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Ausgabe 06/2001 - Was Unternehmern nützt

Was ist eigentlich ... ein Finanzderivat?

Es begann mit einem Tulpen-Spleen. Als im 17. Jahrhundert in Holland ganze Häuser für eine Tulpenzwiebel geboten wurden, wollte nahezu jeder am botanischen Boom verdienen. Aber Tulpenzwiebeln waren so rar, dass nur wenige damit handeln konnten. Also handelte man statt mit den realen Zwiebeln mit Optionen. Und das geht - vereinfacht - so: Der Händler, der eine Preisexplosion furchtet, will im Herbst hundert Zwiebeln zu je zwei Mark. Der Bauer, der fürchtet, die Zwiebel sei dann nur noch 1,80 Mark wert, schlägt ein. Problem: Der Händler kauft nur ein Recht (Option) und kann zurücktreten; der Bauer muss liefern, wenn es der Händler verlangt, und bekommt dafür eine Optionsprämie.

Der Handel mit Kauf und Lieferrechten entwickelte sich schwungvoll. Doch mit dem Verfall der Tulpenpreise platzte auch die Optionsblase, und viele Spekulanten verloren Haus und Hof. Seitdem gelten Optionen als dubios.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, nur dass es bei modernen Optionen und ihren Varianten nicht mehr um Tulpenzwiebeln geht, sondern etwa um Aktien oder Devisen. Über kaum ein Thema wird an den internationalen Finanzmärkten so leidenschaftlich gestritten wie über die so genannten Finanzderivate. Für die einen sind sie hochspekulativ und damit unanständig, für die anderen sind sie das Mittel der Wahl des modernen Risikomanagements mit angenehmem Nebeneffekt: Mit Derivaten lässt sich viel Geld verdienen, und wer es richtig macht, kann dieses Geld mit ihrer Hilfe auch gegen Verlust absichern.

Derivate haben kompliziert klingende Namen: Optionen, Futures, Swaps. Dabei sind sie nichts anderes als Wetten.

Finanzderivate haben keinen realen, fassbaren Eigenwert. Sie sind abhängig von der Kursentwicklung so genannter Basiswerte. Gemeint sind Wertpapiere wie Aktien oder auch Anleihen, mögliche Bezugspunkte sind aber auch Devisenkurse, Zinssätze oder Börsenindizes. Dieses "unechte" Kapital hat klangvolle Namen. Es heißt etwa Option, Future oder Swap. Sie alle sind Wetten auf eine bestimmte Wertentwicklung der Basiswerte, etwa der Kursentwicklung einer Aktie.

Diese Wetten haben bei allen Derivaten das gleiche Grundmuster wie die Tulpenzwiebel-Option: Sie berechtigen zum Kauf oder Verkauf einer Menge von Basiswerten zu einem festen, im voraus vereinbarten Preis zu einem späteren, fest vereinbarten Zeitpunkt. Der ursprüngliche, tiefere Sinn dieser so genannten Termingeschäfte ist handfest: Es geht um die Sicherheit über den künftigen Preis. Derivate leben von der Unsicherheit über künftige Entwicklungen und dem Wunsch, sich dagegen abzusichern.

Auf Metall- und Devisenmärkten oder bei landwirtschaftlichen Produkten sind Verträge über Zukunftslieferungen als Schutz gegen Preisschwankungen seit vielen Jahren verbreitet. Seit 1865 werden Warenterminkontrakte für Weizen, Kupfer und Schweinebäuche am Chicago Board of Trade regelmäßig gehandelt.

Aber erst die Unwägbarkeiten der Globalisierung haben Termingeschäfte in den vergangenen 20 Jahren auch auf dem Kapitalmarkt etabliert. Längst werden Finanzderivate auch an eigenen Börsen, den Terminmärkten gehandelt. Mittlerweile übertrifft der Handel mit Finanzderivaten die Warentermingeschäfte um ein Vielfaches. Zur weltweit größten Derivatebörse hat sich dabei die Eurex entwickelt, die 1998 aus der Fusion der DTB Deutsche Terminbörse und der schweizerischen SOFFEX entstand.

Ob komplizierte Finanzinnovation oder Schweinebauchkontrakt, die Grundannahmen sind seit der Entstehung von Termingeschäften gleich geblieben: Derivate setzen voraus, dass bei den Kontraktpartnern gegensätzliche Erwartungen an die Marktentwicklung bestehen. Der Verkäufer rechnet mit fallenden Preisen und möchte sich zum Lieferzeitpunkt den höheren Abgabepreis sichern. Der Käufer spekuliert dagegen auf steigende Preise, um so einen verhältnismäßig niedrigen Einstandspreis zu nutzen. Auch die unterschiedliche Motivation und Risikobereitschaft spielt eine Rolle. Der eine scheut die Gefahr der Preisänderung, nimmt dafür einen schlechteren Preis in Kauf und verzichtet auf die Chance eines größeren Gewinns.

