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Ausgabe 06/2001 - Was Menschen bewegt

ADANDON ALL ART NOW - Asche zu Asche (Anarchy in the UK)

"Kein Mensch gewinnt im Lotto. Die schnelle Mark gibt es nicht. Niemand wird schnell reich. Das Eldorado wird man niemals finden. Reichtum wird langsam angehäuft, es ist eine Lebenseinstellung. Leider stimmt das alte Sprichwort immer, dass wer den Pfennig nicht ehrt, den Taler nicht wert ist. Andererseits muss man auch bereit sein, alles zu riskieren - das heißt nicht nur alles, was einem gehört, sondern auch alles, was einem nicht gehört - sonst passiert nie etwas." (Bill Drummond & Jimmy Cauty: "Das Handbuch" - Der schnelle Weg zu Nummer 1) "Geld", sagt Bill Drummond, "hast du es jemals angesehen und gedacht, es ist nichts?" Ja, habe ich. Aber mich auch immer wieder daran erinnern müssen, dass es doch etwas ist. Die Miete zum Beispiel oder Essen oder der Luxus, innerhalb weniger Stunden außer Landes zu sein, wenn mir mal wieder die Decke auf den Kopf fällt. Auch für Drummond ist Geld nicht selbstverständlich. Als Sohn eines schottischen Geistlichen, aufgewachsen in Liverpool, hat der 47-Jährige die typische englische Nachkriegsgeschichte zwischen grauer Realität und großem Pop gelebt. Für ihn wie für seine Umgebung war eine Million Pfund die Ikone. Eine mythische Summe, die ein geiles Auto ebenso beinhaltete wie Sex, Schönheit, Liebe, Kunst, Wissen, Gesundheit, Zeit, Leben ... alles. Außer Freiheit.

Wie so oft, wenn jemandem unglaubliche Geschichten vorauseilen, ist die erste Begegnung von desillusionierender Normalität. Ginge es nach seiner Biografie, so müsste der Mann, der mir in einem Londoner Cafe gegenübersitzt, aussehen wie eine Mischung aus David Bowie, Picasso und Charles Manson, wie ein Wesen, bei dem Pop, Kreativität und Anarchie aus jeder Pore quillen -und nicht wie ein etwas heruntergekommener Geschichtslehrer, dem ein Eckzahn fehlt. Dieser leicht bucklige, nachlässig gekleidete Mann soll "immer einen Schritt vor der menschlichen Evolution" sein, wie das englische Magazin "Select" in seiner Ehrung zum "coolsten Menschen der Neunziger" schrieb?

Zunächst einmal ist er ein Brite. "Ich bin kein Witzeerzähler", sagt Bill Drummond trocken, " aber ich bin mir im Klaren darüber, dass Humor existiert." Er ist kein Entertainer, sondern ein Exzentriker alter Schule: ruhig, bescheiden und höflich. Doch schon nach wenigen Minuten ist klar, dass es jederzeit aus ihm herausbrechen könnte. Wenn er mit abwesendem Blick darüber sinniert, dass es ihm Leid tut, sich 1992, bei seinem letzten Auftritt als Popstar nicht wie ursprünglich geplant die Hand abgehackt zu haben, kommt für einen kurzen Moment die Entschlossenheit des Künstlers zum Vorschein. Doch auch ohne die öffentliche Selbstverstümmelung war der finale Auftritt von Drummonds Pop-Duo The KLF bei den damaligen Brit-Awards, der Oscar-Verleihung der englischen Pop-Welt, ein Skandal: Während ihr Hit "3 a.m. Eternal" von der Nomen-est-Omen-Band Extreme Noise Terror interpretiert wurde, schossen Drummond und sein Partner Jimmy Cauty mit Platzpatronen-MGs ins Publikum und beendeten ihre gewalt(tät)ige Performance mit der Durchsage:"The KLF have left the Music Business." Das Ganze live, zur besten Sendezeit im BBC-Fernsehen. Und auf der anschließenden Party wartete ein ausgeweidetes Schaf auf die Show-Biz-Prominenz. Die Welt der Hit-Singles und die Pop-Gemeinschaft der gut gelaunten Zyniker hatte er mit einem großem Knall verlassen.

