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Ausgabe 05/2000 - Was Unternehmern nützt

Grundkurs Bilanz: IAS - US=GAAP - HGB

Die Buchhalter der Gummibärchen Company haben es nicht leicht - die Globalisierung macht auch vor ihrem bislang eher beschaulichen Job nicht halt. Durch die Expansionspolitik ihres neuen Vorstands sind sie auf einmal zu den Hauptakteuren der internationalen Rechnungslegung geworden: Statt nur nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HG B) müssen sie nun auf einmal auch nach den IAS (International Accounting Standards) und den US-GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) bilanzieren.

Doch was heißt das eigentlich? Stark vereinfacht dargestellt, lassen sich zwei Bilanzierungswelten unterscheiden, deren Rechtstraditionen, finanzwirtschaftliche und steuerrechtliche Rahmenbedingungen verschieden sind. Der Bilanzierung nach dem HGB steht die anglo-amerikanische gegenüber.

Um die Unterschiede beider Richtlinien besser zu verstehen, hilft ein kleiner Ausflug in die Historie. Das HGB stammt aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts - einer Zeit, in der die Geldpolitik noch dem Staat unterstand, der die Geldmenge nach Belieben steuerte. Wann immer es den Politikern opportun erschien, warfen sie die Gelddruckmaschinen an. Das fühlte - stark verkürzt - am Ende dazu, dass es mehr Geld als Waren gab und die Preise drastisch stiegen. Die Folgen für die Volkswirtschaft waren bekanntermaßen fatal.

Insofern wundert es nicht, dass die Gesetzgeber im Besonderen daran interessiert waren, inflationäre Erscheinungen aus den Bilanzen herauszuhalten, um etwa Kreditgeber zu schützen.

Die amerikanischen Verantwortlichen hatten einen anderen Ansatzpunkt. Ihnen ging es vor allem um den Schutz der Aktionäre: Die verheerenden Auswirkungen des Börsenkrachs von 1929 veranlasste den amerikanischen Kongress dazu, die Securities and Exchange Commission (SEC) zu gründen, um den Handel von Wertpapieren zu überwachen.

Die SEC hat ihre Aufgaben an das Financial Accounting Standards Board (FASB) weiterdelegiert. Dies war die Geburtsstunde der Generally Accepted Accounting Principles (US-GAAP). 1973 wurde in London parallel dazu das International Accounting Standards Committee gegründet. Das IASC ist eine privatrechtliche Organisation und verabschiedet wie das FASB Standards in der Rechnungslegung, die international Anerkennung finden.

Warum sich deutsche Buchhalter wie die der Gummibärchen Company plötzlich mit den internationalen Richtlinien befassen müssen? Ganz einfach: Auch der Gesetzgeber kommt an der Globalisierung nicht vorbei. Zu groß war der Druck der Unternehmen. In 1999 wurde der Paragraph 292a HGB durch das Bundesjustizministerium verabschiedet. Vom 1. Januar 2005 an werden daher internationale Rechnungslegungsvorschriften in Deutschland Standard sein. Es gibt viel zu tun.

Die Bilanzierungsrichtlinien unterscheiden sich erheblich, etwa bei den Bewertungsvorschriften. In unserem Fall stellen die Gummibärchen bekanntlich die Vorräte in unserer (fiktiven) Bilanz dar.

Ein Beispiel: Wir erhalten im Jahr zwei vollkommen identische Lieferungen grüner Gummibärchen (" Rohmasse") zur Weiterverarbeitung. Lieferung 1 à 10000 Kilo, Preis 10000 Euro; Lieferung 2 à 10000 Kilo, Preis 12 000 Euro. Am Jahresende sind 10000 Kilo über. Aber zu welchem Preis? Die Gummibärchen lassen sich keiner der beiden Lieferungen eindeutig zuordnen, weil sie sich nachts bei ihren Partys vermischt haben. Für solche Fälle hat die Rechnungslegung Prinzipien wie LIFO (Last in - First out), FIFO (First in First out), HIFO (Highest in - First out), und LOFO (Lowest in - First out) entwickelt.

Wir wissen, dass in unserem Beispiel nach deutschem Handelsrecht ein Wert von 10000 Euro, international (IAS & US-GAAP) aber ein Wert von 12 000 Euro bemessen wird. Wieso? In Deutschland sind die Finanzbehörden das Maß der Gewinnermittlung (herunter mit dem Gewinn), in den Vereinigten Staaten ist es der Aktionär (und wieder herauf mit dem Gewinn).

Noch ein Beispiel: Die Produktionsmaschinen unterliegen dem Werteverzehr. Der Wert der Maschinen beträgt 20000 Euro, Nutzungsdauer zehn Jahre, macht 2000 Euro Abschreibung pro Jahr. Dies entspricht internationalen Grundsätzen. Im deutschen Handelsrecht existiert neben dieser linearen AfA (Absetzungen für Abnutzung) allerdings auch noch die degressive. Die degressive Abschreibung beträgt maximal das Dreifache der linearen, also 6000 Euro in unserem Beispiel.

Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt in der Bilanzierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens: Die Gummibärchen Company hat ein Rezept für Lakritzschnecken entwickelt. Das Rezept hat einen Marktwert von 20 000 Euro, darf aber nach HGB in der Bilanz nicht angesetzt werden. Nach internationalen Grundsätzen erfolgt dagegen eine Aktivierung.

Bei Bewertung all dieser Unterschiede zusammengenommen, ergibt sich nach nationalen Grundsätzen eine Bilanzsumme (per 31. Dezember 2000) von 94000 Euro, nach internationalen Grundsätzen sind es 120000 Euro. Die Differenz von 26000 EURO wird nach HGB als (tatsächlich fiktiver) Verlust verbucht.

Nun wissen Sie, das internationale Buchhaltung in Wirklichkeit mordsspannend ist. Das ist gut so, denn am Ende kommen Sie ohnehin nicht an ihr vorbei. Vor Mergern und Fusionen über die Grenzen hinweg ist niemand sicher. Auch nicht wenn er nur Gummibärchen herstellt.

Literatur: Josef Baus: "Bilanzpolitik - Internationale Standards - Analyse", Cornelsen Verlag, Berlin 2000 Karl Born: "Rechnungslegung nach IAS, US-GAAP und HGB im Vergleich", Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1999 Hans-Georg Bruns: "Daimler-Benz - Die Umstellung der Rechnungslegung aus Sicht des Konzernmanagements", in: Kurt V. Auer (Hrsg.): Die Umstellung der Rechnungslegung auf IAS/US-GAAP, Ueberreuther Verlag, Wien/Frankfurt 2000

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