." Ob über diese " Gedankenspiele" (Niedner) auch mit den Trius-Vorständen gesprochen worden sei, daran könne er sich nicht erinnern. PSB-intern sei relativ schnell klar geworden, dass die Übernahme von Trius vertriebsseitig keine Synergieeffekte ergeben hätte. Hinzugekommen sei, dass Romberg die Übernahmegelüste an die große Glocke gehängt habe. "Spätestens da war das Thema für uns erledigt." Erledigt ist nach diesem Intermezzo auch das Verhältnis von Niedner und Romberg. Auf der Hauptversammlung am 15. September 2000 treten Niedner und der mit ihm befreundete Aufsichtsratsvorsitzende Erwin Löber zurück, nachdem Romberg sie vor den Aktionären massiv angreift. Der dritte Aufsichtsrat hat sich bereits Anfang August aus privaten Gründen zurückgezogen. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender wird Jörg Detlef von Boddien, im Hauptberuf Geschäftsführer der Boyden Interim Management GmbH in Bad Homburg. Ein Herr im dunkelblauen Zweireiher mit Goldknöpfen, hellbraune Hornbrille, gute Umgangsformen, geduldig, ein eher sanfter Typ. Er empfindet die Situation, die er vorfindet, als unhaltbar: "Die Firma war dabei, auseinander zu fallen. Beide Gründer waren überfordert und gaben sich gegenseitig die Schuld an den schlechten wirtschaftlichen Daten." Trius verfehlt die gesteckten Ziele massiv. Die Weiterentwicklung der Netzwerk-Version von Teliman zu einem funktionierenden Produkt verzögert sich, der Umsatz bleibt hinter der Planung zurück.

Von Boddien beschließt aufzuräumen. Er schlägt sich auf Rombergs Seite. Das ist kaum verwunderlich, denn Romberg versteht es, Menschen für sich einzunehmen. Er kann überaus überzeugend argumentieren, durchschaut Interessen-Konstellationen auf Anhieb. Er ist das, was man einen strategischen Kopf nennt. Wie viele Menschen mit visionärer Begabung neigt er allerdings dazu, die Probleme des Alltags zu unterschätzen.

"Ich vertraute darauf, dass Romberg ein guter Mann ist und lediglich mehr Management-Unterstützung brauchte", bestätigt von Boddien. Lotz soll gehen.

Aber Lotz will nur gehen, wenn er einen Teil seiner Aktien los wird. "Ich wollte das Risiko nicht mehr in dieser Höhe mittragen, wenn ich den Kurs des Unternehmens nicht mehr mitbestimmen konnte." Was nun passiert, hätte nicht passieren dürfen. Die Trius AG kauft Aktien von Lotz zurück, sagt Romberg. Eine Ermächtigung zum Aktienrückkauf durch die Hauptversammlung liegt zwar vor, doch ein Aktienrückkauf ist nur zulässig, wenn er aus Gewinnrücklagen finanziert wird. Gewinne aber hat Trius nicht vorzuweisen. Die Transaktion wird gestoppt.

Ein Ausweg und ein fragwürdiger Deal Der Ausweg: Romberg kauft seinem Kompagnon privat für rund zwei Millionen Euro rund fünf Prozent der Aktien ab. Um das Geschäft zu finanzieren, nimmt er nicht nur einen Kredit in Höhe von 767000 Euro auf, sondern lässt sich auch noch ein Firmendarlehen über 1,3 Millionen Euro geben, verzinst zu konkurrenzlos günstigen fünf Prozent. Romberg behauptet, die Konstruktion sei von Boddiens Idee gewesen. Von Boddien meint, das Modell sei " gesprächsweise entstanden". Dass es ethisch fragwürdig und rechtlich ein Problem sein könnte, wenn eine dem Wohl der Aktionäre verpflichtete Gesellschaft einem Vorstand einen derart günstigen Kredit einräumt - und dies auch noch zum Zweck des Aktienerwerbs - bedenkt niemand. "Als frisch gebackener Aufsichtsratsvorsitzender kannte ich mich mit dem Aktiengesetz nicht so aus", sagt von Boddien. Der Hausjurist sei zu der Zeit gerade im Urlaub gewesen. Eine spätere Prüfung unterbleibt offenbar - wohl auch deshalb, weil alle glauben, dass der Kurs, der zu jener Zeit bei zehn Euro dümpelt, bald wieder steigt und sich Romberg seiner Verpflichtungen problemlos entledigen kann. Dass der Kurs immer weiter sinkt und Romberg auf seinen Schulden sitzen bleibt, kann sich zu diesem Zeitpunkt niemand vorstellen.