Dabei hatte alles so normal, harmlos und typisch britisch begonnen: Im Jahre 1977 brach Drummond, ein begeisterter Leser des englischen Pop-Zentralorgans "New Musical Express", die Kunsthochschule ab, um in die Liverpooler Musikszene einzutauchen. Sein erster Versuch mit der Gruppe "Big In Japan" produzierte zwar nur einen kleinen Hit, später schrieben aber auch die anderen beteiligten Musiker Pop-Geschichte: Ian Broudie veröffentlichte unter dem Namen Lightning Seeds die Fußball-Hymne "Three Lions". Und Holly Johnson prägte mit seiner Band Frankie Goes To Hollywood den Pop der Achtziger. Drummond hielt sich vorerst im Hintergrund, er wurde Manager von The Teardrop Explodes und Echo & The Bunnymen, die in den frühen Achtzigern die Charts stürmten.

Anfang und Ende einer Pop-Karriere: vom Millionenhit zur Millionenverbrennung Ein halbes Jahrzehnt später dann Drummonds Solo-LP "The Man": eine ebenso sarkastische wie literarische Bestandsaufnahme seiner Hassliebe zu Pop, eine der ersten Veröffentlichungen des jungen Labels Creation, das zehn Jahre später Oasis zu Weltstars machte. Vielleicht hätte die Welt heute einen zweiten Bob Dylan, hätte nicht schon ein Jahr später eine neue Musikkultur England und seinen halbschottischen Sohn in den Pop-Grundfesten erschüttert: House. Die Abstraktion von Disco, durchsetzt von der HipHop-Technik des Sampling, schuf eine komplett neue Musiklandschaft, die in großen, "Rave" genannten Tanzveranstaltungen ihren kollektiven Höhepunkt fand. Drummond, interessiert an allen Massenphänomenen, war von Anfang an dabei - als Fan wie als Protagonist.

Die Musik, die er mit seinem neuen Kompagnon Jimmy Cauty unter den Namen JAMs (Justified Ancients OfMuMu), Timelords und The KLF produzierte, war ein typisches Produkt ihrer Zeit: Acid-House, ein Soundtrack für das kollektive Durchdrehen mit anarchisch-rituellen Zügen, bestehend aus simplen, hymnischen Melodien, knackigen Beats und dem Sound mindestens einer Sirene. Die Texte waren kaum mehr als positiv klingende Slogans, Drummonds liebste sind "I Should Be So Lucky" und " Never Going To Give You Up". Auch sein eigenes " America: What Time Is Love", das ihm im ersten Ecstasy-Rausch einfiel, kann da mithalten, sowohl in seiner Kürze als auch in Bezug auf Verkäufe: Mit diesem Hit, "Doctorin' the Tardis" und dem folgenden "Justified and Ancient" konnten KLF innerhalb von drei Jahren dreimal den ersten Platz der UK-Charts belegen. Alles ohne Unterstützung eines großen Apparates. Eigene Musik, eigene Produktion, eigenes Management, eigener Verlag, eigene Plattenfirma. Dem Verdienen wie dem freien Entfalten von Ideen waren keine Grenzen gesetzt. Der Text zu "Justified and Ancient", gesungen von der amerikanischen Country-Diva Tammy Wynette hätte treffender nicht sein können: "The Jams don't need no masterplan to do whatever they can". Und es ging gerade erst los.

Was von Drummond und Cauty in Bälde zu erwarten war, hatten sie schon am Anfang ihrer Karriere angedeutet. Öffentliche Auftritte gaben sie maskiert als außerirdische Krieger, einmal wurde ein Auto ausgerüstet, um an ihrer Stelle Interviews zu geben. Ihre Anzeigen benutzten KLF stets als Platz für Propaganda und Pamphlete, bei den wenigen Auftritten wurde eigene Gage und fremdes Equipment verschenkt. Parallel dazu erschien das erste Buch: "The Manual", eine ebenso spöttische wie detailgetreue Anleitung, wie man in kurzer Zeit zum Nummer-eins-Hit kommt. "Der Kaufpreis", so der Aufdruck, " wird jedem ersetzt, der bei genauer Einhaltung der Regeln nicht innerhalb von drei Monaten Erfolg hat". Regel Nummer eins: Schließe die britische Fernsehsendung " Top Of The Pops", quasi die englische " Hitparade", in dein Herz. Da zeigte sich das Zwitterwesen von Drummond, der Popmusik liebt, aber sie von billigem Ballast befreien will - er will aufgeklärten Pop. Ein zutiefst politischer Mensch. Und ein Künstler. Es wurde stressig.

