Ausgabe 08/2001 - Schwerpunkt Glaubwürdigkeit

Der Familienbulle

Am 8. Oktober 1977 teilt Andreas Baader einem Beamten des Bundeskriminalamts mit, dass Selbstmorde der inhaftierten Terroristen nicht auszuschließen seien, wenn die Bundesregierung sich nicht zu einem Austausch entschließt.

Am 18. Oktober 1977 erfährt der BKA-Mann, dass Baader und zwei weitere Gefangene nicht mehr am Leben sind. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe starben durch Kopfschüsse, Gudrun Ensslin fand man erhängt an ihrem Zellengitter. Der Polizist war Alfred Klaus, genannt Für Alfred Klaus, damals Erster Kriminalhauptkommissar des Bundeskriminalamts, ist der "deutsche Herbst" die schwierigste Phase seiner beruflichen Laufbahn. Er hatte einen Konflikt auszutragen. Mit seinem härtesten Gegner - sich selbst. Es war der Konflikt zwischen dem, was er tun musste, und dem, was er für richtig hielt. Und diese zehn Tage im Oktober waren es, in denen der schon lange währende Kampf seinen Höhepunkt erreichte. Klaus' Geschichte ist eine, die zeigt, dass Glaubwürdigkeit manchmal auch mit Sturheit zu tun hat.

Er studierte das Konzept der Stadtguerilla, las Marx und Mao. Er war ein Polizist, der versuchte, wie ein Terrorist zu denken.

Es war einer der schwierigsten Jobs, den das Bundeskriminalamt zu vergeben hatte. Und Alfred Klaus war in den Augen seiner Vorgesetzten der richtige Mann, um 1971 den Aufbau der "Sonderkommission Terrorismus" zu übernehmen. Schon in den Fünfzigern hatte er sich mit politischen Straftaten befasst. Unter anderem hatte er gegen die verbotene Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ermittelt und sich mit dem ideologischen Hintergrund, mit Marxismus und Leninismus, beschäftigt. 1971 hatte die Polizei ein gutes Dutzend Mitglieder der "Roten Armee Fraktion" festgenommen. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, die Köpfe der Gruppe, aber waren noch auf freiem Fuß.

Die Abteilung von Klaus sollte diese Leute fassen, die das Jahr 1970 über für Schlagzeilen gesorgt hatten. Er glaubte als einer der Ersten, dass die Gesuchten keine "einfachen" Kriminellen waren. Er war überzeugt, dass es sich bei der damals noch Baader-Mahler-Meinhof-Gruppe genannten Organisation um politisch motivierte Täter handelte: um echte Überzeugungstäter also. Deshalb wollte er herausfinden, wer diese Menschen waren, welche politischen Ziele sie verfolgten, welche Absichten hinter ihren Aktionen steckten.

Er las alle Schriften aus der Terroristenszene, die bei Durchsuchungen gefunden wurden, studierte das Konzept der Stadtguerilla von Carlos Marighella, las Marx und Mao. Er glaubte, das BKA könne nur Erfolg haben, wenn man sich in die Denkweise der Täter einfühlte. Mit vielem, von dem er vorerst als Einziger ausging, lag er richtig: Taten und Schriften der RAF in den folgenden Jahren bewiesen es. Bei vielen seiner Kollegen jedoch stieß Klaus mit seiner Methode auf Unverständnis. Man warf ihm sogar vor, den Terroristen den theoretischen Unterbau für sinnlose Gewalt zu liefern. Es fielen Bemerkungen wie: "Du bist der Chefideologe der RAF." Manchmal scherzhaft, manchmal verächtlich gemeint.

Alfred Klaus ist auf eine sympathische Weise stur. Wohl deshalb erzählte er vor Jahren einem Journalisten von einem Alternativvorschlag, den er während der Schleyer-Entführung entwickelt hatte. Er lief auf eine mögliche andere Strategie gegenüber den inhaftierten Terroristen hinaus. Er wollte mit einem fingierten Schreiben Schleyer frei bekommen. Jahrelang hatte er seine Ideen von der Öffentlichkeit fern gehalten. Doch irgendwann fand er, dass man die Wahrheit nicht länger verschweigen dürfe. Beim BKA machte er sich mit dieser Ansicht allerdings keine Freunde, es verhinderte damals die Veröffentlichung. Heute ist der Vorschlag bekannt. Doch dazu später.

Klaus machte weiter, ohne Rücksicht auf das, was andere sagten. Er arbeitete sich immer tiefer in das Gedankengebäude der RAF ein. Er war überzeugt: Neben den politischen Hintergründen, musste man auch die persönlichen der RAF-Mitglieder kennen, um gezielter nach ihnen fahnden zu können. Im April 1971 machte der BKA-Beamte eine Reise durch die Bundesrepublik und besuchte die Familien der Terroristen. Er führte lange Gespräche, tröstete oft, vermittelte manchmal. Überall wurde er freundlich empfangen. Weil er verstehen, ehrlich begreifen wollte.