Lotz-Bezwinger Romberg kann seinen Triumph nur kurz genießen. Denn von Boddien entpuppt sich als überaus engagierter Aufsichtsratsvorsitzender, der die personelle Unterbesetzung im operativen Bereich durch tätiges Eingreifen ausgleichen will. Er fährt alle paar Tage zu Trius, hält engen telefonischen Kontakt zur Geschäftsrührung. "Ich sprach auch mit den leitenden Mitarbeitern und stellte plötzlich fest, wie viele Probleme es gab." Die endlich fertig gestellte Teliman-Professional-Software, mit Hilfe einer millionenschweren Marketing-Kampagne eingerührt, ist instabil. Es hagelt Reklamationen. Der Aufsichtsrat, der selbst über 150 000 Euro in Trius-Aktien investiert hat, ist alarmiert. Er beginnt Romberg zu misstrauen.

Dem Vorstandsvorsitzenden wird von Boddiens Engagement schnell zu viel. "Man freut sich ja erst, wenn ein Aufsichtsrat so viel Zeit hat, aber irgendwann habe ich ihn gebeten, statt täglich nur noch wöchentlich anzurufen." Aus Rombergs Sicht mutiert der Unterstützer zum Rivalen, der den Abteilungsleitern hinter seinem Rücken Anweisungen erteilt. Es kriselt. Zum offenen Bruch kommt es aber erst, als von Boddien im Januar 2001 über seine Interim-Management-Firma einen Vertriebsmanager besorgt. Ein pikanter Vorgang, schließlich profitiert der Aufsichtsrat indirekt von dieser Transaktion: Im Geschäftsjahr 2000/2001 zahlt Trius rund 100000 Euro für Beratungsleistungen an die Boyden Interim Management GmbH. "Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, weil ich ja eine gute Tat damit vollbrachte", sagt von Boddien. "Aber dann hat man mir geraten, das künftig zu lassen, weil es einen gewissen Hautgout haben könnte." Eine Erpressung und ein Chaos-Kauf Romberg stört sich nicht am schlechten Beigeschmack, sondern an dem Vertriebsmanager, den er für anmaßend hält und unfähig, seine theoretischen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. Nach gut einem Monat entlässt er ihn, ohne Rücksprache mit von Boddien. Eine Kampfansage. Das Verhältnis der beiden verschlechtert sich zusehends.

Zumal Romberg unbeirrt sein Neubauprojekt vorantreibt. Von Boddien sagt, er sei aus allen Wolken gefallen, als ihn Romberg nach Monaten von den fortgeschrittenen Planungen in Kenntnis setzt. "Wir waren drauf und dran, ihn zu entlassen, haben es aber noch nicht gewagt. Er war ja Alleinvorstand und Know-how-Träger!" Weil Romberg mit Rücktritt gedroht habe, habe man ihm die Erlaubnis erteilt, den ersten Bauabschnitt zu verfolgen. Heimlich habe er aber den gesamten Bau beauftragt. Romberg dementiert: Er habe das Projekt selbst gestoppt. Der Projektleiter des Architekturbüros, der Aufschluss geben könnte, will sich gegenüber der Presse nicht äußern.

Zu diesem Konflikt kommt ein weiterer. Seit Herbst 2000 verhandelt Trius mit der eCustomerNetworks (eCN), Bad Homburg. Die 1987 gegründete eCN ist eine Firma mit 38 Mitarbeitern und 30 Software-Entwicklern in Indien, die Software für Customer-Relationship-Management (CRM) entwickelt. Der Eigentümer, Günter Ziepa, ist gut bekannt mit Trius-Aufsichtsrat Winfried Hoffmann. Hoffmann ist sogar kurzzeitig als Berater für eCN tätig. Wenig später beschließt Trius, eCN zu übernehmen.