Zu den wichtigsten und gängigsten Finanzderivaten, von denen fast tagtäglich neue Formen und Kombinationen entstehen, zählt immer noch die Option, einer ihrer wichtigsten Abkömmlinge ist der so genannte Future. Der Inhaber eines Future hat im Gegensatz zur Option nicht nur das Recht, sondern auch die Verpflichtung, etwa eine bestimmte Anzahl von Aktien zu im vorhinein festgelegten Preisen innerhalb einer bestimmten Laufzeit zu kaufen oder zu verkaufen. Ansonsten ist die Technik die Gleiche.

Wer verstehen und mitreden will, der muss allerdings auch die Fachtermini verstehen. Beispiel soll hier wieder die Option sein. Wer sich das Recht erwirbt, eine bestimmte Anzahl von Aktien zum vorher festgelegten Preis innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zu kaufen, erwirbt eine Kaufoption, auch Call genannt. Wer das Recht erwirbt zu verkaufen, erwirbt eine Verkaufsoption, in der Fachsprache Put genannt. Vertragspartner für den Käufer einer Kaufoption ist der so genannte Stillhalter in Wertpapieren, denn er muss die Aktien bei Ausübung der Option liefern. Bei einer Verkaufsoption ist es der Stillhalter in Geld, der die Papiere zum festgelegten Preis abzunehmen hat. Optionsverkäufer sind vorwiegend Banken oder Unternehmen, aber auch Privatpersonen mit einem großen Aktiendepot.

Natürlich lässt sich der Stillhalter seine einseitige Verpflichtung und damit sein höheres Risiko vom Käufer der Option bezahlen - per Vorkasse. Bei Abschluss des Geschäftes ist die so genannte Optionsprämie fällig. Und die ist für den Käufer der Option schnell verloren; wenn nämlich die Basisaktie nicht die gewünschte Entwicklung, bei Calls entsprechend steigende, bei Puts fallende Aktienkurse, nimmt. Wird die Option in der vereinbarten Laufzeit, die üblicherweise zwischen drei und neun Monaten beträgt, nicht ausgeübt, ist der gesamte Kapitaleinsatz verloren.

Bei Optionen und ihren Varianten sind sowohl Totalverlust des eingesetzten Kapitals, aber auch exorbitante Gewinne möglich. Und zwar durch den so genannten Leverage-Effekt, der die besondere Hebelwirkung beschreibt: Im Vergleich zum Aktienerwerb partizipiert man bei Optionen wegen des wesentlich geringeren Kapitaleinsatzes überproportional an den Kursbewegungen der Basiswerte. Kostet ein Call auf eine X-Aktie, die bei 100 Euro notiert nur ein Viertel des Papiers, also 25 Euro, wird aus einer 25-prozentigen Kurssteigerung der Aktie auf 125 Euro ein 100-prozentiger Wertzuwachs der Option, die dann 50 Euro wert ist. Natürlich gilt dies auch in umgekehrter Richtung.

Für das Geschäft mit Optionen braucht es profunde Kenntnisse, starke Nerven und eine gute Portion Glück.

Finanzderivate sind eine hochriskante Angelegenheit, aber der potenzielle Verlust für den Käufer von Optionen ist auf die Prämie limitiert, wenn er von seinem Optionsrecht keinen Gebrauch macht und es verfallen lässt. Damit ist der Verlust wesentlich niedriger als bei Aktien oder vielen anderen realen Finanzprodukten. Die Höhe der Optionsprämie, auch Optionspreis genannt, bestimmt sich ähnlich wie eine Versicherungsprämie. Je höher das Risiko, je schwankender (Fachjargon volatiler) die zu erwartende Entwicklung einer Aktie ist, desto höher ist auch der Preis für die Option. Je kürzer die Laufzeit der Option, desto geringer ist auch ihr Preis, weil die Wahrscheinlichkeit von Kursänderungen sinkt.

Für das Geschäft mit der Unsicherheit braucht es profundes Wissen, starke Nerven und auch eine Portion Glück. Dennoch haben viele Unternehmen ihre Firmenkassen in Profitcenter für hochspekulative Termingeschäfte verwandelt. Finanzderivate sind dann nicht mehr Instrumente der Risikoabsicherung oder eine sinnvolle Erweiterung der Anlagemöglichkeiten, sondern werden ausschließlich zur Gewinnerzielung eingesetzt. Prominentestes Opfer von derart innovativem Finanzmanagement war das britische Bankhaus Barings, dessen Eigenkapital 1995 durch den 28-jährigen Händler Nick Leeson vernichtet wurde, als er sich mit Futures am japanischen Kapitalmarkt übernahm. "An der Börse gibt es Lämmer und Schafe. Lämmer werden geschlachtet, Schafe geschoren", warnte der US-amerikanische Kapitalmarktheoretiker Peter L. Bernstein. An den Finanzmärkten sind die Lämmer allerdings zahlreicher als die erwachsenen Tiere.

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