"Die Angehörigen merkten, dass ich nicht versuchte, über sie herauszufinden, wo sich ihre Kinder versteckten. Es ging darum, durch den Kontakt zu den Eltern Gründe zu finden, warum die Gruppe um Baader und Ensslin in den Untergrund gegangen war", sagt Klaus. Und ihn begleitete die leise Hoffnung, die Eltern könnten ihre Kinder bei einer möglichen Kontaktaufnahme davon überzeugen, "mit dem Unsinn aufzuhören". Er sprach mit den Eltern und der Schwester Gudrun Ensslins, unterhielt sich bei einer Flasche Wein mit der Mutter und Großmutter von Andreas Baader und übernachtete während des Besuchs bei Astrid Prolls Vater in ihrem alten Kinderzimmer.

Seine Protokolle der Gespräche wurden die Grundlage für die beim BKA geführten Personenakten, heute Täterprofile genannt. "Familienbulle" schimpfte Ulrike Meinhof ihn. Es waren nicht nur die Täterprofile, die er als Methode erfand. Klaus hatte sich tatsächlich ein eigenes, vorher nie da gewesenes Berufsprofil geschaffen. Beim BKA galt er ab Mitte der siebziger Jahre als der Spezialist für politische und persönliche Hintergründe des Terrorismus. Doch bei aller Anerkennung: Den Spagat, zu dem ihn der Job zwang, den musste er allein schaffen. Er stand zwischen dem Staat, der RAF und deren Angehörigen.

Der Preis für den Job ist hoch: Ausgerechnet der " Familienbulle" vernachlässigt seine eigene Familie.

Den Spitznamen "Familienbulle" hat der heute 83-jährige Pensionär so sehr verinnerlicht, dass er sich selbst so nennt. Bücher, die er verschenkt, werden mit Stolz und "alles Gute für Sie, Ihr Familienbulle" signiert. Hart für das zu arbeiten, woran er glaubte, ließ oft kein privates Leben mehr zu. Glaubwürdigkeit kostet Zeit. In den Jahren beim BKA hat Klaus seine eigene Familie vernachlässigt, sehr sogar. Seine Angehörigen habe er dem Beruf geopfert, sagt er. Spricht von Versagen. 1957 wurde sein dritter Sohn geboren, der später an Herzversagen starb. Rückblickend bleibe das Gefühl, er hätte mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen müssen.

Die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus wurde für Klaus zum wichtigsten Lebensinhalt. Immer wieder las er die neu erschienenen Manifeste der Gruppe und arbeitete daran, seinen Kollegen klar zu machen, dass man die politischen Motive unbedingt beachten müsse. Auf seinem Wohnzimmertisch in Hamburg breitet der alte Herr Papiere aus, zum Teil schon vergilbt: seitenlange Analysen der RAF-Mitglieder, ihrer Positionen innerhalb der Organisation, ihrer Aktivitäten in Stammheim. Dokumente, die seine Kollegen überzeugen sollten.

Er redet schnell und wortgewandt wie einer, der es gewohnt ist, Vorträge zu halten. Das Zimmer des pensionierten Polizisten sieht aus wie ein bewohntes Tagebuch, um ihn herum stehen Regale voller Ordner und Bücher zum Thema Terrorismus. Neben dem Fernseher stapeln sich Videokassetten mit Aufnahmen von Fernsehauftritten. Gemeinsam mit dem ehemaligen RAF-Mitglied und heutigen NPD-Anwalt Horst Mahler war er vor einigen Jahren bei Alfred Biolek eingeladen. Der Bayerische Rundfunk hat einen Dokumentarfilm über die Arbeit des "Familienbullen" gedreht. Die RAF nimmt viel Platz ein im Leben von Alfred Klaus.

Er war für den Austausch der Gefangenen, um Hanns Martin Schleyer zu retten. Aber er musste schweigen.

Bei der Arbeit an den Täterprofilen wurde dem BKA-Beamten klar, dass es sich um Persönlichkeiten handelte, mit denen die Polizei bis dahin nie zu tun gehabt hatte. Es waren junge, intelligente Menschen, mit Schulbildung, aus gutem Elternhaus - zu allem entschlossen, ohne Rücksicht auf andere. Und ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Die Arbeit brachte ihm die Mitglieder der RAF näher als jedem Kollegen.

Er sagt, er habe nie Sympathien für die Terroristen gehabt. Aber er gibt zu, dass es Momente gab, in denen sie ihn beeindruckten: mit ihrer Furchtlosigkeit und Unbedingtheit.