Dieser Deal ist eine Geschichte für sich. Er geht so schief, wie etwas nur schief gehen kann. Viel zu spät wird eine ordentliche Bewertung der eCN veranlasst. Das Ergebnis fällt derart katastrophal aus, dass der am 11. April 2001 stolz verkündete Kauf sechs Wochen später eilends storniert wird: Am 23. Mai verkündet eine Ad-hoc-Mitteilung in dürren Worten, dass Trius ihrer neuen Tochtergesellschaft "keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung" stellt. In der Folge geht die eCN, die im Zuge der Transaktion mit Trius selbst noch eine insolvente Firma übernommen hat, Pleite.

Luftgeschäfte und entsetzte Aktionäre Die Entscheidung, kein Geld mehr in eCN zu stecken, hängt mit dem Eintritt eines neuen Vorstands zusammen: Christian Pusch zuvor Geschäftsführer der CDA Datenträger Albrechts GmbH. Der sanierungserfahrene Pusch kommt mit dem Platzhirschen Romberg zunächst erstaunlich gut zurecht. Gemeinsam schmieden sie Pläne für den Turnaround. Die Zeit drängt. Denn die Zahlen, die Trius Ende Juli 2001 für das Geschäftsjahr 2000/2001 bekannt gibt, sind verheerend. Die Firma verzeichnet einen Jahresfehlbetrag von 8,6 Millionen Euro, allein das missglückte eCN-Engagement schlägt mit rund 2,5 Millionen Euro zu Buche.

Doch der eigentliche Knaller verbirgt sich im Umsatz. Der liegt bei der Trius AG bei 3,2 Millionen Euro. Das sind zwar fast 76 Prozent mehr als im Vorjahr. Aber: Der Löwenanteil wurde nicht durch den Verkauf von Software, sondern durch so genannte Handelsgeschäfte erzielt. Der Trick: Trius kaufte in hohen Stückzahlen Festplatten, spielte den Teliman darauf und verkaufte die angereicherte Hardware an eine andere Firma, die den Einzelverkauf übernahm. Von 1,3 Millionen Euro Umsatz im Bereich Computertelefonie, der für Trius eigentlich das Kerngeschäft sein sollte, stammen 1,2 Millionen Euro aus Handelsgeschäften; in der Sparte EDV- und Telekommunikationstechnik sind es von 1,7 Millionen Euro Umsatz mehr als 1,5 Millionen Euro.

Im Klartext: Das Geschäftsmodell, mit dem Trius angetreten ist, funktioniert nicht im Ansatz. Der Vertrieb der instabilen Netzwerk-Version von Teliman wird gestoppt, das Produkt ganz neu entwickelt. Überdies erweist sich, dass die Vertriebsstrukturen generell falsch aufgezogen worden sind: Im Telekommunikations-Fachhandel verstehen die Verkäufer zu wenig von Software, sie müssen erst aufwändig geschult werden. Das lohnt sich nicht wegen der geringen Stückzahlen, die Trius dort verkauft.

Die Kleinanleger trifft die Hiobsbotschaft völlig überraschend, denn Trius hat die Zusammensetzung der Umsätze zuvor weder in den Quartalsberichten noch in den Ad-hoc-Mitteilungen aufgeschlüsselt. "Für die Aktionäre war die Entwicklung unterjährig nicht ersichtlich", bestätigt Trigon-Analyst Arndt Hoffmann. "Sie mussten davon ausgehen, dass die Umsätze im Kerngeschäft erzielt werden." Generell sei die Informationspolitik von Trius "im Sinne der Transparenz fragwürdig" gewesen. Warum griff die Bank als Designated Sponsor nicht? "Unser Rat wurde nicht angenommen", sagt Arndt Honmann höflich, aber deutlich.

Der Aufsichtsrat muss Bescheid gewusst haben. Denn eingefädelt hat die Handelsgeschäfte einer der Beisitzer, Winfried Hoffmann. Ein Mann mit interessanter Biografie: Unter anderem war er Europa-Präsident von Commodore und Präsident von Fujitsu Siemens, bis er dort im April 2000 mit sofortiger Wirkung entlassen wurde. Aus Gewerkschaftskreisen verlautete damals, Hoffmann sei Vetternwirtschaft vorgeworfen worden. Er habe unter anderem seinen Sohn mit Aufträgen bedacht.