"Zum Höhepunkt der KLF-Zeit stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch", erinnert sich Drummond. "Es ist eine große Herausforderung, dir ständig klar zu machen, dass das, was du machst, nicht besser ist, nur weil du eine Wagenladung Geld dafür bekommst." Die Selbstverständlichkeit des Geldes erwies sich als Problem. Als großes Problem sogar. Bis zum 23. August 1994. Am Morgen dieses Tages, zwei Jahre nach ihrem Abschiedsknall in der Pop-Welt, verbrannten Drummond und Cauty unter dem Gruppennamen K Foundation auf der schottischen Insel Jura still und leise eine Million Pfund. Die K Foundation war als offizieller Nachlassverwalter von KLF gegründet worden, eine Gesellschaft zur Verbesserung der Kunst.

Osman Eralp, ein Freund des Duos, schrieb im Vorwort des Buchs "K Foundation Bum A Million Quid" (Ellipsis, 1997): "In der postmodernen Welt ist Philosophie Sprache, Wissenschaft Technik, Kunst Unterhaltung und Geld die Karikatur von Bedeutung. Das Verbrennen einer Million ist eine Art Negation all dessen. Bill und Jimmy haben die Postmoderne beraubt, indem sie sie verkehrt haben, ihr das genommen, was die Postmoderne von der Verbrennung gewollt hätte - etwas interessantes' aus dem Projekt zu generieren. In ihrer Ambivalenz haben sie die Aktion als eine heidnische Antwort auf die postmoderne Sprache belassen." Drummond und Cauty hatten allerdings doch etwas "Interessantes", sogar Verstörendes generiert: Die per Videokamera dokumentierte Verbrennung der Million, nach der Aufführung vom Publikum kommentiert als "ähnlich spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen".

Es begann ein neues Leben. Cauty und Drummond, als Band nicht eben auftrittsfreudig, nahmen das Video und zeigten es -selbstverständlich ohne Eintritt - in kleinen Kulturzentren quer durch England. Die Fragen der anschließenden Diskussion hatten sie zuvor auf ganzseitigen Anzeigen formuliert: War es ein Verbrechen? War es eine Opfergabe? War es Wahnsinn? War es eine Investition? War es Rock 'n' Roll? War es eine Obszönität? War es Kunst? War es ein politisches Statement? War es Quatsch?

"Es ist, wie die Träume der Menschen vor ihren Augen zu verbrennen", schallte es ihnen entgegen. Es hagelte Ablehnung unterschiedlichster Art, von dem nahe liegenden Vorwurf, was damit alles Gutes hätte getan werden können bis zur künstlerischen Verachtung. In der Kunstwelt hatten sich Cauty und Drummond schon kurz vor der Verbrennung unbeliebt gemacht, indem sie dem Turner Prize, der wichtigsten britischen Kunstauszeichnung, einen Alternativen Preis zur Seite gestellt hatten - für die schlechteste Kunst. Statt von einer kleinen Jury ließen sie den Gewinner allerdings, wiederum durch Anzeigen publik gemacht, von der Öffentlichkeit wählen. Pikanterweise fiel die Entscheidung in beiden Fällen auf die gleiche Person, die Bildhauerin Rachel Whiteread. Die von der K Foundation ausgelobten 40000 Pfund, die doppelte Summe des Turner-Preisgeldes, musste Whiteread während der offiziellen Feierlichkeiten vor laufenden Kameras entgegennehmen. Würde sie nicht kommen, so hatten Cauty und Drummond zuvor angekündigt, so würde das Geld verbrannt. "Wäre sie nicht gekommen", sinniert Drummond heute, "hätten wir mit der Million vielleicht was anderes gemacht." Die alte Kunst fragte: Was kann ich damit bewegen? Die neue Kunst weiß: Der Ausdruck ist Selbstzweck.