Bis 1974 waren die rührenden Mitglieder gefasst. Alfred Klaus besuchte nun nicht nur die Familien, sondern auch die Inhaftierten und schaffte es, von ihnen als Gesprächspartner akzeptiert zu werden. So war er während der Schleyer-Entführung 1977 der einzige Beamte des BKA, mit dem die Terroristen sprachen. Per Hubschrauber wurde er eingeflogen, wenn Gudrun Ensslin oder Andreas Baader eine Nachricht an die Bundesregierung übermitteln wollten. Und Klaus analysierte auch die Kassiber, die heimlichen Botschaften, die die Stammheimer Gefangenen austauschten.

Die genauen Kenntnisse des RAF-Jargons nutzte er während der Entführung Hanns Martin Schleyers, um eine fingierte Kommandoerklärung der Entführer zu schreiben. Das war Teil seines Alternativvorschlags zur Lösung des Geisel-Dramas. Er nahm die Selbstmorddrohung Andreas Baaders ernst, auch die Andeutungen von Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Er wusste, dass die Bundesregierung einen Austausch niemals in Betracht zog, er wusste auch, dass der Präsident des BKA, Horst Herold, auf Zeit spielte. Und er kannte die Gnadenlosigkeit der RAF gegenüber anderen und sich selbst.

Heute sagt er, immer noch vorsichtig: "Ich war nicht vollkommen gegen einen Austausch, weil ich den Gefangenen glaubte, dass sie nicht in die Bundesrepublik zurückkommen würden. Ich kannte ja ihre Persönlichkeiten. Und man hätte sie später anderswo wieder fassen können. Niemand kann sich auf der Welt für immer verstecken. Schleyer wäre gerettet gewesen." Seine Idee war es, die Inhaftierten an den Verhandlungen zwischen Bundesregierung und RAF zu beteiligen und die Entführer zur Freilassung Schleyers zu bewegen. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Sprechen durfte er darüber mit den Gefangenen nicht. Das fiel ihm schwer. "Ich konnte ihnen nicht von meinen Absichten berichten und auch nicht sagen, dass ein Austausch nie stattfinden würde." Der Familienbulle sieht angestrengt aus, wenn er über diese Zeit spricht, über die Zwickmühle, in der er damals steckte: "Ich wollte Leben retten, hatte aber keine Entscheidungsgewalt." Wahrheiten verschwiegen hat er, aber gelogen habe er für seinen Arbeitgeber niemals. Wenig glaubwürdig erscheinen Alfred Klaus - rückblickend - die Bekundungen der Bundesregierung, das Leben Schleyers wirklich retten zu wollen. Er schwieg damals, musste schweigen, trat bei den Gefangenen nur als Mittelsmann auf. "Nur einmal habe ich zu Jan-Carl Raspe gesagt, dass ich jetzt mal als reiner Privatmann zu ihm reden würde. Ich habe ihm den Rat gegeben, dass es sicher eine historische Tat wäre, wenn die Gefangenen Leben erhalten und nicht zerstören würden." Das war ein letzter, vergeblicher Appell, sagt der Familienbulle. Bis heute verfolgt ihn die bleierne Zeit des "deutschen Herbstes" bis in seine Träume. Das Ende der Entführung ist bekannt. Die Beweise dafür, dass Klaus die Lage damals - möglicherweise als einer der ganz wenigen - richtig einschätzte, sind traurig und erschreckend.

Seine Methoden waren unüblich: Vielleicht hätten sie gerade deshalb Leben retten können.

Seine einzigartige Position hat Klaus nach seiner Zeit beim BKA eine zweite Karriere beschert: Er wurde zum Erzähler der RAF-Geschichte und zum Berater vieler, die sich mit dem Phänomen Terrorismus beschäftigten, Autoren, Regisseure, Studenten und Schüler. Man besucht ihn, um zu verstehen, warum Menschen aus der zerfallenden Außerparlamentarischen Opposition den Weg der Gewalt wählten, und wer diese Menschen waren. Dann sitzt man mit ihm auf seinem Sofa, sieht sich Videoaufnahmen an oder macht sich Notizen, während er Kassiber entziffert. Vielleicht zeigt er gegen Ende des Besuchs noch eine Mappe mit Dankesschreiben von Menschen, denen sein Wissen geholfen hat. Klaus gilt als einer, dem man glauben kann. Stefan Aust, "Spiegel"-Chefredakteur und Autor eines Buches über den "Baader-Meinhof-Komplex", hat einmal über ihn gesagt; "Es gab da einen Beamten beim BKA, der vieles vorausgesehen hat, dessen Methoden unüblich waren, aber gut. Hätte man öfter auf ihn gehört, hätten möglicherweise einige Taten vermieden werden können."

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