Dieser Sohn, Hendrik Honmann, betreibt eine Firma in Bad Homburg, die Natcomp GmbH. Das ist nun zufällig die Firma, an die Trius die mit Teliman bespielten Festplatten weiterverkauft. Honmann bestreitet nicht, den Anstoß zu dem Deal gegeben zu haben. "Es war doch besser, mit so etwas ein paar Mark zu machen als gar keinen Umsatz." Dass jemand Anstoß an dieser Geschäftspolitik nimmt, kann er nicht nachvollziehen. "Trius hat doch dabei kein Geld verloren, sondern im Gegenteil daran verdient!" Auch eine Irreführung der Aktionäre kann er nicht erkennen: Die hätten im Geschäftsbericht alles nachlesen können.

Ein Rausschmiss und Rettungsversuch Zurück zu Trius. Dort beruft der Aufsichtsrat den Vorstandsvorsitzenden zum 27. Juli ab. Hauptgrund: das unselige Neubauprojekt, das, wie es der Aufsichtsrat formuliert, "der Gesellschaft das Geld zur Neuausrichtung des Unternehmens entzogen hätte". Alleinvorstand wird Christian Pusch. Romberg klagt gegen die Kündigung. Doch zunächst einmal ist er raus aus dem Spiel.

Wirklich? Schließlich ist der einstige Gründer noch Hauptaktionär, hält rund 30 Prozent des Kapitals und hat damit eine Menge Einfluss. Den will er auch behalten. Als er im Herbst Wind davon kriegt, dass Vorstand und Aufsichtsrat ein Zusammengehen von Trius mit einer anderen Firma erwägen, gehen seine Gedanken nur in eine Richtung. "Ich vermutete, dass deren Strategie war, meine Anteile durch die Übernahme zu verwässern." Ein Verdacht, den von Boddien weit von sich weist. " Das war überhaupt nicht das Kalkül." Bei der anderen Firma handelt es sich im die Hamburger Comon GmbH, die UMS-Lösungen herstellt und eine Beteiligung des Risikokapitalgebers Plönzke Holding ist. Eine Verbindung, so Boddien, bot sich an, weil man für die beiden Software-Produkte in Kombination gute Marktchancen sah. Nils Haase, Vorstand der Plönzke Holding, bestätigt das: "Sowohl von den Produkten wie von den handelnden Personen her gesehen, passte das zusammen." Details der finanziellen Abwicklung sind angeblich noch nicht klar gewesen. Eine Möglichkeit ist aber, dass Trius die Comon kauft und Plönzke im Gegenzug Aktien von Trius erwirbt. Ob es dabei zu der von Romberg befürchteten Kapitalverwässerung kommen würde - wer weiß.

Romberg steht unter Strom. Er will den Aufsichtsrat abberufen, noch bevor die Transaktion mit Plönzke unter Dach und Fach ist. Um ein Vorziehen der Hauptversammlung zu erreichen, die erst für Dezember 2001 vorgesehen ist, muss er triftige Gründe anführen. So verlangt er die Beschlussfassung über die Liquidation der Firma. In Wirklichkeit, behauptet Romberg heute, habe er das Unternehmen gar nicht auflösen, sondern nur die Abwahl des Aufsichtsrats und den Austausch der Geschäftsführung erreichen wollen - zum Wohle der Firma. Pusch und von Boddien traut er nicht zu, Trius zu retten. Das kann nur er, Romberg. "Ich war der Know-how-Träger der Gesellschaft." Wenn man ihn nicht lässt, sollen auch andere keine Chance haben.

Tatsächlich erreicht Romberg, dass die Hauptversammlung schon Mitte November einberufen wird. Bei Trius befürchtet man das Schlimmste. Der Aufsichtsrat schickt einen Brandbrief an die Aktionäre: "Wir bitten Sie dringend, an unserer Hauptversammlung am 13. November 2001 teilzunehmen. Jede Stimme ist wichtig! (...) Sind auf der Hauptversammlung zu wenig stimmberechtigte Aktionäre vertreten, ist aus unserer Sicht zu befürchten, dass Herr Romberg mit seinem Paket und einer relativen Mehrheit anwesenden Aktienkapitals auf der Hauptversammlung dem jetzigen Aufsichtsrat keine Entlastung erteilt, den Aufsichtsrat abwählt, einen ihm genehmen Aufsichtsrat wählt und über diesen sich wieder zum Vorstand berufen lässt." Wie sich zeigt, kein ganz unrealistisches Szenario. Im Handstreich wird auf der Hauptversammlung als erstes Versammlungsleiter von Boddien abgewählt. An seine Stelle tritt der Fondsmanager Florian Homm. "Er stellte sich vor als Deutscher, der auf Mallorca lebt und in Harvard studiert hat", erinnert sich Trigon-Analyst Arndt Hoffmann. "Da war er bei den Kleinaktionären direkt unten durch." Aber auf die kommt es an diesem Tag nicht an. Maßgebend für die Beschlüsse sind die Großanteilseigner: Romberg mit rund 30 Prozent der Aktien, Homm, der nach eigener Aussage rund 15 Prozent kontrolliert, die Heidelberger FPS Vermögensverwaltung GmbH, von der es heißt, dass sie gut 10 Prozent besitze. Und dann ist da noch Ottmar Lotz mit knapp 20 Prozent - das Zünglein an der Waage. Mit ihm steht oder fällt die erforderliche Drei-Viertel-Mehrheit für die Liquidation.