Hätte, könnte, sollte. Er bedauert nichts. Noch nicht einmal, dass sie auf das ohne Beleg " ausgegebene" Geld den vollen Steuersatz zahlen mussten. 400 000 Pfund an den Staat. Alle Vermutungen, es könne sich dabei nur um ein grandioses Marketing-Spektakel handeln, hatten Drummond und Cauty zuvor vernichtet: Parallel zum großen Finale bei den Brit-Awards war der Vertrieb der alten Platten, die sich zu der Zeit noch wie geschnitten Brot verkauften, eingestellt worden.

"Sie haben eine liebenswürdige Neigung zu paradoxem Erstaunen", schreibt der britische Pop-Autor Jon Savage in seinem Vorwort zu "Das Handbuch". Bei aller radikalen Konsequenz ist Drummond ein faszinierter Beobachter seiner eigenen Ideen, jederzeit bereit, bei Nichtgefallen einen Schnitt zu machen. Ganz im Sinne des Situationismus geht es ihm mehr um die Aktion als um ein abgeschlossenes, gar warenförmiges Produkt. Das Denken, "was kann ich damit bewegen", ist sekundär zu der Notwendigkeit, sich selbst auszudrücken, "den Scheiß rauszukriegen". Dieser kreative Druck treibt ihn nach wie vor auf die Straße. Im Gegensatz zu Cauty, der im vergangenen Jahr noch mal die Charts stürmte, bevorzugt Drummond aber längst die kleine Öffentlichkeit. "Ich mag die Idee, dass Leute etwas finden, ohne danach zu suchen", sagt er. "Am liebsten Menschen, die noch nie von Bill Drummond gehört haben." Seit einiger Zeit verteilt er " Pamphlets", Textblätter mit Kurzgeschichten in Cafes. Zum Reinschreiben. Zum Mitnehmen. Von seiner Freundin überredet, hat er die Geschichten gebündelt und unter dem Titel "45" - sein Alter wie auch die Umdrehungszahl einer Vinyl-Single - veröffentlicht. Es sind "Schnappschüsse" aus seinem Alltag, durchdrungen von Rückblicken auf 20 Jahren Pop und Kunst. Kluge und selbstironische Beobachtungen rund um das eigene ewige Scheitern. Tatsächlich ist das Buch eine einzige Aneinanderreihung verworfener und misslungener Aktionen; von einem legendären Konzert von Echo &: The Bunnymen, wo das Publikum zuvor 24 Stunden durch Liverpool gescheucht wurde, bis zu den 7000 Büchsen Bier, die Drummond mit Freunden Weihnachten 1995 an Londoner Obdachlose verteilten - was letzten Endes nicht von der Polizei, sondern von einschreitenden Sozialarbeitern verhindert wurde. Eine vom Chor der Roten Armee eingesungene Version von "K Sera Sera" mit der Textzeile "War Is Over If You Want It" befindet sich in Drummonds Keller und wird erst dann in die Welt kommen, wenn tatsächlich nirgendwo mehr Krieg stattfindet. Also nie.

Betrachtet man all diese Ideen gemäß des Titels als Singles, so produziert Drummond nach wie vor Hits am laufenden Band - und sieht ihnen erstaunt und lustvoll beim Scheitern zu. Die Million dagegen, das laut einem der wenigen Zusprüche "lauteste und klügste Fuck Off aller Zeiten" ist als Thema ausgespart.

Ein neues Buch ist bereits geschrieben. In "How to be an Artist" wird Drummond nochmals klarstellen, wie wenig sein Kunstbegriff mit elitärem Gestus gemein hat. Seine Aktionen und Arbeiten leben von einem tiefen Glauben an Menschen und Demokratie - und der Liebe zu Fußballstadien. Und was, wenn ihm sein literarisches Leben eine neue Million beschert? Drummond zögert " Hm. Nichts, was ich machen will, kostet viel Geld. Was wir als K Foundation gelernt haben, ist, welche Leere in großen Gesten liegt. Das Verschenken von Bier zum Beispiel, so was nimmt dir das Bedürfnis nach großen Aktionen." Sprichts, putzt seine Brille und fährt zurück aufs Land zu Frau und Kindern, um an kleinen Dingen zu arbeiten. In seinem Keller: die zum Ziegelstein geformte Asche von einer Million Pfund.

(Internet) www.klf.life.eu.org www.klf.de www.penkiln.burn.com

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