So sehen die Interessenlagen aus: Die Kleinaktionäre wollen die Fortführung von Trius. Viele haben die Aktien zum Emissionspreis von 36,50 Euro gekauft und würden hohe Verluste machen, wenn - wie die Liquidationsbefürworter in Aussicht stellen - bei einer Abwicklung der Gesellschaft zwischen sechs und sieben Euro auf jede Aktie entfallen würden. Außerdem glauben sie an Vorstand Christian Pusch. Der verspricht, dass die neue Profi-Version von Teliman kurz vor der Fertigstellung steht. Er redet von Vertriebspartnerschaften und Vorverträgen mit namhaften Unternehmen und davon, dass in den nächsten sechs Monaten eine Flut von positiven Ad-hoc-Mitteilungen den Trius-Kurs in die Höhe treiben werde. Zudem präsentiert er optimistische Zahlen: Im Geschäftsjahr 2002/2003 soll Trius den Break-even und bereits in 2003/2004 ein Jahresergebnis von 6,7 Millionen Euro erreichen. Der Umsatz soll auf 12,8 Millionen in 2003/2004 klettern.

Gerhard Roh von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) -überzeugen die Zahlen. "Ich war dafür, dass der neue Vorstand eine Chance kriegt. Wenn ein Unternehmen Marktchancen hat, darf man es nicht einfach liquidieren, sonst wäre der Sinn des Börsengangs verfehlt." Vertrauensfördernd wirkt, dass Christian Plönzke von der Plönzke Holding zugegen ist und damit die Ernsthaftigkeit der Fusionspläne mit Comon unterstreicht.

Neid, Gier und ein trauriges Ende Die professionellen Investoren hingegen wollen die Liquidation. Florian Homm beispielsweise ist bei Kursen von drei bis vier Euro bei Trius eingestiegen, ihm winkt bei einer Liquidation ein gutes Geschäft. Zumal er den Plänen von Pusch " null Chance" gibt: "So einen Unfug hatte ich selten gehört." Der Investor macht keinen Hehl daraus, dass er bei Trius eingestiegen ist, um abzukassieren. Er gibt aber auch zu bedenken: " Liquidation klingt immer so fantasielos. Volkswirtschaftlich betrachtet, wird das Geld aber auf diese Weise sinnvoller eingesetzt, als wenn es in ein Unternehmen fließt, das den Bach runtergeht." Bei Romberg ist die Interessenlage komplizierter. Er muss mit den Investoren paktieren, um den verhassten Aufsichtsrat abzusetzen. Eine Fortrührung von Trius mit ihm selbst als Vorstand -wohl seine erste Wahl - ist mit den Vermögensverwaltern aber nicht durchzusetzen, schließlich wollen die Cash sehen. Last not least braucht Romberg Geld, um seine Kredite von insgesamt zwei Millionen Euro zurückzuzahlen.

Und dann ist da noch Lotz, den im Vorfeld alle bearbeitet haben. Er weiß nicht ein noch aus. "Ich habe nächtelang wach gelegen und gegrübelt." Er will aber unter allen Umständen verhindern, dass sein alter Widersacher jemals wieder ans Ruder kommt. Die Liquidation ist, so gesehen, die sicherste Lösung. Außerdem hat Lotz nichts dagegen, seine Schäfchen ins Trockene zu retten, sprich, sich auszahlen zu lassen.

Die Hauptversammlung dauert mehr als zehn Stunden. " Es war ein Krimi", erinnert sich Analyst Arndt Hoffmann. Bekommen die Liquidations-Befürworter die erforderliche Drei-Viertel-Mehrheit zusammen? Am Ende stimmen 78,96 Prozent für die Liquidation. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender wird Florian Homm. Zwei Sonderprüfungen werden in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob Romberg seine Sorgfaltspflichten verletzt hat. Interessanterweise hat auch Homm für die Sonderprüfungen gestimmt. "Wenn man so will, richten sie sich zwar gegen einen Kampfgefährten, aber als Aufsichtsrat habe ich schließlich die Verpflichtung, so viel wie möglich für die Aktionäre rauszuholen." Den Vorständen bleibt die Abwicklung. "Wir bedauern die Entscheidung der Hauptversammlung", schreiben sie in einem Brief an die Aktionäre. "Sie ist jedoch bindend und wird respektiert." Dennoch: Pusch legt am 5. Dezember sein Amt nieder. Neuer Liquidator wird Thomas Mikusinski, seit 1994 Software-Entwickler bei Trius. Nicht gerade die gängige Qualifikation für einen Abwickler, aber " ich kenne das Unternehmen gut, und den Job wollte sonst keiner machen", sagt Mikusinski.

Den 36 Mitarbeitern wird zum 31. März gekündigt. Mikusinski sagt, die meisten hätten gute Abfindungen und neue Jobs bekommen. Er selbst wird bleiben, bis die Trius AG aus dem Handelsregister gelöscht ist. Das wird dauern, denn die Gläubiger haben ein Jahr Zeit, um ihre Forderungen anzumelden, die Frist läuft erst im nächsten Februar ab. Inzwischen ist die AG vom Neuen Markt an den Geregelten Markt gewechselt.

Einer der Aktionäre erhebt Anfechtungsklage gegen den Liquidationsbeschluss, weil den Altgesellschaftern ein Sondervorteil erwachse, während die Neuaktionäre ein Minus machten. Er zieht die Klage später zurück. Rechtsanwalt Erik Hackenberg von der Kanzlei Dr. Hackenberg & Dröschel aus Eschborn erklärt den Umschwung seines Mandanten mit den hohen Kosten eines solchen Verfahrens: "Der Streitwert ist eben sehr hoch." Trotzdem ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die SdK wird die Ergebnisse der Sonderprüfungen, die noch in diesem Frühjahr vorliegen sollen, sehr genau prüfen. "Ich sehe die Möglichkeit, dass die Aktionäre auf Schadenersatz klagen", sagt Gerhard Roh. Dann wird es darauf ankommen, wer wann seine Sorgfalts- und Aufsichtspflichten verletzt hat. Was verantwortet Romberg? Was von Boddien? Wer hat wen wann über was informiert?

Von Boddien ist nervös. Er weiß, dass es schwer werden könnte, Romberg nachzuweisen, dass er den Aufsichtsrat mangelhaft über die zahlreichen verlustreichen Operationen informiert hat. Wenn der Aufsichtsrat aber im Bilde war, trifft ihn womöglich eine Mitschuld. Von Boddien fühlt sich, so sagt er, ungerecht betrachtet: "Trius war wie mein eigenes Unternehmen." Für fast alle Beteiligten ist Romberg der Schuldige. Er sei größenwahnsinnig, heißt es, ein Selbstdarsteller. Romberg weiß, wie seine einstigen Freunde und Geschäftspartner über ihn reden. "Mein Image ist dahin", sagt er. Um es zu retten, will er ein Buch schreiben. Ob's was bringt? Romberg wirkt unschlüssig. "Ich kann nicht behaupten, dass ich seit dem Börsengang besonders erfolgreich war. Und die Zeit davor kennt ja kaum einer. Das erschwert das Ganze." Aber die Scharte lässt sich ja auswetzen. Romberg will ein neues Unternehmen gründen. Er wird es ihnen zeigen, all denen, die an ihm gezweifelt und sich von ihm abgewandt haben.

Gründungskapital hat er, jedenfalls dann, wenn es nicht zu Schadenersatzforderungen kommt. Romberg dürfte knapp 800000 Trius-Aktien besitzen. Entfallen bei der Liquidation vorsichtig geschätzt, sechs Euro auf einen Anteil, erlöst er rund 4,8 Millionen Euro. Auch nach Rückzahlung seiner Kredite bliebe ihm also ein hübsches Sümmchen.

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